24.11.12

Parteitag

Klar zum Verenden - Hajo Schumachers Brief an die Piraten

Die Piraten sollten ihre Laptops zu Hause lassen und beim Parteitag in Bochum mal wieder miteinander sprechen - findet Hajo Schumacher.

Von Hajo Schumacher
Foto: dpa

Christopher Lauer, Fraktionschef der Berliner Piraten, setzt pro Tag mehr als 45 Tweets über seine Partei ab
Christopher Lauer, Fraktionschef der Berliner Piraten, setzt pro Tag mehr als 45 Tweets über seine Partei ab

Liebe Piraten,

Achtung, bevor der Daumen schon wieder nervös Richtung Smartphone zuckt, um dieses unsäglich rückwärtsgewandte Anti-Twitter-Stück hier zu bashen – erst mal kurz durchatmen, zu Ende lesen, womöglich gar ein wenig nachdenken und dann erst losmeinen. Vielleicht ist es ja genau diese nervöse Hysterie, der Ihr den Absturz auf bundesweit vier Prozent zuzuschreiben habt. Es waren eben nicht die Medien, das System oder sonst welche bösen Mächte, die Ihr Mythenkinder so gern bemüht. Nein, Ihr habt Euch selbst in die Grütze geritten. So viel Ehrlichkeit muss sein.

Nicht mal die Grünen sind mit so viel medialer Vorschusssympathie gestartet wie Ihr. Jede Kinderei hat Euch die Republik verziehen und stattdessen fasziniert zugeschaut, was Ihr da macht. Viele Bürger wollten ehrlich wissen, welche klugen Methoden Ihr gefunden habt, mit all diesen digital getriebenen Komplexitäten zu jonglieren.

Klar, man kann vor lauter Verzweiflung Landlust lesen, Entschleunigung und so. Man kann aber auch versuchen, mit dem Netz zu leben. Ihr wart angetreten, uns diesen ersten Pfad durchs digitale Dickicht zu schlagen. Ja, es lag Hoffnung auf Euch, Hoffnung auf einen neuen Sound, eine neue Weltsicht, ein neues Miteinander, auf Zukunft. Ihr wart die Kinder, die es nicht besser haben, sondern besser machen sollten. Ihr wart Hope und Change. Jetzt seid Ihr in Eurer ziellosen, bisweilen stalinistischen Zerstrittenheit so attraktiv wie die Linkspartei, nämlich gar nicht.

Ihr habt viele Wähler, offene und heimliche Fans enttäuscht, weil Ihr den Anfangsschwung leider für eine Rückwärtsbewegung genutzt habt. "Keine Ahnung" war eine Weile lang wirklich lustig. Aber wie wollt Ihr cool wegquatschen, dass im Nahen Osten die Bomben fliegen? Wo steht Ihr? Spielt Ihr die Pali-Folklore der Altlinken nach? Habt Ihr den Mut zu pro Israel? Oder siegt die inzwischen echt unlustige Ignoranz, auf gut Lauerisch immer noch mit "keine Ahnung" zu kommen?

In der Krisenarbeit gibt es eine simple Methode, Euren Problemen beizukommen: ehrlich machen. Als erste Baustelle stünde die Kommunikation an, Euer Kernthema. Kann es sein, dass Ihr zu viel Wert auf technische Aspekte gelegt habt, auf Kanäle und Verfahren, und dabei die ganz altertümliche Frage nach dem Stil des Umgangs ein wenig gering geschätzt habt?

Nehmen wir Twitter als Beispiel, ein wirklich praktisches Medium, mit dem man sich sehr schnell sehr knapp verständigen kann. Twitter darf man wohl als einen der wesentlichen Verständigungskanäle Eurer Community bezeichnen. Kann es nun sein, dass Ihr Euch da stracks in eine kommunikative Falle begeben habt, in der die Probleme ständig wachsen?

Die Psychologin Astrid Carolus vom Lehrstuhl Medienpsychologie der Universität Würzburg weist zum Beispiel auf einige Phänomene hin, die sich schlecht auf 140 Zeichen beschreiben lassen. Da wäre zum Beispiel die Theorie von der "media richness". Jedes Medium hat seine eigene Reichhaltigkeit. Ein Brief kann eine sehr differenzierte Anrede (Sehr geehrter, Lieber, Verehrter) sowie differenzierte Verabschiedungen (Mit freundlichen Grüßen, Hochachtungsvoll, Gruß) haben, was sich in einer Kurznachricht wegen Platzmangels verbietet. Die höchste Reichhaltigkeit bietet das persönliche Gespräch, eine Kunstform, die offenbar noch ausbaufähig ist bei Euch.

