19.11.12

SPD-Kanzlerkandidat

Peer Steinbrück - Bisher keine Heldengeschichte

Weltkriegsteilnehmer, Wohlstandsverteidiger, Wahlsieger – große Politiker stehen für große Momente. Peer Steinbrück bislang nicht.

Von Hajo Schumacher
Foto: dpa
Glaubwürdig oder nicht? SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück kassierte 25.000 Euro für einen Vortrag bei den Bochumer Stadtwerken. Ihm habe, so Steinbrück, „das Fingerspitzengefühl“ gefehlt
Glaubwürdig oder nicht? SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück kassierte 25.000 Euro für einen Vortrag bei den Bochumer Stadtwerken. Ihm habe, so Steinbrück, "das Fingerspitzengefühl" gefehlt

Der Unterschied zwischen den wenigen großen und vielen anderen Politikern bewegt sich im erspürten Bereich. Ob Präsidenten oder Kanzlerinnen, fast immer erzählen Anführer eine Geschichte, die bedeutender ist als Praxisgebühr oder Betreuungsgeld.

Bei den Stars genügen Begriffe ("Pfarrerstochter"), Werte ("Freiheit"), Orte ("Oggersheim"), manchmal auch Spitznamen "("Acker") oder kreative Worte ("Turnschuhminister"), um ein ganzes Panorama zu eröffnen, das dem Bürger wiederum ein zwar unkonkretes, gleichwohl stabiles Zutrauen vermittelt. "Rollstuhl" allein erklärt ein Politikerleben, "Bochum" seit Neuestem auch, vor allem in Kombination mit "Vortrag".

Im Gegensatz zum Image, das Reklamefachleute korrigieren zu können glauben, sind gelebte Erzählungen hier und da zu akzentuieren, aber nicht grundlegend zu ändern. Es geht weniger um Aura oder Charisma als vielmehr um individuelle Vita und Schicksal der Nation, die sich, teils dramatisch, teils romantisch, zu einem Glaubwürdigkeitsepos verweben.

Ob Weltkriegsteilnehmer wie Schmidt und Weizsäcker, ob Wohlstandsverteidiger Kohl, der hungrige Aufsteiger Schröder, die Bekehrten Fischer und Schily, ob Putin oder Berlusconi, Clinton oder Obama – jeder hat sein gelebtes Leitmotiv, das sich durchs tägliche politische Handeln zieht und im besten Fall kontroverse Entscheidungen überzeugend legitimiert. Es geht nicht um literarische Feingeisterei, sondern um das, was in der Wahlkabine zählt – die Vertrauensfrage. Können wir uns im Ernstfall auf eine selbstlos schützende Hand verlassen?

Alltagshandeln und großes Ganzes

Ihre ganz eigene Erzählung bietet die Bundeskanzlerin: In teilparallelen Strängen verknüpfen sich in Angela Merkels Karriere gleich drei Storys: von den zwei deutschen Leben, von der Chance des Neubeginns, von der nicht immer zimperlichen Machtschläue einer Frau, die sich gegen unzählige graue Herren zu behaupten hatte. Das historische Thema von Teilung und Einheit, die ewige Geschlechterkluft, dazu das auch moralisch spannende Doppel aus kalter Machtfreude und protestantischem Bescheidenheitsterror. Würden wir dieser Frau ihren gebrauchten Golf abkaufen?

Diesen Erzählungen, bisweilen größer als der Politiker selbst, kommt gerade in Zeiten der Unübersichtlichkeit gewaltige Bindungsmacht zu. Wer sich aus der Baracke nach oben geboxt hat, wer in der DDR Physik studierte und dann die CDU eroberte, wer als erster Farbiger ins Weiße Haus einzog, dem traut man zu, vertrackte Probleme zu lösen. Je weniger die Menschen die Feinheiten der Euro-Krise verstehen, desto mehr sehnen sie sich nach einem möglichst störungsfreien Vertrauensverhältnis.

Wer den Weg zum Münchner Flughafen nicht erklären kann, wer mit der Partnerin im Pool tollt, während deutsche Soldaten in den Krieg ziehen, der irritiert. Manchmal reicht schon Brioni. Selbst wer Angela Merkel nicht mag, wird zugestehen müssen, dass sie die Netzkarte für Parlamentarier im Zweifel privat wohl kaum einsetzen würde, auch wenn es rechtens wäre. Dieser feine und nicht immer eindeutige Unterscheid zwischen dem, was man tun könnte und dem, was sich gehört, bildet ein Spezifikum des deutschen Politikbetriebs, das im Ausland bisweilen ungläubig registriert wird.

Welche Geschichte erzählt nun Peer Steinbrück? Welches Narrativ bietet der Kanzlerkandidat, wo laufen Alltagshandeln und großes Ganzes widerspruchsfrei zusammen? Auf welchen Begriff lassen sich Vita und Wesen des Sozialdemokraten reduzieren, der 2013 Kanzler werden will? Gibt es sie überhaupt, die große, stringente Steinbrück-Story?

