28.11.12

Allensbach-Studie

Generation Glück - Die Alten fühlen sich jünger als je zuvor

Die Deutschen 65 plus sind mit ihrem Leben sehr zufrieden und wollen unabhängig bleiben. Das zeigt eine Allensbach-Studie.

Foto: Getty Images/Vetta

Fit und unternehmungslustig: Deutschland Senioren fühlen sich im Durchschnitt zehn Jahre jünger als sie sind
Fit und unternehmungslustig: Deutschland Senioren fühlen sich im Durchschnitt zehn Jahre jünger als sie sind

Die Älteren von heute sind eine besondere Generation. Als Kinder haben viele den Zweiten Weltkrieg noch miterlebt. Als junge Erwachsene genossen sie das deutsche Wirtschaftswunder. Ihre Erwerbsbiografie ist noch gradlinig, ihre Rente entsprechend hoch.

Jetzt im Alter profitieren sie von den Errungenschaften der modernen Medizin. Renate Köcher, die Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach, spricht von einer Generation, "die einen unglaublichen Sprung" gemacht hat. Und das drückt sich auch in einem überraschend positiven Lebensgefühl aus.

Das zumindest ist die Botschaft einer aktuellen Altersstudie, die Allensbach im Auftrag des Versicherers Generali Deutschland erstellt hat. Das Leben der 65- bis 85-Jährigen in Deutschland ist demnach alles andere als einsam, arm und eintönig, wie oft vermutet wird. Es ist selbstbestimmt, aktiv und sehr abwechslungsreich.

Die Mehrheit der Alten ist offensichtlich rundum zufrieden. "Die Gesellschaft altert strukturell", sagt Köcher. "Die Alten aber fühlen sich jünger als früher." Zwischen gefühltem Alter und dem tatsächlichen Alter liegen im Durchschnitt zehn Jahre. Das Einkommen der älteren Generation hat sich im Vergleich zu dem der Jungen seit 1975 überdurchschnittlich gut entwickelt.

Wohl nie zuvor war eine Generation wirtschaftlich so abgesichert. Und nie zuvor war eine Generation so bemüht, möglichst lange ein unabhängiges Leben zu führen. So treiben heute 44 Prozent der Älteren regelmäßig Sport, um beweglich und gesund zu bleiben. Ende der Sechzigerjahre waren es nur fünf Prozent. Schon diese Zahl zeigt, wie sehr sich das Bewusstsein älterer Menschen geändert hat.

So viel Lippenstift wie Teenies

Knapp die Hälfte der Deutschen im Alter zwischen 65 und 74 Jahren stuft ihren Gesundheitszustand als gut bis sehr gut ein. Bei den 75- bis 79-Jährigen sind es immerhin noch 36 Prozent. In beiden Altergruppen fühlen sich heute deutlich mehr Frauen und Männer gesund als noch Mitte der Achtzigerjahre. Es bleibt vor allem die Sorge, mit fortgeschrittenem Alter gebrechlich zu werden und im schlimmsten Fall an Demenz zu erkranken. 86 Prozent hoffen, lange geistig fit zu bleiben.

Zur aktuellen Zufriedenheit der Älteren trägt auch die gestiegene Mobilität bei. Fast ein Drittel der älteren Generation verlässt täglich das Haus. 68 Prozent haben ein eigenes Auto – auch dieser Anteil hat im Vergleich zu den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen. So hatten Mitte der Achtzigerjahre nur zehn Prozent der 75- bis 79-Jährigen ein Auto zur Verfügung, heute sind es bereits rund 50 Prozent. Und auch bei den 80- bis 85-Jährigen ist noch jeder vierte mehrmals die Woche mit dem Auto unterwegs. Das positive Lebensgefühl äußert sich auch darin, dass immerhin noch 45 Prozent der 70- bis 74-jährigen Frauen regelmäßig einen Lippenstift verwenden – der gleiche Wert wie bei Teenagern zwischen 14 und 19 Jahren.

Am deutlichsten aber drückt sich die Diskrepanz zwischen dem weitverbreiteten negativen Altersbild und der gelebten Realität im Verhältnis zwischen den Generationen aus. Von einem oft schon beschworenen Krieg zwischen Jung und Alt ist zumindest in der Studie nichts zu spüren. Die Alten sind dagegen eng in die familiären Strukturen eingebunden und pflegen enge Kontakte zu ihren Kindern. Sie treffen sich zum gemeinsamen Essen, geben gute Ratschläge, helfen bei Reparaturen in der Wohnung oder bei der Gartenarbeit und passen auf die Enkelkinder auf.

Die Alten unterstützen die Jungen

Vor allem aber unterstützen die Alten die Jungen finanziell. Die jährlichen Transferzahlungen summieren sich insgesamt auf knapp zehn Milliarden Euro; darin sind die Beiträge für größere Anschaffungen sowie Erbschaften und Schenkungen noch nicht enthalten. Die Mehrheit der Alten hofft, später einmal in der Familie gepflegt zu werden. 90 Prozent der über 65-jährigen Frauen und Männer haben Kinder, und sie haben guten Grund, darauf zu vertrauen, später nicht in ein Heim abgeschoben zu werden. Auch das gehört zum Glück dieser Generation, noch in traditionellen Familienstrukturen gelebt zu haben.

Schon in den nachfolgenden Jahrgängen nimmt die Zahl der Kinderlosen zu, und die Familienbande sind oft nicht mehr so eng. Der Heidelberger Gerontologe Professor Andreas Kruse, Mitautor der Studie, fordert Politik und Gesellschaft denn auch auf, auf diese demografischen Veränderungen frühzeitig zu reagieren und entsprechende Rahmenbedingungen etwa für die Pflege der alten Menschen zu schaffen. Schon ab 2025 werde sich die Situation verschärfen, warnt Kruse.

Suche nach neuen Wegen

So unbeschwert und zufrieden wie die heutige Generation 65 plus werden die nachfolgenden Generationen im Alter wohl nicht mehr leben können. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die Ungleichheit innerhalb der Altersgruppe größer wird – etwa was die materielle Sicherheit betrifft. Die Bürgergesellschaft müsse Wege finden, um in Zukunft die wachsende Zahl von Alleinstehenden im Alter zu versorgen, fordert Kruse. "Und jeder Einzelne muss sich fragen, was er für das Gemeinwohl tun kann."

Die gute Stimmung, die in der Altersstudie zum Ausdruck kommt, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich das Alter jenseits des 80. Geburtstags immer deutlicher bemerkbar macht. Das Risiko für Krankheiten nimmt zu, die Kontrolle über den Körper geht allmählich verloren. Kruse spricht von "Verletzlichkeit": Wenn Menschen sich verletzlich fühlen, dann fühlen sie sich alt. Kruse bleibt aber optimistisch: Die "psychische Verarbeitungskapazität" – also die Fähigkeit des Menschen, mit den Herausforderungen des Alters fertig zu werden – sei lange unterschätzt worden.

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