14.12.12

Islamisten vermutet

Bonner Bombe hat terroristischen Hintergrund

Die Bundesanwaltschaft vermutet Islamisten hinter dem Bombenfund in Bonn. Der Sprengsatz hat Ähnlichkeit mit dem Attentat im Madrid 2004.

Von Günther Lachmann
Foto: dapd

Beamte des Landeskriminalamts durchsuchen hinter einer Absperrung auf einem Bahnsteig des Hauptbahnhofs in Bonn eine Tasche, in der sich zündfähiges Material befunden hat. Die Ermittler vermuten Islamisten hinter der Tat
Beamte des Landeskriminalamts durchsuchen hinter einer Absperrung auf einem Bahnsteig des Hauptbahnhofs in Bonn eine Tasche, in der sich zündfähiges Material befunden hat. Die Ermittler vermuten Islamisten hinter der Tat

Nach dem Bombenfund am Bonner Hauptbahnhof vom Montag hat jetzt die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen übernommen. "Es liegen nunmehr zureichende tatsächliche Anhaltspunkte dafür vor, dass es sich bei dem Geschehen um einen versuchten Sprengstoffanschlag einer terroristischen Vereinigung radikal-islamistischer Prägung handelt", teilte die Behörde am Freitag in Karlsruhe mit.

Sicher ist demnach nun auch, dass die Reisenden im Bahnhof nur knapp einer Katastrophe entgingen. Nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft wurde die Tasche mit einer "zündfähigen Sprengvorrichtung" gegen 13 Uhr von einem Mann auf dem Bahnsteig abgestellt.

Die Bombe bestand nach vorläufigen Erkenntnissen der Ermittlungsbehörden aus einem etwa 40 Zentimeter langen Metallrohr, das zündfähiges Ammoniumnitrat enthielt und mit vier Druckgaspatronen umwickelt war. Ein Wecker und verschiedene Batterien sollten als Zündvorrichtung dienen. Medienberichten zufolge, die sich auf eine kriminaltechnische Untersuchung des Düsseldorfer Landeskriminalamts (LKA) beziehen, soll die Bombe ferngezündet worden sein, wegen eines Konstruktionsfehlers detonierte sie aber nicht.

Nach einem Bericht von "Spiegel Online" sei statt eines Sprengsatzverstärkers, eines sogenannten Boosters, nur eine einfache Glühbirne verwendet worden. In Ermittlerkreisen hieß es zudem weiter, die Bombe sei nicht explodiert, weil der Strom aus den Batterien zu schwach gewesen sei.

Bauanleitung von al-Qaida

Auch der WDR berichtete, dass die Täter eine Glühbirne statt eines Boosters verwendet hätten. Die Glühbirne sei neben anderen Einzelteilen ebenfalls in der blauen Tasche mit dem Sprengsatz sichergestellt worden. Der Zeitung "Der Tagesspiegel" zufolge passt die Bombe von der Bauart zu einer Anleitung aus dem Internet-Magazin "Inspire", das die al-Qaida-Filiale im Jemen produziert.

Bis auf wenige Abweichungen sei die Bombe identisch mit der dort beschriebenen Konstruktion. Gegenüber Morgenpost Online sagte die Polizei jedoch, das Ergebnis der Analyse der Bombe und ihres Fehlers werde noch einmal gecheckt. Schließlich sei es wegen der öffentlichen Wirkung unverantwortlich, einen solchen Verdacht zu bestätigen, bevor das Ergebnis auch dieser letzten Kontrolle vorliege.

Mitte der Woche hatte die Polizei von einer "unkonventionellen Sprengvorrichtung" gesprochen. Die Art und Weise der Konstruktion lasse auf enorme Kenntnisse beim Bombenbau schließen, sagte der Einsatzleiter der Polizei, Norbert Wagner. Die Bearbeitung der verwendeten Materialien sei sehr anspruchsvoll. Allerdings besteht hier ein Widerspruch, zeigen doch die halb leeren Batterien, dass die Konstrukteure nicht professionell vorgingen.

Ähnlichkeiten mit Bombe von Madrid

Die Ermittler ziehen einen Vergleich zu den verheerenden Terroranschlägen vom 11. März 2004 in Madrid. Jedoch galt der Vergleich weniger den verheerenden Folgen – in Madrid wurden durch mehrere Kofferbomben in Regionalzügen 191 Menschen getötet, 2051 verletzt –, sondern der Art des Sprengsatzes. Die Bonner Bombe habe weniger als ein Zehntel der Substanz einer der Bomben von Madrid. In Madrid war es die Art des verwendeten Sprengstoffs, die den Verdacht der Ermittler weg von den baskischen Separatisten der Eta hin zu islamistischen Tätern leitete.

Nun also hat die Karlsruher Bundesanwaltschaft die weiteren Ermittlungen an sich gezogen. Den Grund nannte zunächst allerdings nur Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD). Die Ermittlungen der Kölner Polizei hätten ergeben, dass die Täter des versuchten Bonner Bombenanschlags mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der islamistischen Szene stammen.

"Das schnelle Ergebnis der mit Hochdruck vorangetriebenen Ermittlungen zeigt das entschlossene Vorgehen der Sicherheitsbehörden gegen gefährliche Extremisten. Deshalb wird die Kölner Polizei den Generalbundesanwalt und das Bundeskriminalamt in vollem Umfang unterstützen", sagte er.

Er sieht durch die aktuelle Entwicklung die Einschätzung der Sicherheitsbehörden bestätigt, wonach Deutschland und deutsche Einrichtungen im Ausland im Fadenkreuz des islamistischen Terrorismus sind. "Es war richtig, dass Polizei und Verfassungsschutz bundesweit seit Jahren sorgfältig alle Erkenntnisse über salafistische Gruppierungen zusammengetragen haben. Wir werden auch in Zukunft wachsam sein", sagte Ralf Jäger.

Die Suche nach dem besten Zeugen

Eine Panne zu Beginn der Ermittlungen gab es offenbar im Zusammenhang mit einem Zeugen. In dem Drunter und Drüber wurde dieser wohl einfach übersehen. Dabei hatte der Zeuge sich keineswegs heimlich aus dem Staub gemacht, sondern am Service Point des Bahnhofs Alarm geschlagen. Er muss den Mann gesehen haben, der die Tasche mit dem Sprengsatz am Gleis 1 absetzte, vermutet die Polizei jetzt wohl nicht ganz zu Unrecht.

Darum sucht sie nun nach ihm, denn so gut wie er dürfte niemand den Mann mit der Tasche beschreiben können. Nach den Angaben der Bahnmitarbeiter handelt es sich um einen etwa 40-jährigen Mann europäischen Aussehens mit einer leichten Sprachstörung. Er hatte kurze mittelblonde Haare und war mit einer blauen Daunenjacke bekleidet.

Über mögliche Fahndungsergebnisse der Polizei ist indes noch nichts bekannt. Abgesehen von dem Zeugen am Service Point bestanden die wichtigsten Informationsquellen der Beamten bislang aus zwei jugendlichen Augenzeugen und unscharfen Aufnahmen einer Überwachungskamera aus einem Schnellrestaurant.

Die beiden Jugendlichen, ein 14 Jahre und ein 13 Jahre alter Junge, hatten ausgesagt, der Mann habe ihnen die blaue Tasche geradewegs vor die Füße geschoben. Später sagten die Ermittler, aus der Tasche hätten Drähte herausgeragt, Kabel und ein Wecker seien sichtbar gewesen. Von einer Glühbirne war da noch nicht die Rede.

Von außen sichtbare Kabel und ein Wecker – wenn diese Aussagen der beiden jugendlichen Zeugen zutreffen, dann spricht auch dies gegen eine professionelle Vorbereitung der Tat. Eine Aussage des noch nicht identifizierten Zeugen könnte hier für Klarheit sorgen.

Quelle: mit dapd/AFP
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