15.12.12

Gesundheit

Zucker-Steuer soll Kinder vor Fettleibigkeit bewahren

Übergewicht und Diabetes sind Volkskrankheiten. Eine Steuer auf Zucker soll vor allem Kinder und Jugendliche vom Konsum abhalten.

Von Sabine Gundlach
Foto: picture alliance / dpa

Kinder lieben Süßigkeiten. Eine Steuer auf Zucker soll nun den Konsum eindämmen helfen
Kinder lieben Süßigkeiten. Eine Steuer auf Zucker soll nun den Konsum eindämmen helfen

Ob Softdrinks, Ketchup, Wurst oder Brot – immer mehr Lebensmittel enthalten Zucker. 35 Kilogramm Zucker verbraucht der Deutsche pro Jahr im Durchschnitt, fast 100 Gramm täglich. Das ist zu viel, sagt der Potsdamer Ernährungsforscher Professor Hans-Georg Joost und geht jetzt in die Offensive.

Zeitgleich zum am Freitag in Berlin vorgestellten Ernährungsbericht 2012 der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) schlägt Joost eine "Zucker-Steuer" vor. Die Idee des Direktors des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung: der erhöhte Preis soll vor allem Kinder und Jugendliche vom Konsum ungesunder Lebensmittel abhalten.

Auch die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) unterstützt den Vorstoß für eine "Zucker-Steuer". Verbrauchern sei oft nicht klar, dass Lebensmittel Zucker enthalten "Im Ergebnis konsumieren wir unkontrolliert Zucker und nehmen mehr Kalorien zu uns, als eine gesunde Energiebilanz vorschreibt", sagt DDG-Sprecher Professor Andreas Fritsche aus Tübingen.

Die Folge: Bereits 15 Prozent der Drei- bis 17-Jährigen sind übergewichtig. Das wiederum erhöhe nachweislich das Risiko für Herzkrankheiten, Krebs, Arthrose, Schlaganfall und auch Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) Typ II.

Diabetes-Kosten eindämmen

"Damit die Folgekosten für das Gesundheitswesen nicht völlig aus dem Ruder laufen, sollte der Staat regulierend eingreifen, wie es die Weltgesundheitsorganisation fordert", sagt Fritsche. Eine Steuer für gesundheitsschädigende Lebensmittel sei da ein möglicher Weg. Auch Knut Mai, Oberarzt an der Charité für Endokrinologie, Diabetes und Ernährungsmedizin begrüßt Joosts Vorschlag. "Ich bin mir zwar unsicher, ob eine solche Steuer das Problem löst, aber die Idee stößt eine wichtige Debatte an," sagt Mai.

Laut der vom Verbraucherministerium in Auftrag gegebenen Ernährungsstudie ging die Anzahl der übergewichtigen Kinder um drei Prozent und die mit Adipositas (Fettsucht) zwar um 1,8 Prozent zurück. Grundsätzlich haben mehr als 60 Prozent der Männer und 43 Prozent der Frauen in Deutschland Übergewicht.

Übergewicht als Volkskrankheit

An der Charité registriert man nach eine starke Zunahme an Krankheiten, die in Zusammenhang mit Übergewicht stehen, wie Mai sagt. Ein wirkliches Eingreifen der Politik hat die Nahrungsmittelindustrie aber offenbar nicht zu fürchten.

Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) ließ bereits erklären, dass sich Strafsteuern für Cola oder Chips als unwirksam erwiesen hätten. Auch im Berliner Senat wird die "Zucker-Steuer" skeptisch betrachtet. "Ich halte nichts von einer solchen Steuer," sagt Thomas Heilmann. Der Senator für Verbraucherschutz betont: "Ich setze Aufklärung und nicht auf Bevormundung".

