22.11.12

Altbundespräsident

Christian Wulff gibt in Heidelberg sein Comeback

Als wäre nichts gewesen. Christian Wulff hält eine Rede und knüpft an alte Fäden. Die wichtigste Frage: Wie hat er seinen Fall weggesteckt?

Von Ulrich Exner
Foto: dpa

Auftritt: Der frühere Bundespräsident Christian Wulff in Heidelberg
Auftritt: Der frühere Bundespräsident Christian Wulff in Heidelberg

Dann steht er plötzlich wieder am Pult. Sogar die Designer-Brille, das unwillkürliche Symbol der großen Krise, ist wieder verschwunden. Christian Wulff. Graue Hose, graues Jacket, graue Krawatte; gar nicht so viel schlanker. Nicht verhärmt, nicht verstockt. Heidelberg, die famos vertäfelte Alte Aula der Universität, am Mittwochabend. Ein Plädoyer für Integration und gegen Abgrenzung, für Miteinander und Zusammenhalt. Als wäre nichts gewesen.

Eingeladen hat die Hochschule für Jüdische Studien, zu deren traditionsreichen – und völlig honorarfreien – Hochschulreden schon Angela Merkel geladen war, Günther Jauch und Thomas Gottschalk. Joachim Gauck natürlich, den Wulff, das fällt gleich auf, lobend erwähnt dafür, dass er das Thema Integration auch ganz oben hat auf seiner Präsidenten-Agenda. Aber man hört an solch einem Tag, neun Monate nach Rücktritt und Zapfenstreich, natürlich auch das Gras wachsen. Was sagt er? Wen kritisiert er? Wie hat er das alles weggesteckt?

Gemessen an diesem Abend: Blendend. Wulff ist ganz Wulff. Er reißt einen rhetorisch noch immer nicht vom Hocker, er arbeitet brav seine Rede ab. Er leitet seinen Vortrag lehrbuchgemäß populär ein mit den bei Integrationsreden nahe liegenden Fußballvergleichen; mit Nationalspielern, die nicht mehr Andreas, Rudi oder Lothar heißen, sondern Sami, Jerome oder Mesut. Mit einem 4:4 gegen Schweden und mit einem typischen Schweden namens Ibrahimovic. Und schon ist er wieder mittendrin in seinem Thema.

Gesellschaftlicher Wandel, Versöhnung der Religionen, Zusammenhalt. Die Notwendigkeit, Deutschland miteinander zu gestalten und nicht nebeneinander her zu leben. Mit allen Rechten – und auch allen Pflichten, die er einführt, indem er sich auf Kirsten Heisig bezieht, die Berliner Jugendrichterin, die das Land aufgerüttelt hat.

Wulffs Unbehagen mit dem Begriff Migrationshintergrund

Zwischendurch artikuliert der dramatisch gestürzte Bundespräsident das von ihm geteilte allgemeine Unbehagen mit dem Begriff Migrationshintergrund und nimmt als Verbesserungsvorschlag den Begriff "Menschen mit Zuwanderungsgeschichte" auf, der ihm zuletzt aufgefallen sei. Er benennt auch die nach wie vor vorhandene Scham über die NSU-Morde und über das "Versagen der Ermittlungsbehörden", das er sich in diesem Maße niemals habe vorstellen können. Diejenigen unter den rund 350 Zuhörern, die das Gras wachsen hören möchten, können in diesem Moment einen Hauch Wehmut spüren. Wulff hätte gern als Präsident an der Trauerfeier mit den Angehörigen der Opfer teilgenommen. Das wäre ihm, keine Frage, ein Herzensanliegen gewesen. Aber darauf wollte die Staatsanwaltschaft Hannover keine Rücksicht nehmen. Sie ermittelt bis heute wegen Vorteilnahme gegen den früheren Präsidenten.

Der wirbt in Heidelberg weiter für den Dialog der Kulturen, dafür dass hierzulande "niemand wegen seines Glaubens benachteiligt wird". Für die "Abwesenheit von Diskriminierung" und für das "Interesse der Menschen aneinander". Keine neuen Gedanken, aber solche, die noch lange nicht alle verstanden haben.

Nur an einer Stelle gerät Wulff an diesem Bußtagsabend ins Stocken. Als eine Frau aus dem Publikum ihn nach seiner Haltung zum Betreuungsgeld fragt, bittet der Ex-Präsident nach ein paar lavierenden Politiker-Sätzen um Nachsicht: "Verstehen Sie bitte, dass ich ein wenig herumeiere." Schließlich sei er gehalten auch "nach dem Amt" staatsmännisch zu agieren.

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