07.12.12

Vorzeitiger Ruhestand

Jeder zweite Deutsche verzichtet auf die volle Rente

Die Bundesbürger gehen mittlerweile drei Jahre vor der Altersgrenze in Rente. Dabei verzichten sie durchschnittlich auf 110 Euro im Monat.

Von Christoph Rybarczyk
Foto: dpa

Viele nehmen Abschläge in Kauf - oder müssen es
Viele nehmen Abschläge in Kauf - oder müssen es

Die Zahl der Menschen, die früher in Rente gehen und dafür finanzielle Einbußen hinnehmen, ist auf einem neuen Rekordstand. Fast jeder zweite Neurentner (48,2 Prozent) verzichtet nach Zahlen der Deutschen Rentenversicherung lebenslang auf durchschnittlich rund 110 Euro im Monat, um drei Jahre vor der Altersgrenze (Mittelwert) in Rente zu gehen. Dabei gehen noch mehr Frauen als Männer (51,7 zu 44,1 Prozent) unter Verzicht auf Geld vorzeitig in den Ruhestand. Der Grund dafür liegt nach Expertensicht darin, dass Frauen oft jünger sind als ihre Ehepartner und sich vorzugsweise mit ihnen gemeinsam vom Berufsleben verabschieden wollen.

Der Präsident des Bundesverbandes der Rentenberater, Martin Reißig, sagte der Berliner Morgenpost: "Der Trend, mit Abschlägen früher in Rente zu gehen, hat auch mit den Vorruhestandsregelungen großer Firmen zu tun." So gebe es in Unternehmen häufig finanzielle Anreize, den Renteneintritt vorzuziehen. "Das wird für die Mitarbeiter finanziell abgefedert", so Reisig. Über Altersteilzeit- und Vorruhestandsregelungen werde oft auch Personal abgebaut.

"Lieber jetzt schon mit Abschlägen, aber gesund"

Reißig sagte aber auch: "Viele Menschen sagen sich: Diese Tretmühle halte ich nicht mehr aus. Ich gehe lieber jetzt schon mit Abschlägen, aber gesund in Rente." Ein weiteres Indiz für diese Haltung: Die Zahl der Frührentner, die ihren Job wegen einer psychischen Erkrankung aufgeben müssen, steigt seit Jahren beständig. Vier von zehn Erwerbsminderungsrentnern müssen wegen seelischer Leiden vorzeitig in Rente.

Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) macht vor allem die alternde Bevölkerung und politisch gewollte Rentenreformen der vergangenen Jahre für die hohe Quote an Neurentnern mit Abschlägen verantwortlich. Die Zahl der über 60-Jährigen habe zugenommen und somit auch die der Menschen, die in Rente gehen. Ihr Sprecher sagte, man könne das Phänomen nicht darauf zurückführen, dass Ältere schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten. "In vielen Fällen wird im Haushaltskontext mit dem Ehepartner genau kalkuliert: Was haben wir mit Rente, Zusatzvorsorge und so weiter? Was brauchen wir? Was können wir uns an Abschlägen leisten?"

Riester wird nicht ausgeschöpft

Tatsächlich ist der Anteil der privaten Altersvorsorge an der Rente zuletzt deutlich gestiegen. Auch so werden Abschläge bei der gesetzlichen Versorgung ausgeglichen. Das soll in Zukunft noch mehr werden. Allerdings rufen zum Beispiel Millionen Riester-Sparer derzeit die staatlichen Zuschläge und eine volle Förderung oft nicht ab. Bei 13,25 Millionen Verträgen im Jahr 2009 wurden etwas mehr als 9,6 Millionen Sparer mit einer Grundzulage gezählt – gut drei Millionen Riester-Sparer haben die Zulage für 2009 also nicht einmal beantragt. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken im Bundestag hervor, aus der die "Süddeutsche Zeitung" zitiert. Nur 5,36 Millionen haben demnach die volle Zulage erhalten. Der Rest habe die Förderung nicht ausgeschöpft. Ähnliche Zahlen für 2009 waren bereits vor einem Jahr bekannt geworden.

Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg erneuerte seine Kritik: Die Verbraucher seien mit der Komplexität der Riester-Rente überfordert. Vermittlern gehe es vor allem um die Provision. Kunden bei der Nutzung der Riester-Rente Jahr für Jahr zu beraten sei nicht lukrativ, bekräftigte er.

Die im Jahr 2002 eingeführte private Riester-Rente soll eine Versorgungslücke durch die Senkung des Rentenniveaus ausgleichen. Dazu müssen Sparer aber die volle Förderung nutzen. Die Grundzulage beträgt 154 Euro im Jahr. Dazu kommen bis zu 300 Euro je Kind. Man hat zwei Jahre Zeit, die Zulagen zu beantragen. Hinzu kommen Steuervorteile.

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