13.12.12

Tabakrichtlinie

Wie die EU gegen Zigaretten und Raucher vorgehen will

Menthol als Zusatzstoff wird verboten, Warnhinweise auf den Schachteln vergrößert, Slim-Zigaretten verbannt. Experten sind skeptisch.

Von Florian Eder, Claudia Ehrenstein und Birger Nicolai
Foto: dpa

Raucher der Nation: Altbundeskanzler Helmut Schmidt raucht jeden Tag viele Menthol-Zigaretten
Raucher der Nation: Altbundeskanzler Helmut Schmidt raucht jeden Tag viele Menthol-Zigaretten

Der neue EU-Gesundheitskommissar Tonio Borg will schärfer gegen das Rauchen in Europa vorgehen. Nach Informationen der Berliner Morgenpost wird er noch vor Weihnachten seinen Entwurf für eine Tabakrichtlinie vorstellen. So soll auf der Verpackung die Fläche für Warnhinweise vergrößert werden. Das werde die Unterscheidbarkeit von Zigaretten erheblich einschränken – zugunsten eines "hohen Niveaus im Gesundheitsschutz", heißt es in dem Papier.

Die Abwägung zwischen Schutz und Vereinheitlichung der Regeln auf der einen und der unternehmerischen Freiheit der Tabakindustrie auf der anderen Seite fällt in dem Vorschlag deutlich aus. "Alle Tabakprodukte bedingen potenziell Sterblichkeit, Krankheit und Arbeitsunfähigkeit. Ihr Genuss sollte deswegen eingeschränkt werden", begründet die Kommission ihr Vorgehen.

Grundsätzlich verboten werden sollen Zusatzstoffe und die Zugabe von Vitaminen, Koffein, Taurin oder Farbstoffen in Zigarettentabak. Das bedeutet auch das Aus für Menthol-Zigaretten. Vorgeschrieben wird zudem, dass der Durchmesser der Zigaretten nicht kleiner als 7,5 Millimeter sein darf. Die bei Frauen beliebten Slim-Zigaretten wären dann nicht mehr erlaubt.

Zigaretten sollen sich künftig nicht mehr voneinander unterscheiden

Zigaretten sollen sich künftig nicht mehr zu sehr voneinander unterscheiden, um Kaufanreize so gering wie möglich zu halten. "Eine Zigarettenpackung soll eine eckige Form haben", heißt es in dem Vorschlag. Und: "Eine Zigarettenpackung soll mindestens 20 Zigaretten beinhalten." Minipackungen, wie sie in einigen EU-Ländern derzeit noch erlaubt sind, würde es damit nicht mehr geben.

Über Monate hinweg hatte sich die Vorlage der heftig umstrittenen Tabakregeln immer wieder verzögert. Der bisherige EU-Gesundheitskommissar John Dalli verlor darüber im Oktober sein Amt. Ihm wurde vorgeworfen, er habe Versuche der Einflussnahme auf die Gesetzgebung nicht gemeldet. Die Tabakindustrie reagierte auf die Brüsseler Pläne mit der Androhung von Klagen.

Marcus Schmidt, Deutschlandchef von Reemtsma, sagte der Berliner Morgenpost: "Das ist die Einführung der Einheitspackung durch die Hintertür. Die bisher bekannten Vorschläge verstoßen ganz klar gegen deutsches und europäisches Recht." Schmidt sprach von einer "Gesundheitsdiktatur der EU-Beamten". Sie wollten einen Freifahrschein für zukünftige Produktregulierungen und Verbote. Schmidt: "Wir werden uns gegen diese Vorschläge mit aller Macht wehren und zur Not bis vor den Europäischen Gerichtshof ziehen."

