02.12.12

Gertrud Steinbrück

In Steinbrücks Bonner Villa wird nie über 18 Grad geheizt

Gertrud Steinbrück, Gattin des SPD-Kanzlerkandidaten, über freche Berliner, die Kandidatur ihres Mannes und die Folgen.

Von Daniel Friedrich Sturm
Foto: Dominik Asbach

Nahaufnahme: Gertrud Steinbrück, die Frau des SPD-Kanzlerkandiaten Peer Steinbrück
Nahaufnahme: Gertrud Steinbrück, die Frau des SPD-Kanzlerkandiaten Peer Steinbrück

Mit der Bahn ist sie an diesem Freitag aus dem heimischen Bonn nach Berlin gereist, knapp fünf Stunden dauert das. Was andere Menschen als Zumutung empfinden, ist für Gertrud Steinbrück, die Ehefrau des SPD-Kanzlerkandidaten, ein Genuss. Eben noch unterrichtete sie am "Amos", wie das Amos-Comenius-Gymnasium in Bad Godesberg genannt wird. Jetzt entspannt sie, während Hamm und Hannover an ihr vorbei rauschen.

"Ich fahre gern Bahn, wegen meiner grünen Seele", sagt sie. Ihr Motto: "Keine kurzen Fahrten mit dem Auto, immer mit dem Rad zur Schule." In Bonn, muss man wissen, regnet es oft und viel. "Das Fahrrad ist für mich kein Sportgerät, sondern ein Fahrzeug, um von A nach B zu kommen."

Es passt, dass in der Gründerzeitvilla der Steinbrücks nie über 18 Grad Celsius geheizt wird. Und auch wenn sie nur kurz verreist, stöpselt sie den Drucker aus. Für Gertrud Steinbrück ist der sorgfältigen Umgang mit Energie eine Frage der "inneren Glaubwürdigkeit". Eine katholische Freundin sagt ihr immer: "Du bist zu preußisch-protestantisch. Du bist zu prinzipientreu."

Wer Gertrud Steinbrück einen Abend lang erlebt, sieht sie aber auch immer wieder lachen. Spottlust ist ihr nicht fremd. Sie spricht geradeheraus, und vor allem reagiert sie schnell. Ein Treffen mit einem ihr persönlich nicht bekannten Journalisten ist in Gertrud Steinbrücks Augen ein Risiko, aber sie lässt sich darauf ein und spricht im Stammhaus des "Café Einstein" am Tiergarten von ihrer Wanderung zwischen den Welten.

Von Kiel nach Bonn

Gertrud Steinbrück, geborene Isbary, Jahrgang 1949, verbringt den ersten Teil ihrer Kindheit in Hohenberg-Krusemark in Sachsen-Anhalt. Als der Hof ihres Großonkels verstaatlicht wird, flieht die Familie in den Westen. "Meine ersten Kindheitserinnerungen knüpfe ich an das Aufnahmelager Friedland", sagt sie. "Nachdem ich auf dem Hof gelebt hatte, mit viel Platz, vertrauten Menschen und Hunden, wohnten wir nun mit fremden Menschen auf engem Raum. Das empfand ich als bedrückend."

Mit den Eltern geht es weiter nach Lüdenscheid, dann nach Bonn, wo sie bleibt. "Die Rheinländer sind Expressionisten, sie malen alles groß und in knalligen Farben. Das entspricht ihrer Lebensfreude", sagt sie. Als Kind spricht Gertrud rheinisches Platt, zum Entsetzen der Mutter, die das für ein Bildungsdefizit hält. Heute indes, nach fast einem halben Jahrhundert am Rhein, spricht Gertrud Steinbrück ein ziemlich feines Hochdeutsch.

Nach dem Abitur 1967 studiert Gertrud Steinbrück Biologie in Bonn, promoviert auf dem Gebiet der Pflanzengenetik, lernt Ende 1973 auf einer Skihütte in der Eifel den angehenden Volkswirt Peer Steinbrück kennen, der für sie nach seinem Diplom aus dem geliebten Kiel nach Bonn zieht. "Mich hat als Jugendliche nichts weniger interessiert als Politik, für meinen Mann war Biologie das Letzte, obwohl er Tiere mag." Zwei Welten also stoßen aufeinander. Gertrud Steinbrück betrachtet es aus einer anderen Perspektive: "Es ist doch Kern und Riesenchance einer Beziehung, den eigenen und den Horizont des Partners zu verschieben", sagt sie. Seit vielen Jahren unterrichtet sie nun Biologie – und Politik.