Dies sieht man freilich nicht überall so. Die Franzosen haben Anfang dieses Jahres eine höhere Steuer auf zuckerhaltige Getränke wie Cola eingeführt und diskutieren heftig über die sogenannte Nutella-Steuer für Lebensmittel, die das besonders fettreiche Palmöl enthalten. Dänemark will hingegen seine erst vor gut einem Jahr eingeführte Zucker- und Fettsteuer wieder abschaffen. Sie verursache zu hohe Verwaltungskosten.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Diabetes-Fakten
  • Zahl der Betroffenen

    Diabetes mellitus, im Volksmund auch „Zucker“ genannt, ist inzwischen eine Volkskrankheit. Derzeit sind daran etwa sechs Millionen Bundesbürger erkrankt, wie aus dem gerade veröffentlichten Gesundheitsbericht „Diabetes 2013“ hervorgeht. 90 Prozent leiden an einem Typ-2-Diabetes, die anderen an Typ-1-Diabetes – darunter schätzungsweise 15.000 Kinder.

  • Wirkung und Anzeichen

    Bei Diabetes handelt es sich um eine Stoffwechselkrankheit: Der Körper produziert entweder kein Insulin mehr (Typ 1), oder die Zellen können es nicht mehr aufnehmen (Typ 2). Alle Diabetes-Kranken haben ein gemeinsames und messbares Kennzeichen: die chronische Erhöhung ihres Blutzuckers.

  • Weg des Zuckers

    Der mit der Nahrung aufgenommene Zucker gelangt nicht mehr ins Zellinnere und kann dort nicht als Energielieferant oder -speicher wirken. Der aufgenommene Zucker wird stattdessen im Blut angereichert, der Blutzuckerspiegel steigt. Der Zucker wird schließlich ungenutzt mit dem Urin ausgeschieden. Schon die Ärzte der Antike beschrieben den „honigsüßen Urinfluss“, so die wörtliche Übersetzung.

  • Mögliche Folgen

    Diabetes mellitus ist keine reine „Zuckerkrankheit“, sondern geht auch einher mit Störungen des Protein- und Fettstoffwechsels. Diabetiker sind gefährdet, was Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall angeht.

  • Ursache von Typ 1

    Als verantwortlich für Typ 1 gilt ein Mix aus Erbanlagen, äußeren Einflüssen (etwa einer bestimmten Virusinfektion) sowie eine Fehlsteuerung des Immunsystems.

  • Ursache von Typ 2

    Der Typ-2-Diabetes wird häufig immer noch Alterszucker genannt, obwohl die Betroffenen immer jünger werden. Als Auslöser gelten fettreiche Kost, Übergewicht und Bewegungsmangel.

  • Weltweite Zahlen

    Die Anzahl der Betroffenen steigt seit Jahren in fast allen Ländern rasant an. Weltweit schätzt die Weltgesundheitsorganisation die Zahl der Diabetes-Patienten mittlerweile auf knapp 350 Millionen. 80 Prozent davon leben der WHO zufolge in Entwicklungs- und in Schwellenländern.

  • Weltdiabetestag

    Der Weltdiabetestag wird seit 1991 begangen. Seit 2007 ist er offizieller Tag der Vereinten Nationen. Der 14. November wurde gewählt, weil an diesem Tag Frederick G. Banting geboren wurde, der gemeinsam mit Charles Herbert Best 1921 Insulin entdeckt hat. Nach dem Weltaidstag ist der Weltdiabetestag der zweite Aktionstag der Vereinten Nationen, der einer Krankheit gewidmet ist. Eine entsprechende Resolution verabschiedeten die UN Ende 2006. Hintergrund war die weltweit steigende Zahl von Diabetes-Patienten und der Wunsch, mehr Prävention zu betreiben.

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Rücktritt So arm, aber sexy war die Zeit mit Wowereit
"11. September" Wowereit verspricht sich bei Rücktrittsankündigung
Hauptstadt So denken die Berliner über Wowereits Rücktritt
Tödliche Krankheit Ärzte zuversichtlich bei Ebola-Fall in Hamburg
Top Bildershows mehr
Bürgermeister-Karriere

Klaus Wowereit und der Abstieg vom Gipfel

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote