09.12.12

Kandidaten-Kür

Peer Steinbrück beschwört den Geist der Sozialdemokraten

Der SPD-Kanzlerkandidat umgarnt in Hannover die Partei mit reichlich historischem Pathos - und will vor allem bei den Wählerinnen punkten.

Von Daniel Friedrich Sturm
Foto: dpa

Herausforderer: Peer Steinbrück nach seiner Rede auf dem Sonderparteitag in Hannover. „Deutschland braucht wieder mehr Wir und weniger Ich“, lautet sein Credo
Herausforderer: Peer Steinbrück nach seiner Rede auf dem Sonderparteitag in Hannover. "Deutschland braucht wieder mehr Wir und weniger Ich", lautet sein Credo

Die fröhlichsten Gesichter, die lautesten Lacher erntet Peer Steinbrück, als er sich seinem großen Vorbild widmet. Gerade erst hat der designierte Kanzlerkandidat der SPD seine Rede begonnen, da würdigt er einen Mann, der in der ersten Reihe sitzt: Helmut Schmidt. "Auf der Grundlage sittlicher Überzeugungen" habe der als Bundeskanzler Führung bewiesen, in Krisen wie im Alltag, in Deutschland wie Europa.

"Und deshalb", fügt Steinbrück an, "darf er auch im Fernsehen rauchen." Sogleich bricht kräftiger Applaus aus. Begeistert beklatschen die 600 Delegierten den 92-Jährigen. Fast jeder in der Halle 7 der Hannoveraner Messe strahlt. Auch Schmidt lacht herzlich, und während ihn eine Kamera auf die Großleinwände bannt, nestelt er aus seiner linken Sakkotasche eine Zigarette heraus. Er steckt sie sich in den Mund, zündet sie an und pustet sogleich einige Rauchwolken aus.

Noch lauter wird da der Beifall, die Sozialdemokraten scherzen und erfreuen sich an ihrem Altvorderen.

Eindreiviertel Stunden lang wird Peer Steinbrück am Rednerpult stehen, als er an diesem zweiten Advent das Wort ergreift – eine halbe Stunde länger als geplant. Steinbrück trägt einen bunten Blumenstrauß in seinen Händen, während er nach vorn schreitet.

Bevor er seine offizielle Rede beginnt, gratuliert er einem weiteren alten Mann in der Reihe der Ehrengäste: Erhard Eppler, Minister a. D., Vordenker seiner Partei und Widersacher Schmidts, feiert an diesem Tag seinen 86. Geburtstag. Mit stehenden Ovationen ehrt die SPD Eppler. Steinbrück gratuliert dem Jubilar, der wie stets einen Rollkragenpullover unter seinem Sakko trägt.

Debatten um Nebeneinkünfte setzten Steinbrück unter Druck

Lange hat Peer Steinbrück an seiner Rede gefeilt, die Debatten über seine sogenannten Nebeneinkünfte haben ihn unter einen hohen Erwartungsdruck gesetzt. Die Rede, das wissen er und seine Leute, muss ein großer Wurf sein – auch wenn die Delegierten ihm so oder so ein fulminantes Wahlergebnis bescheren werden. Die SPD schart sich im Wahlkampf hinter ihrem Kandidaten, auch wenn weite Teile der Partei Unbehagen empfinden. Ein Sammelsurium fast aller politischen Themen spricht Steinbrück an. Er befasst sich mit Floskeln der schwarz-gelben Koalition, er beklagt Investitionsstaus am Beispiel der gesperrten Autobahnbrücke am Leverkusener Kreuz. Vor allem aber wirbt Steinbrück um die Gunst seiner Partei, über die er sich oft genug mokiert hat. Heute tut er das nicht, er widmet sich vielmehr liebevoll Otto Wels, Regine Hildebrandt, seiner Mutter und Andrea Nahles.

Doch der Reihe nach: Die SPD ist eine Partei, die stolz ist auf ihre Geschichte, ihr 150. Jubiläum feiert sie im kommenden Jahr. Die historischen Leistungen zu beschwören, gehört zu Kanzlerkandidatenreden. Steinbrück weiß das, und so erinnert er an die berührende Reichstagsrede von Otto Wels gegen das "Ermächtigungsgesetz" der Nazis. "Was für ein Vermächtnis!", ruft Steinbrück und fügt hinzu: "Ich bin stolz, ein deutscher Sozialdemokrat zu sein." Hier ist ihm Beifall gewiss, ebenso für die Attacke gegen die Bundesregierung, die "rechte Gewalt verharmlost". Wegen Willy Brandt, sagt Steinbrück erwartungsgemäß, sei er 1969 der SPD beigetreten. Dass er später mit Brandt haderte, ist zwar in seinem Buch zu lesen, aber diese Passage lässt er am Sonntag aus.

Der SPD-Kanzlerkandidat wirbt um Wählerinnen

Um sein Ansehen bei den Frauen zu steigern, bietet Steinbrück gleich etliche Passagen: Er widmet sich dem Abtreibungsparagrafen 218, er rühmt die frühere brandenburgische Sozialministerin Regine Hildebrandt, er poltert gegen das Betreuungsgeld, und er kündigt an: "In meiner Kanzlerzeit wird eine Staatsministerin für Gleichstellung von Frauen im Kanzleramt zuständig sein." Dann bricht bei Steinbrück doch das traditionelle Denken der SPD der 70er-Jahre durch. Als er über Energiepolitik spricht, da lässt er die Delegierten wissen: "Ich werde als Bundeskanzler die Energiewende zu meiner persönlichen Angelegenheit machen."

Die Attacke auf Koalition und Kanzlerin gehören zum Standardteil der Rede. Die CDU sei "zu einer bloßen Machtmaschine geworden". Machterhalt aber sei "nicht die zentrale Aufgabe von Politik". Bei Angela Merkel bleibe "zu vieles im Ungefähren" – und, so fügt Steinbrück abseits des Manuskriptes selbstironisch hinzu: "Das ist anders als bei manchen meiner Sätze und Bilder." Über den Realitätsverlust der Bundesregierung beim Thema Finanzkrise sagt Steinbrück: "Es ist ungefähr so, als ob im Winter jemand vor der Strandmotivtapete steht und sich mit Sonnenmilch einreibt."

"Ich will eine rot-grüne Mehrheit für dieses Land"

Und dann erweitert der Redner seine Absage an einen Eintritt in ein Kabinett Merkel um den Hinweis, er stehe "für eine große Koalition nicht zur Verfügung". "Ich will eine rot-grüne Mehrheit für dieses Land", sagt er stattdessen – seine Kampfansage an Merkels "Wahlverein".

Mit dieser wolle er "Maß und Mitte" in der Politik erreichen, Deutschland benötige "mehr Wir und weniger Ich". Die SPD werde sich für einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde einsetzen, das Ende des "Zwei-Klassen-Gesundheitssystems" und eine Frauenquote für Unternehmen. Für die SPD sei das Maß die "Balance zwischen ökonomischer Kraft und Würde" des Menschen. "Vertrauen wir uns selbst, dann werden uns auch andere vertrauen", ruft Steinbrück den Delegierten zu.

An einigen Stellen verhaspelt sich Steinbrück. Wo er einmal Niedersachsen meint, spricht er von Nordrhein-Westfalen. Der gastgebende Wahlkämpfer Stephan Weil reagiert verschnupft, und Steinbrück umgarnt die Niedersachsen dann auffällig oft – als Wiedergutmachung.

Zwei sehr unsteinbrückhafte Sätze

Natürlich geht Steinbrück auf die wochenlange Debatte über seine Nebeneinkünfte ein und auf das parteiintern beklagte suboptimale Management. "Unser Weg nach Hannover war kein Spaziergang", ruft er den Delegierten zu. "Meine Vortragshonorare waren Wackersteine, die ich in meinem Gepäck und leider auch euch auf die Schultern gelegt habe."Für die Solidarität danke er, "das war mehr, als ich glaubte, erwarten zu dürfen". Dann spricht Steinbrück zwei sehr unsteinbrückhafte Sätze aus: "Das hat mich berührt. Das werde ich nicht vergessen."

Andrea Nahles dankt er mit einer ganzen Passage: Nie werde er vergessen, "wie du, liebe Andrea, mich im Willy-Brandt-Haus aufgenommen hast". Diese Erfahrung zeige, "dass Menschen zueinanderfinden können, denen manche das nie zugetraut hätten". Steinbrück schätzt die Verlässlichkeit der Generalsekretärin, über die er einst spottete. Mit dem öffentlichen Lob, von Nahles dankbar empfangen, dürfte er sich ihrer Loyalität nun noch sicherer sein.

Nach anderthalb Stunden kommt der erste Scherz

Nach anderthalb Stunden Rede erlaubt Steinbrück sich einen Scherz mit seinem Publikum: "Schon in der Schule haben wir gelernt, dass ein guter Aufsatz und eine ordentliche Rede in drei Teile gegliedert werden muss: kurze Einleitung, tragender Hauptteil und fulminanter Schluss. Ich komme jetzt zum Hauptteil." Nach kurzer Pause kündigte Steinbrück dann aber an, auf längere Ausführungen zur Wirtschafts- und Finanzpolitik zu verzichten, weil seine Meinung dazu ja bekannt sei. Der Parteitag bedankt sich mit Gelächter und Applaus.

"Ich will mit eurer Hilfe und den Stimmen der Wähler Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland werden", sagt Steinbrück noch und erntet am Ende elf Minuten Applaus. Zweieinhalb Minuten mehr als Merkel vergangene Woche – dies galt es wohl einfach zu toppen. Seine Wahl mit 93,45 Prozent kommentiert Steinbrück wieder ironisch. "Die Zahl könnte eine Orientierung sein für das Ergebnis der Bundestagswahl im September."

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Greenpeace stört Rede
  • Kohle

    Ein Zwischenfall hat die Rede von Peer Steinbrück am Sonntag auf dem Parteitag in Hannover gestört. Greenpeace-Aktivisten entrollten ein Plakat mit der Aufschrift „Genug Kohle gescheffelt“. Der Spruch bezog sich allerdings nicht auf die Debatte über die Höhe von Steinbrücks Rednerhonoraren, sondern auf die Energiepolitik der Partei. So war auf dem Plakat auch ein Bild von Steinbrück mit Bergarbeiterhelm im Braunkohlentagebau Garzweiler zu sehen.

  • Energie

    Die Umweltorganisation hatte auf Handzetteln einen Kohleausstieg bis 2040 gefordert und bereits am Eingang ins Versammlungsgelände ähnliche Plakate gezeigt. Sie forderte die SPD auf, sich konsequent für die erneuerbaren Energien einzusetzen.

  • Buhrufe

    Einzelne Delegierte quittierten die Aktion mit Buhrufen. Steinbrück unterbrach seine Rede nur wenige Sekunden und ging auf das Transparent nicht ein.

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