Ähnlich verhält es sich mit den "reduced social cues". Digitale Kommunikation bedient die vielfältigen Sinneskanäle des Menschen nur eingeschränkt. Deswegen kommen kurze Mitteilungen oft als sehr barsch, verletzend und wenig differenziert beim Empfänger an. Der Smiley oder das War-nicht-so-ernst-gemeint-Semikolon können die vielfältigen Möglichkeiten eines echten Gesprächs nicht ersetzen. Kleinkonflikte oder reine Missverständnisse, die sich im persönlichen Dialog schnell und schmerzfrei ausräumen lassen, gewinnen im Echtzeit-Pingpong rasch an unnötiger Wucht. Es bleibe keine Zeit zum Nachdenken, klagt Parteivize Sebastian Nerz.

Drittens tritt das Phänomen der "social de-individuation" auf, das in den Kommentaren jeder x-beliebigen Website zu beobachten ist. Durch die Anonymität im Netz wird soziale Enthemmung begünstigt, kurz: Man langt derber hin als im richtigen Leben.

Und viertens gibt es da noch einen Effekt, der wissenschaftlich kaum untersucht, aber durch anekdotische Evidenz belegt ist: Weil jeder Tweet darauf zielt, möglichst viel Aufmerksamkeit zu erzielen, gemocht und weitergeleitet zu werden, ist die Verlockung groß, möglichst lustig, aggressiv oder zugespitzt zu kommunizieren. Ihr haut Euch also bevorzugt Schlagzeilen um die Ohren, die, wie wir von den Holzmedien wissen, ja gelegentlich Missverständnisse erzeugen.

Inhalte, und darum ging es am Anfang ja mal, Inhalte lassen sich per Tweet nur sehr schwierig vermitteln, Emotionen aber grenzenlos anheizen. Da aber ausgerechnet die Politik ein fürchterlich inhaltsschweres Geschäft ist, habt Ihr womöglich das Problem, Euch hin und wieder der falschen Kanäle zu bedienen, weil sie das Gegenteil dessen erzeugen, wofür Ihr einst angetreten wart: Ihr entzweit Euch systematisch, anstatt kooperativ zu arbeiten. Wenn der Berliner Oberpirat Christopher Lauer mehr als 45 Tweets am Tag absetzt, verbessert er nicht das Teamgefühl, sondern bombardiert das Gemeinsame per Dauerfeuer. Klar zum Ändern oder Klar zum Verenden?

Und wo wir gerade beim Ehrlichmachen sind: Wo sind eigentlich die Inhalte geblieben? Wofür genau sollen Euch die Niedersachsen im Januar wählen und das ganze Land in zehn Monaten? Im Landtag von NRW habt Ihr die vergangenen Wochen mustergültig vorgemacht, wie es nicht geht: Banalitäten und Kabale, verschärft durch konsequenten Verzicht auf Empathie. Auch Hochbegabte setzen offenbar auf schnelle Effekte und betonen das Trennende. Ein offenes Gespräch ohne anschließend für Monate vorwurfsvoll zu schweigen, das scheint nicht so euer Ding. Klar, old school. Hat sich aber in den vergangenen paar Tausend Jahren da durchaus bewährt. 140 Zeichen Hass sind halt schnell getippt, 140 Seiten Politik dagegen sind hart, wie man auch an der Beteiligung an euren Arbeitsgruppen sieht.

Hart, aber wahr: Auch mit noch so viel Internet bleibt die Politik ein mühsames Geschäft und entgegen landläufiger Meinung in erster Linie Arbeit, die nicht immer gleich Likes erntet. Wie in jeder Partei, jeder Organisation, jedem Unternehmen gilt auch für Piraten die Dritteltheorie: Ein Drittel rackert und zieht den Laden, ein Drittel steht zumindest nicht im Weg rum, und ein Drittel verkrümelt sich bei jeder Gelegenheit. Das Problem: Die Verkrümeler haben die meiste Zeit, sich öffentlichkeitswirksam zu äußern. Sie sind das wahre Problem, weil sie die mühevoll getane Arbeit mit einer einzigen Bosheit zerstören können. Könnte es nun sein, dass es bei Euch bisweilen zu einer Fehlwahrnehmung kommt, wer wirklich wertvolle Beiträge leistet und wer einfach nur seine Zerstörungswut auslebt, die bei Euch kaum geringer ausgeprägt ist als, sagen wir mal, gerade in der SPD?

Bevor die nicht unbeträchtliche Zahl der Poser und Verdrücker diesen Text hier habituell als Schwachsinn abtut (jaja, falsches Medium, falscher Verlag, falscher Autor sowieso) noch ein rascher Tipp aus jener alten Welt, die Ihr überwunden glaubtet: Versucht doch mal was total Freakiges und übt Euch in Höflichkeit, Rücksicht und Kompromissbereitschaft. Macht Euch den Parteitag lang frei vom Netz, versucht mal wieder einen Blickkontakt und ergründet nicht, was Euch trennt, sondern formuliert, was Euch zusammenhält, emotional und inhaltlich. Ist gewagt, klar, aber wer würde sich so was Abgefahrenes wie Umgangsformen trauen, wenn nicht ihr. ; )

Euer Hajo Schumacher

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