Experten zweifeln an den Maßnahmen der EU

In Deutschland wird freilich bezweifelt, ob solche Maßnahmen tatsächlich Wirkung zeigen. Hans-Michael Goldmann (FDP), der Vorsitzende des Agrar- und Verbraucherausschusses des Bundestags, sieht im Verbot von Zusatzstoffen jedenfalls kein wirksames Mittel, um Konsumenten vom Rauchen abzuhalten. Die Maßnahme leiste "keinen Beitrag für mehr Gesundheit in Europa", sagte Goldmann der Berliner Morgenpost.

Christine Aschenberg-Dugnus, Drogen- und Suchtexpertin der FDP-Bundestagsfraktion, warnt vor der sinnlosen "Einführung einer europäischen Einheitszigarette". Ad Schenk, Deutschlandchef von British American Tobacco, kritisiert die Brüsseler Pläne als willkürlich und unsinnig. Es fehle jeder Beweis dafür, dass die geplante Regulierung die Volksgesundheit verbessere, sagte Schenk der Morgenpost.

Tabakhersteller fügen ihren Produkten Zusatzstoffe bei, um ihnen eine unverwechselbare Geschmacksnote zu geben – aber auch, um sie bekömmlicher zu machen. Professor Otmar Wiestler, Chef des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg, hat eher Sympathie für die EU-Pläne: "Tabakzusatzstoffe überdecken den bitteren und scharfen Geschmack und Geruch des Tabakrauchs." Diese "Maskierung" fördere den Tabakkonsum. "Daher sollten Tabakzusatzstoffe, die Attraktivität und Schmackhaftigkeit von Tabakprodukten erhöhen, verboten werden", sagte Wiestler der Morgenpost. Eine solche Maßnahme diene "unmittelbar dem Jugend- und Verbraucherschutz".

Menthol macht Zigaretten giftiger

Grundsätzlich darf dem Tabak bislang alles beigemischt werden, was für den Lebensmittelbereich zugelassen ist. Rund 100 verschiedene Zusatzstoffe nutzen die Hersteller nach eigenen Angaben, um den Geschmack ihrer Zigaretten zu verbessern. Das reicht von Lakritz, Kakao und Vanillin bis zum Aromastoff der Hülsenfrucht Johannisbrot oder dem Konzentrat von Dörrpflaumensaft.

In fast jeder Zigarette ist zudem in kaum merklichen Mengen Menthol enthalten. Vor allem Menthol aber trägt dazu bei, Zigaretten insgesamt bekömmlicher zu machen. Und es macht auch einen angenehmeren Atem. Menthol hat eine kühlende und leicht betäubenden Wirkung. Es öffnet die Luftwege, steigert die Durchblutung der Lungen und ermöglicht es, tiefer durchzuatmen.

Wegen dieser Eigenschaften empfehlen Mediziner bei Erkältungen auch die Inhalation mit Menthol. Und wegen eben dieser Eigenschaften verhindert Menthol, dass Tabakrauch als zu reizend und beißend empfunden wird. Forscher Wiestler warnt: Durch Zusatzstoffe wie Menthol werde die Lunge eines Rauchers "länger den giftigen und krebserzeugenden Bestandteilen des Tabakrauchs ausgesetzt".

Aigner möchte sich nicht äußern

Setzt sich die EU-Kommission mit ihren Plänen durch, wird es Menthol-Zigaretten, wie sie etwa Altkanzler Helmut Schmidt raucht, nicht mehr geben. Karl-Heinz Florenz, CDU-Europaabgeordneter und seit vielen Jahren engagiert im Kampf gegen das Rauchen, hält das Verbot von Zusatzstoffen für "eine gute Sache". Er wolle niemandem verbieten zu rauchen, sagte Florenz der Morgenpost. Zusatzstoffe in Zigaretten überdeckten den wahren Geschmack des Tabaks und verführten gerade Jugendliche, mit dem Rauchen zu beginnen.

Florenz hält allerdings andere geplante Vorschriften Brüssels, wie das Überziehen von Zigarettenschachteln mit Warnhinweisen, für völlig überzogen. Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) wollte sich zu den Brüsseler Plänen zunächst nicht äußern, da sie davon aus der Zeitung erfahren hatte.

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