12.12.12

Bonner Bombenfund

Die Polizei sucht nach dem Mann mit der blauen Tasche

Eine Film-Aufnahme gibt neue Hinweise auf den Vorfall am Bonner Hauptbahnhof. Die Bombe hätte laut Polizei eine hohe Sprengkraft entwickelt.

Von Florian Flade, Kristian Frigelj, Martin Lutz und Uwe Müller
Foto: dpa

Gesucht: Die Überwachungskamera zeichnete einen Mann auf, der eine blaue Tasche durch ein Schnellrestaurant trägt
Gesucht: Die Überwachungskamera zeichnete einen Mann auf, der eine blaue Tasche durch ein Schnellrestaurant trägt

Der Film dauert nur wenige Sekunden. Zu sehen ist ein Schnellrestaurant. Dann geht ein Mann mit Jacke und Mütze durchs Bild, bleibt stehen, dreht sich am rechten Bildrand um und geht wieder zurück. In seiner rechten Hand trägt er eine blaue Tasche.

Diese Aufnahme ist für die Staatsanwaltschaft Bonn und die Polizei eine "ganz heiße Spur", deshalb soll das Video ins Internet eingestellt werden. Es könnte sich um jene Tasche handeln, die am Montag auf Gleis 1 des Hauptbahnhofs Bonn abgestellt wurde und eine Bombenkonstruktion enthielt.

Als die Polizei Köln am Mittwochabend dieses Video vorstellt, laufen die Ermittlungen seit zwei Tagen – und der Erkenntnisgewinn ist dürftig. Es sei ein "Dilemma", dass das Gleis 1 nicht videoüberwacht sei, sagt der Einsatzleiter der Kriminalpolizei Köln, Norbert Wagner. Klar ist immerhin, dass man nicht nur weiter nach einem dunkelhäutigen Mann sucht, den zwei Jugendliche beobachtet haben, als dieser die Tasche abstellte und davoneilte. Nun geht es auch um den hellhäutigen Mann auf dem Video. "Wir suchen also jetzt nach zwei Männern", erklärte Einsatzleiter Wagner.

Nach Informationen der Berliner Morgenpost sind sich die Ermittler nicht sicher, ob die Person, die auf den Aufzeichnungen zu sehen ist, die Tasche gestohlen hat oder ob eine gezielte Übergabe des Sprengsatzes stattfand. Die Ermittler werten auch die Überwachungskameras am Düsseldorfer Flughafen aus.

"Eine beachtliche Sprengkraft mit Splitterwirkung"

Bei der Bombenkonstruktion sind die Ermittler weitergekommen. Es hätte, wenn der Sprengsatz detoniert wäre, "einen recht großen und damit auch sehr gefährlichen Feuerball gegeben", sagt Wagner. Die Bombe bestand aus vier Butangas-Kartuschen, die um ein mit Ammoniumnitrat gefülltes Metallrohr gebunden waren. Es wurden Battieren, ein Wecker, Nägel und im Gleisbett eine Glühbirne gefunden. Die Konstruktion hätte nach Wagners Einschätzung "eine beachtliche Sprengkraft mit Splitterwirkung entwickelt". Allerdings wird eine Meldung dementiert, wonach die Explosionskraft der Terroranschläge von Madrid 2004 erreicht worden wäre. Ein Zünder wurde bisher nicht entdeckt,

Die Bundesanwaltschaft lässt sich fortlaufend über die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Bonn informieren. "Selbstverständlich werden wir das Verfahren übernehmen, sobald sich zureichende Anhaltspunkte für einen terroristischen Hintergrund ergeben", sagte Generalbundesanwalt Harald Range in Karlsruhe. Dies sei bislang aber nicht der Fall. Wie die Morgenpost erfuhr, unterstützen zwei Beamte des Bundeskriminalamtes die Kollegen des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamtes bei deren Ermittlungen. Nach Einschätzung des Leiters der Abteilung Terrorismusbekämpfung bei der Bundesanwaltschaft, Rainer Griesbaum, war der in einer blauen Sporttasche aufgefundene Sprengsatz "höchst gefährlich". Über das mögliche Motiv des Verdächtigen, der den Sprengsatz auf dem Bonner Hauptbahnhof deponiert hatte, wollte Griesbaum nicht spekulieren. Ein "anfänglicher Ermittlungsansatz in Richtung islamistischer Terrorismus" habe sich bislang nicht als weiterführend erwiesen. Es könne auch ein Fall von politisch motivierter oder allgemeiner Kriminalität vorliegen. "Es ist alles offen", sagte Griesbaum.

Verdächtige wieder freigelassen

Generalbundesanwalt Range warnte davor, den Terrorismus islamistischer Prägung zu unterschätzen. Einzeltäter, die ihre Anschläge ohne direkte Anbindung an eine Terrorgruppe planten, seien für die Sicherheitsbehörden nur schwer zu erkennen. "Das wissen auch al-Qaida und andere islamistische Terrororganisationen", sagte Range. Zur Strategie gehöre es, durch Propaganda im Internet vor allem junge Männer zu radikalisieren und ihre Bereitschaft für ein Attentat zu wecken. "Die dschihadistische Internetpropaganda steht deshalb besonders im Fokus unseres Interesses."

Am Dienstagabend waren zwei zunächst in Gewahrsam genommene Männer wieder freigelassen worden. Die Polizei teilte mit, ein erster Tatverdacht habe sich nicht erhärten lassen. Die Männer waren als mutmaßliche Islamisten ins Visier der Ermittler geraten. Allerdings hätten sie nie als Tatverdächtige gegolten, sagte der Bonner Staatsanwalt Robin Faßbender. Verärgert betonte Mutlu Günal, Rechtsanwalt eines der Freigelassenen, dass sein Mandant Omar D. mit der Sache nichts zu tun habe: "Die Polizei mag mal erklären, woher dieser Tatverdacht kam. Einfach mal einen Unschuldigen festnehmen, das ist nicht so schön."

Bundesregierung sieht keine erhöhte Terrorgefahr

Trotz des Bombenfundes sieht die Bundesregierung keine erhöhte Terrorgefahr. "Die Sicherheitslage in Deutschland ist unverändert", betonte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums. Es bestehe weiterhin ein abstraktes Risiko von Anschlägen, weil sich die Bundesrepublik im Fadenkreuz des internationalen Terrorismus befinde. Der Sprecher versicherte mit Blick auf Bonn: "Wir nehmen den Vorfall durchaus ernst."

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sprach von einem neuen Alarmzeichen. Unabhängig davon, ob die Bombe wirklich scharf gewesen sei, sei die verdächtige Tasche nicht zufällig auf dem Bonner Hauptbahnhof abgestellt worden, sagte er der "Passauer Neuen Presse". Zwar sei die Aufarbeitung des Rechtsterrors und der NSU-Morde notwendig. Dabei dürften aber die Sicherheitsbemühungen im Hinblick auf islamistischen Terrorismus nicht vernachlässigt werden.

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