26.11.12

Altersbezüge

Rentenerhöhung kommt – und mit ihr der Zweifel

Für rund 20 Millionen Menschen im Ruhestand sollen die Bezüge steigen. In den ostdeutschen Bundesländern stärker als im Westen.

Von Dorothea Siems und Andreas Gandzior
Foto: picture-alliance/ ZB

Glücklich: Ein älteres Paar umarmt sich bei einem Spaziergang in einem Berliner Park. Auch für sie gibt es demnächst mehr Geld
Glücklich: Ein älteres Paar umarmt sich bei einem Spaziergang in einem Berliner Park. Auch für sie gibt es demnächst mehr Geld

Ronny Schmidt wird in diesem Jahr 58 Jahre alt und hat sich seine Rente vor wenigen Wochen ausrechnen lassen. 1600 Euro wird er der Deutschen Rentenversicherung zufolge dann monatlich erhalten. "Jetzt hört sich das noch ganz gut an", sagt der Servicetechniker. "Aber es kann doch keiner sagen, wie viel diese Summe in ein paar Jahren, wenn ich 65 bin, überhaupt noch wert ist."

Entsprechend skeptisch ist Schmidt, als er von der Rentenerhöhung für die rund 20 Millionen Ruheständler hört, die in der Bundesregierung geplant ist: Dem diesjährigen Rentenversicherungsbericht nach können die Ruheständler im Westen bis 2016 mit einem Plus von 8,5 Prozent rechnen. Im Osten sollen die Renten gar um 11,55 Prozent steigen. Allein für das kommende Jahr erwartet der Bericht ein Plus von 3,49 Prozent in den neuen Bundesländern – den höchsten Anstieg seit 1997. Im Westen soll es 2013 nur eine Steigerung von einem Prozent geben, doch 2015 können die Senioren hier mit einer Erhöhung um 2,55 Prozent rechnen. Dies wäre dann der höchste Zuschlag seit 1994.

Weil der Prognose nach die Anpassungen im Osten im gesamten Vier-Jahres-Zeitraum höher ausfallen als im Westen, steigt das Ost-Rentenniveau von jetzt 88,8 auf 91,2 Prozent. 2030 soll schließlich die vollständige Angleichung an das West-Niveau erreicht sein.

Schmidt geht jedoch davon aus, dass von den angekündigten Rentenerhöhungen nichts übrig bleiben wird. "Die aktuellen Strom- und Benzinpreiserhöhungen sind nur die Spitze des Eisberges." Das seien die Preistreiber, die nahezu alle Lebensbereiche teurer machen. Jeder Lebensmittelkonzern und jeder andere Industriezweig werde die Preise erhöhen, ist sich Schmidt sicher. Als weiteres Beispiel nennt er seine Autoversicherung. "Mein Schadensfreiheitsrabatt ist gesunken, mein Fahrzeug ist aber in der Schadensklasse gestiegen", sagt er. "Jetzt zahle ich 35 Euro im Jahr mehr als vorher." Das Ergebnis steht für Schmidt daher fest. "Trotz der angekündigten Rentenerhöhungen werde ich effektiv nicht mehr Geld in der Tasche haben als vorher", sagt er. "Ich bin froh, dass ich jahrelang in eine betriebliche Zusatzrente eingezahlt habe."

Das sieht die Politik – vor allem die Parteien der schwarz-gelben Regierung – anders. Während auch Sozialverbände skeptisch sind, spricht für den Rentenexperten der Unionsfraktion im Bundestag, Peter Weiß, vieles dafür, "dass die Durststrecke für die Rentner vorbei ist". Denn wesentliche Dämpfungsfaktoren, die in den vergangenen Jahren die Anpassungshöhe gedämpft hätten, liefen aus. Deshalb würden die Rentensteigerungen beispielsweise in den ostdeutschen Bundesländern schon ab kommendem Jahr nahe bei der Lohnentwicklung liegen, sagt der Vorsitzende der Arbeitnehmergruppe der Union.

Gleichung mit vielen Unbekannten

Allerdings ist die Rentenformel, nach der die Altersbezüge jedes Jahr im Juli angepasst werden, eine Gleichung mit sehr vielen Unbekannten. Grundsätzlich folgen die Renten mit einem Jahr Verzögerung den Löhnen. Doch wurden im Zuge der Rentenreformen einige Abschlagsfaktoren in die Berechnungsformel eingebaut. Auf diese Weise sollen die Lasten durch die Alterung der Gesellschaft gerechter auf Jung und Alt verteilt werden.