Gertrud Steinbrück erzieht ihre drei Kinder fast allein

Während Peer Steinbrück Karriere macht, arbeitet sie als Lehrerin und erzieht die drei Kinder fast allein. Sie nimmt mit ihm gemeinsam Termine wahr, legt aber Wert darauf, auch weiter ihr eigenes Leben zu führen. "Politiker versehen ein Wahlamt, da gibt es nicht den Ehepartner als Beigabe, als Zufallsprodukt dazu."

Die Selbstverständlichkeit, mit der die Ehefrauen amerikanischer Politiker auftreten, stößt sie ab. "Wer auch nur etwas graue Substanz unter seiner Schädeldecke hat, weiß, dass die Fotos der Politiker-Familie bei Chips und Cola vor dem Fernseher gestellt sind. Sie sind ein großer Fake. Das ist geistiges Popcorn, das die Intelligenz eines jeden Bürgers beleidigt." Lob wiederum findet Gertrud Steinbrück für einen Mann, der Naturwissenschaftler ist wie sie – und mit dem sie dasselbe Geburtsjahr teilt: Joachim Sauer, der Ehemann Angela Merkels, die Peer Steinbrück aus dem Kanzleramt vertreiben will. Gertrud Steinbrück bewundert es, wie unprätentiös der Mann der Kanzlerin auftritt. "Herr Sauer macht es gut", sagt sie: "Er hält sich zurück und sucht selten bis nie die Öffentliche Bühne, dafür habe ich großen Respekt. Vielleicht hat er es einfacher, weil er in seinem Fach eine Kapazität ist, ein sehr kluger Kopf. Aber vor seiner generellen Zurückhaltung habe ich großen Respekt."

Schnelle Entscheidung für Steinbrück "schon recht ungewöhnlich"

Fast zwei Jahrzehnte lang, ein Drittel seines Lebens, sitzt Peer Steinbrück in Kabinetten. Als seine Partei, die SPD, im Jahre 2009 eine krachende Niederlage einfährt und er das Amt des Bundesfinanzministers verliert, beginnt eine Phase der Freiheit. Das Leben ohne fremd bestimmten Terminkalender. Das Paar sieht sich öfter. Am 28. September 2012 endet diese Phase der Freiheit. Gertrud Steinbrück unterrichtet am "Amos", der Schule, die für sie längst zur Heimat geworden ist. "Unsere Sekretärin kam mit einem Zettel zu mir, ich möge meinen Mann anrufen". "Ich ahnte nichts, wollte am nächsten Tag mit meinem Leistungskurs nach Kroatien fahren. Dann erfuhr ich von der bevorstehenden Ausrufung meines Mannes zum Kanzlerkandidaten der SPD." Sie hatte "mit dieser Entscheidung nicht gerechnet", erst am Sonntag zuvor war sie in Berlin gewesen. "Ich dachte, es handele sich um ein offenes Rennen", blickt sie zurück, und nennt die schnelle Entscheidung "schon recht ungewöhnlich".

Natürlich weiß sie, was nun auf sie und die Kinder zukommt. Wer Bundeskanzler werden will, wird belauert. Entsprechend entsetzt reagierte man in der Familie auf die Ausrufung ihres Ehemannes. Im Oktober tagt der Familienrat, doch einberufen wird er nicht durch den Vater, sondern von Katharina, der ältesten Tochter. "Alle Kinder kamen und wollten Auskunft", sagt Gertrud Steinbrück. "Mein Mann musste aussagen. Das war ein Gerichtstermin für ihn. Es ging hoch her, aber der Wortlaut geht die Öffentlichkeit nichts an." Die ersten Erfahrungen mit der ungeliebten Kanzlerkandidatur waren dann ja auch nicht gerade vergnüglich. "Die ausgiebige Berichterstattung über die früheren Nebentätigkeiten meines Mannes empfinde ich als belastend und ehrenrührig", sagt Gertrud Steinbrück. "Die vergangenen Wochen waren daher auch für unsere Kinder und mich wirklich hart."

2013 wird für Frau Steinbrück eine Zäsur

So oder so steht Gertrud Steinbrück 2013 eine Zäsur bevor. Im Sommer geht sie in den Ruhestand, nur zwei Monate später wird der Bundestag gewählt. Dann entscheidet sich, ob Peer Steinbrück, zwei Jahre älter als seine Ehefrau, in den Ruhestand geht oder richtig durchstartet. Häufiger in Berlin sein wird sie auf jeden Fall. Sie ist gerne hier, sie mag die Leute: "Sie sind frech, aber auf eine witzige, nicht boshafte Art." Als sie neulich mit dem Fahrrad auf dem Kurfürstendamms unterwegs war, verlangte ein Taxifahrer von ihr, auf den Bürgersteig zu wechseln. "Na Mädchen, biste lebensmüde?" rief der Mann. "Mädchen – mit über 60", sagt Gertrud Steinbrück und lacht, "das hat doch einen gewissen Charme."

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