11.12.12

Anschlag

Bombe am Bonner Bahnhof war keine Attrappe

Die Staatsanwaltschaft bestätigt die Festnahme zweier Verdächtiger. Tasche enthielt Bauteile für einen Sprengsatz.

Foto: dpa
Polizisten stehen am 10.12.2012 im Bahnhof in Bonn (Nordrhein-Westfalen) auf dem Bahnsteig. Zuvor war eine verdächtige Tasche mit unbekanntem Inhalt gezielt gesprengt worden. Wie die Polizei mitteilte, hatte ein Mann die herrenlose Tasche an einem Gleis entdeckt und die Beamten alarmiert. Daraufhin wurde zunächst ein kleinerer Teil des Bahnhofs abgesperrt und die Tasche mit einem Wassergewehr beschossen. Foto: Marius Becker/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
Polizisten suchen am Montag den Hauptbahnhof Bonn ab

Die Stadt Bonn ist vermutlich nur knapp einem Bombenanschlag entkommen. Einen Tag nach der gezielten Sprengung einer Reisetasche am Hauptbahnhof nahm die Polizei am Dienstag nach Angaben aus Sicherheitskreisen einen somalischen Islamisten fest.

Zeugen hätten angegeben, den Mann namens Omar D. in Tatortnähe gesehen zu haben. Zudem wollen sie den ebenfalls den Sicherheitsbehörden bekannten Islamisten Abdirazak B. erkannt haben. Nun soll anhand von Handy-Daten geprüft werden, ob sich die beiden tatsächlich zur Tatzeit am Bonner Hauptbahnhof aufgehalten haben.

Neben dem Somalier Omar D. wurde am Dienstag noch eine weitere Person festgenommen, die im Zusammenhang mit dem Bombenalarm stehen soll. Nach Informationen aus Sicherheitskreisen handelt es sich dabei aber nicht um Abdirazak B. Später nannten "Spiegel Online" und "Bild.de" den Namen Abdifatah W. Omar D. und Abdirazak B. sollen miteinander befreundet und den Sicherheitsbehörden seit Jahren als Mitglieder der militanten Bonner Islamistenszene bekannt sein.

Ungeachtet der Festnahmen veröffentlichte die Kölner Polizei das Phantombild eines Tatverdächtigen. Demnach suchen die Behörden nach einem dunkelhäutigen Mann im Alter zwischen 30 und 35 Jahren. Ein 14 Jahre alter Schüler habe den Ermittlern berichtet, dass der Tatverdächtige die Tasche am Gleis abgestellt habe. Ob es sich bei dem Gesuchten um Abdirazak B. handelt, ist noch unklar.

Die Staatsanwaltschaft bestätigte am Abend, dass zwei Männer in Gewahrsam genommen worden seien. Wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Bonn am Dienstag mitteilte, gelten die beiden Personen derzeit aber noch nicht als tatverdächtig. Weitere Details nannte er aus ermittlungstaktischen Gründen zunächst nicht.

Der Sprecher erklärte zudem, dass es sich bei der mutmaßlichen Bombe eindeutig nicht um "eine Attrappe" handelt. In der Reisetasche hätten sich die Komponenten für einen Sprengsatz befunden, erklärte er. Ob die Komponenten so miteinander verbunden waren, dass sie explodiert wären, sei derzeit nicht zu sagen. Bei der Sprengung der Bombe mit einem Wassergewehr sei die Reisetasche zerlegt und der Inhalt der Tasche verstreut worden. Überdies dauerten die Ermittlungen beim Landeskriminalamt an. Dort prüfen Experten unter anderem, ob in der Tasche auch ein Zünder war.

Friedrich kündigt Statement an – und sagt wieder ab

Omar D. und Abdirazak B. sind den Sicherheitsbehörden bereits seit Jahren bekannt. In einer spektakulären Aktion wurden sie im September 2008 auf dem Flughafen Köln/Bonn in einem Flugzeug in Richtung Amsterdam festgenommen. Damals bestand der Verdacht, dass sich die Männer an Anschlägen beteiligen und als Selbstmordattentäter im sogenannten Heiligen Krieg sterben wollen. Knapp zwei Wochen später wurden sie wieder freigelassen, da der dringende Tatverdacht nicht aufrechterhalten werden konnte. Im Januar 2010 stellte die Bonner Staatsanwaltschaft die Ermittlungen endgültig ein.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) kündigte am späten Nachmittag zunächst ein Pressestatement zu dem Fall an, sagte den Termin dann aber kurzfristig wieder ab. Unklarheit herrschte darüber, ob die Ermittlungen bei den nordrhein-westfälischen Ermittlern bleiben, oder ob die Bundesanwaltschaft und das Bundeskriminalamt den Fall an sich ziehen. Ein Sprecher der Bundesanwaltschaft sagte, dass seine Behörde in den Informationsaustausch mit den Landesbehörden eingebunden sei. Eine weitere Stellungnahme wollte er nicht abgeben.

Metallrohr, Wecker, Batterien, Gas und Ammoniumnitrat

Am Montag war auf einem Bahnsteig eine herrenlose Tasche gefunden worden. Der Bahnhof wurde weiträumig gesperrt und das Gepäckstück mit einem Wassergewehr gezielt gesprengt. Darin lagerten nach Angaben der Ermittler Metallbehälter mit "zündfähigem Material".

Nach Informationen von "Spiegel Online" aus Ermittlerkreisen befanden sich in dem Gepäckstück Butangas und Ammoniumnitrat sowie ein Metallrohr, ein Wecker und Batterien. Unklar ist noch, ob die Tasche explosionsfähig war. Auch einen Tag nach dem Fund waren Spezialisten des Landeskriminalamtes damit beschäftigt, Details zum Inhalt der abgelegten Tasche herauszufinden.

Der Bonner Bombenalarm weckt Erinnerungen an zwei vereitelte Anschläge im Jahr 2006. Damals deponierten zwei Männer auf dem Kölner Hauptbahnhof zwei Kofferbomben in Regionalzügen nach Hamm und Koblenz, die aber nicht explodierten. Zweieinhalb Jahre später verurteilte das Oberlandesgericht Düsseldorf den 24-jährigen Libanesen Youssef El Hajdib zu lebenslanger Freiheitsstrafe. Der Mittäter Jihad Hamad war zuvor bereits im Libanon zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden.

Gewerkschaft spricht von "gefährlichem Sprengsatz"

Der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, erklärte in Berlin, in dem Fall werde "höchstwahrscheinlich" die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen übernehmen. Dies sei ein Hinweis auf eine mögliche Gefährdung der inneren Sicherheit. Wendt sprach vom Fund eines "gefährlichen Sprengsatzes".

Dies zeige einmal mehr, "dass wir die Aufmerksamkeit gegenüber terroristischen Gefahren in Deutschland nach wie vor hoch halten müssen". Die zwischenzeitliche Ruhe, die nach der konkreten Terrorwarnung vor zwei Jahren eingetreten sei, dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, "dass Deutschland pausenlos im Fokus von Extremisten und Terroristen" stehe.

Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Bernhard Witthaut, bat die Bevölkerung um Aufmerksamkeit bei verdächtigen Gegenständen. "Wir müssen leider immer wieder damit rechnen, dass so etwas gerade an Bahnhöfen passieren kann", sagte er dem Fernsehsender Phoenix. "Deutschland ist nach wie vor ein Angriffsziel von dem ein oder anderen Terroristen."

"Bonner Szene macht uns große Sorgen"

Wolfgang Bosbach (CDU), Vorsitzender des Bundestags-Innenausschusses, sagte dem TV-Sender Phönix, Bonn stehe seit geraumer Zeit im Zentrum des öffentlichen Interesses. "Die Salafistenszene steht aber auch im Interesse der Aufmerksamkeit der Sicherheitsbehörden", so Bosbach weiter. Es gebe einen fließenden Übergang zwischen der Gewaltbereitschaft, aus religiöser, ideologischer Verblendung heraus sogar Gewalttaten zu begehen, und Anschläge durchzuführen. "Deswegen macht uns nicht nur, aber insbesondere diese sogenannte Bonner Szene große Sorgen. Die beiden Gesuchten sind den Sicherheitsbehörden schon seit Jahren bekannt."

In den vergangenen Jahren seien in Deutschland acht Anschläge vereitelt worden, sieben davon mit islamistischem Hintergrund. "Wenn man sich die Tatszenarien noch einmal vor Augen führt, sind es insbesondere Orte mit großen Menschenansammlungen und Verkehrsknotenpunkte wie große Bahnhöfe gewesen." Manchmal gebe es Fragen, ob viele öffentliche Einrichtungen so stark durch Personen oder Videoaufzeichnungen geschützt werden müssten. "Es handelt sich nicht um Aktionismus. Es ist notwendig zur Gefahrenabwehr", sagte Bosbach weiter.

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