So dämpft beispielsweise die "Riester-Treppe" den jährlichen Rentenanstieg um 0,65 Punkte. Damit wird der Tatsache Rechnung getragen, dass die Beitragszahler heute zusätzlich privat vorsorgen müssen, um im Alter das Versorgungsniveau heutiger Rentner erreichen zu können. Der Riester-Faktor mindert 2013 zum letzten Mal den Anstieg. Das Gleiche gilt für den "Nachholfaktor", der seit 2010 die Höhe der Anpassung mindert. Weil im Rentenrecht eine Schutzklausel die Kürzung der Renten in schlechten Jahren verhindert, muss das, was eigentlich hätte eingespart werden sollen, in guten Jahren nachgeholt werden. Diese Regel sorgte dafür, dass die Ruheständler ohne Einbußen durch die schwere Finanzkrise gekommen sind. Allerdings profitierten sie dann später auch weniger stark vom Aufschwung. Der Nachholfaktor läuft gleichfalls aus: in Ostdeutschland bereits in diesem Jahr, im Westen dämpft er 2013 zum letzten Mal den Rentenanstieg.

Doch nicht jeder traut der staatlichen Rente. Thomas Münz* ist Taxifahrer. In den vergangenen 15 Jahren war er als fest angestellter Fahrer auf Berlins Straßen unterwegs. Das wird sich vom 1. Januar 2013 an ändern. "Ich würde rund 300 Euro Rente bekommen", sagt der 55-Jährige. "Aus diesem Grund fahre ich ab dem kommenden Jahr selbstständig und werde so viel wie möglich in eine private Altersvorsorge einzahlen. Ich werde aller Voraussicht nach nur noch den Rentenmindestbetrag zahlen, um auf die Beitragspflichtjahre zu kommen."

Münz war im Laufe seines Arbeitslebens wechselnd selbstständig und angestellt und hat nach eigenen Angaben in die klassische Lebensversicherung eingezahlt. Großes Vertrauen hat er nicht in die staatliche Rente und eventuelle Rentenerhöhungen. "Ich bin der festen Überzeugung, dass ich in den letzten zehn bis zwölf Jahren meines Arbeitslebens mehr privat ansparen kann, als wenn ich das Geld in die Rentenkasse einzahle." Er glaubt, dass er auch mit 70 Jahren noch Taxifahren wird. "Mit diesem Geld, meinen Ersparnissen und der Rente meiner Frau könnten wir über die Runden kommen."

Über die Rentenformel sind die Altersbezüge zudem eng an die Beschäftigungsentwicklung gekoppelt. In ihrem Rentenbericht unterstellt die Regierung, dass es nicht zu einem Konjunktureinbruch kommt – auf den derzeit einiges deutet. Der Prognose zufolge sollen die Bruttolöhne in den kommenden vier Jahren zwischen 2,5 und 2,8 Prozent steigen. Für Ostdeutschland wird sogar mit einem höheren Lohnanstieg von bis zu 5,6 Prozent gerechnet. Und die Zahl der Arbeitslosen soll bundesweit im Jahresschnitt unter drei Millionen bleiben.

Der CDU-Wirtschaftsrat wertet die positive Prognose als Beleg dafür, dass die Senioren am Aufschwung beteiligt werden. "Es ist richtig und entspricht der Idee unseres Generationenvertrages, dass Jung und Alt gemeinsam vom Wirtschaftsaufschwung profitieren und auch die Renten mit angehoben werden", sagt Wolfgang Steiger, Generalsekretär des CDU-Wirtschaftsrats.

Angst vor Armut

Doch die Skepsis bleibt – und auch die Angst vor Altersarmut, gerade auch in Berlin. "Die angekündigten Rentensteigerungen sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein", sagt Michael Neumann*. Als Hauptgrund für die aufkommende Altersarmut sieht er die Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt der Hauptstadt. Hier würde eine "Goldgräberstimmung" herrschen, welche die Mieten für Rentner unbezahlbar machen. "Es reicht eine Wärmedämmung an einem Haus und die damit verbundene Mieterhöhung. In diesem Moment ist die Rentenerhöhung wieder weg." Hinzu kämen noch steigende Beiträge der Krankenkassen, die das Leben eines Rentners immer teurer werden lassen. Die Rentenerhöhung, sagt er, könne sich der Staat sparen. "Solange er nicht eine Mietpreisbindung einführt." Das ist im aktuellen Rentenbericht natürlich nicht vorgesehen.

Quelle: *Name geändert
© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Champions-League Guardiola will "überragende Leistung"
Brasilien Jagdszenen an der Copacabana
Drohung USA schicken 600 Soldaten nach Polen und ins Balti…
Chaos Panik in indischer Stadt durch verirrten Leopard
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Mode

Kate – die unangefochtene Fashion-Queen

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote