15.12.12

Terrorismus

Bombenfund in Bonn - Spur führt in Islamistenszene

Beim Bonner Anschlagsversuch gibt es Hinweise, wer die Bombe abgelegt hat. Der Täter soll aus der radikal-islamistischen Szene stammen.

Von Per Hinrichs, Martin Lutz und Uwe Müller
Foto: dpa

Polizisten sichern im Bahnhof in Bonn Spuren: Ein Sprengsatz wurde ferngezündet, detonierte aber nicht
Polizisten sichern im Bahnhof in Bonn Spuren: Ein Sprengsatz wurde ferngezündet, detonierte aber nicht

Nur zwei schwache Batterien verhinderten ein Inferno. Die Zündvorrichtung der selbst gebauten Bombe am Bonner Hauptbahnhof löste zwar aus, brachte den Sprengstoff aber nicht zur Explosion. Deutschland hat wieder einmal sehr viel Glück gehabt. Wäre die Bombe am Bahngleis hochgegangen, hätten die umherfliegenden Splitter wohl viele Menschen getötet oder schwer verletzt.

Beim Bonner Anschlagsversuch ist noch vieles unklar. Rund 500 Ermittler der "Soko Anschlag" sind pausenlos im Einsatz. Sie gehen vor allem einer Spur nach, der ins Salafisten-Milieu. Wie die Berliner Morgenpost aus Sicherheitskreisen erfuhr, gibt es nun Hinweise, wer der Mann sein könnte, der die blaue Nylonsporttasche mit der Sprengvorrichtung im Bahnhof abstellte.

Sollte sich der Verdacht erhärten, wäre der Täter jemand, der über stabile Verbindungen in die radikale islamistische Szene verfügt. "Dreh- und Angelpunkt ist diese Person", heißt es. Zeugen beschrieben einen Mann mit dunkler Hautfarbe, der 30 bis 35 Jahre alt und etwa 1,90 Meter groß ist und eine schlanke Statur hat.

Die Hautfarbe könnte Ermittlern zufolge darauf hinweisen, dass es sich um ein Mitglied der radikal-islamischen Bonner Gruppierung Deutsche Shabaab handeln könnte, der vor allem Deutsch-Somalier und Somalier angehören. Ob der Verdächtigte den Sprengsatz nur als Drohung verstand oder die Bombe falsch montiert war, blieb unklar.

"Wir hatten reichlich Glück"

Es ist ein kleines Wunder, dass die Deutschen eine solche Katastrophe wie in Madrid oder London noch nicht erlebt haben. "Wir hatten bisher reichlich Glück. Darauf können wir uns nicht auf Dauer verlassen", sagte Rainer Wendt, der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft. Zwar sei die Polizei äußerst tüchtig, aber auch sie könne das Glück "irgendwann einmal" im Stich lassen.

Bislang ist die Bilanz fundamentalistischer Terroristen in Deutschland dürftig. Es gibt nur einen Anschlag, bei dem Menschen starben: Der Kosovare Arid Uka erschoss am 2. März 2011 zwei US-Soldaten am Frankfurter Flughafen, um sie an der Einreise nach Afghanistan zu hindern. Es waren allerdings wieder glückliche Umstände, dass es bei den beiden Toten blieb. Die Tatwaffe hatte Ladehemmung.

Bonn erinnert an den missglückten Anschlag der Kölner Kofferbomber. Sie hatten vor sechs Jahren nur deshalb keinen Erfolg, weil die Sprengsätze wegen eines handwerklichen Fehlers nicht explodierten. Die Passagiere zweier Regionalzüge nach Hamm und Koblenz, in denen die Kofferbomben deponiert worden waren, schrammten knapp an einer Katastrophe vorbei. Die Libanesen konnten überführt werden, weil sie von den Überwachungskameras im Kölner Hauptbahnhof gefilmt worden waren.

"Gefährder" sind dem Verfassungsschutz bekannt

Die Liste der Versuche, Menschen im Namen Gottes in die Luft zu sprengen, ist lang. Deutschland ist nur von einem größeren islamistischen Terroranschlag verschont geblieben, weil glücklicherweise kurz vorher immer etwas schiefging. Seit dem 11. September 2001 haben die Verfassungsschützer Islamisten in Deutschland im Blick, sie wissen in der Regel, wer zu den "Gefährdern" zählt.

"Allein in den vergangenen zehn Jahren hat der Verfassungsschutz entscheidend mitgewirkt, zehn Anschläge aus dem islamistischen Bereich zu verhindern, beispielsweise den der Sauerlandgruppe", sagte der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, der Berliner Morgenpost im November. Überprüfbar ist die Zahl nicht.

Nach dem versuchten Sprengstoffanschlag am Bonner Hauptbahnhof identifizierten die Ermittler jetzt einen Mann aus dem nordrhein-westfälischen Langenfeld, berichtete der WDR am Sonnabend. Der Tatverdächtige gilt demnach als Verbindungsmann zu al-Qaida. Allerdings soll immer noch unklar sein, ob der Verdächtige tatsächlich zur Tatzeit am Bahnhof oder mit der Planung beschäftigt war.

Anleitung im Internet

Die Bonner Bombe passt von ihrer Machart her zu einer Bauanleitung aus einem Internetmagazin der al-Qaida-Filiale im Jemen, bestätigten Sicherheitskreise der Berliner Morgenpost. Bis auf wenige Abweichungen sei die Bombe mit der dort beschriebenen Konstruktion identisch.

Die Bundesanwaltschaft übernahm inzwischen die Ermittlungen. Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) forderte als Konsequenz aus dem Anschlagsversuch, den Straftatbestand der Bildung einer terroristischen Vereinigung zu erweitern. Er plädierte gegenüber der Berliner Morgenpost dafür, dass der entsprechende Paragraf 129a des Strafgesetzbuches auch bei Brand- und Sprengstoffdelikten angewendet und der Generalbundesanwalt in solchen Fällen zuständig wird. Der Sprecher der CDU geführten Innenministerien verlangte zudem, die Videoüberwachung auszuweiten: "Auf Bahnhöfen ist dies flächendeckend erforderlich."

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