Einiges spricht dafür, dass der Kandidat derzeit vielmehr ein Puzzle anbietet, dessen Teile nicht so richtig zusammenklicken wollen. Wie bei Obamas Herausforderer streben Gelebtes und Gesagtes auseinander und erzeugen eher emotionale Dissonanzen. Würden wir seinen Gebrauchtwagen kaufen? Oder mutmaßen wir, dass der Wagen eh dem Fuhrpark eines Finanzinstituts gehört? Peer Steinbrück sitzt in der Mitt-Romney-Falle: Seine Story zerfällt in widersprüchliche Schnipsel, in Bank und Bochum, in Grünen-Hass und Rhetorikspaß. Lässt sich dieses Glaubwürdigkeitsproblem lösen?

Kein Hauch von Triumph

Der amerikanische Mythen-Forscher Joseph Campbell hat den Begriff der "Heldenreise" geprägt, ein archaischer Erzählungsverlauf, der in allen Kulturen, zu allen Zeiten der Menschheit funktionierte, ob "Herr der Ringe" oder "Odyssee". James Joyce nannte dieses archetypische Grundmuster "Monomythos". Hollywoods Drehbuchschreiber bedienen sich dieser Erzählstruktur ebenso wie Krimiautoren oder eben Wahlkampfmanager. In ihrem dramaturgischen Kern unterscheiden sich die Leben von Harry Potter und Angela Merkel nicht so arg; beide werden halt dauernd geprüft, müssen siegen und dabei Lauterkeit verströmen. Die Versatzstücke der Heldenreise lauten: Mangel, Aufbruch, Prüfung, Hilfe, Transformation, Rückkehr in die alte Welt.

Überträgt man diese Phasen auf Gerhard Schröder, dann war der Mangel das Moderne in der SPD, der Aufbruch Rot-Grün in Niedersachsen, eine Prüfung die verlorene Kandidatenwahl gegen Rudolf Scharping 1994, die Hilfe kam von Johannes Rau, weitere Prüfungen waren die glänzend gewonnene Niedersachsen-Wahl Anfang 1998 und der Bruch mit Lafontaine.

Transformation schließlich kam mit dem Jugoslawien-Konflikt und 9/11. Bei Angela Merkel käme man auf DDR, Mauerfall, Kohl-Brief, die Schlachten beim Wolfratshausener Frühstück, gegen Merz und den Andenpakt, schließlich die Euro-Krise. Willkürliche Auswahlen, keine Frage. Aber immerhin finden sich in den Biografien der beiden Regierungschefs, so unterschiedlich sie auch sein mögen, genügend große Momente, die eine Heldenreise ergeben, auch aus der Zeit weit vor der Kanzlerschaft.

Der Kandidat Steinbrück hat einen solchen Fundus nicht zu bieten: Referent, Büroleiter und Staatssekretär, Minister einer in Abwicklung befindlichen Schleswig-Holstein-Regierung, Grünen-Fresser ohne Kooperationsgespür, Wahlverlierer im SPD-Kernland NRW, dazu inszenierte Schachfotos mit Helmut Schmidt, schließlich die Begriffe Vorträge und Bochum. Auf der Haben-Seite steht die Rolle als Steuermann in der Finanzkrise 2008/2009 und sein Ruf als Entertainer mit Niveau. Die Nominierung zum Kanzlerkandidaten dagegen hatte nicht mal einen Hauch von Triumph. Nicht viel Stoff für eine überzeugende Heldenreise, im Gegenteil. Wo die große Story fehlt, gewinnen die kleinen Geschichten an Macht.

Irritation der sozialdemokratischen Gefühlswelt

Das Tückische an der Causa Bochum ist ja nicht das Geld, sondern jene gewaltige Irritation in der sozialdemokratischen Gefühlswelt. Als die kleinen Leute der SPD gerade anfingen, sich an Steinbrück gewöhnen zu wollen, brachte die Debatte über Nebeneinkünfte das Misstrauen zurück, stärker noch als zuvor. Warum haben Uli Hoeneß und Peter Maffay ihr Bochumer Honorar sofort gespendet, der angebliche Bankenregulierer aber nicht? Will der Mann wirklich eine Wahl gewinnen, um Deutschland gerechter zu machen?

Und, mögen sich die sensibilisierten Nordrhein-Westfalen grundsätzlicher fragen: Wie war das eigentlich damals bei Rot-Grün in Düsseldorf, als der Ministerpräsident Steinbrück mit Hingabe die Koalitionspartnerin Bärbel Höhn verachtete? Kann er mit Kleineren kooperieren, was vor allem Kohl und Schröder auszeichnete? Welche Anführer-Geschichte erzählt ein Mann, der immer guter Zweiter war, ob bei Rau und Schmidt, Simonis oder Merkel? Wie bei Steinmeier schwingt stets die Frage mit: Welche Wahl hat der Mann eigentlich gewonnen?

Vom Dramaturgischen her bieten sich dem angeschlagenen Kanzlerkandidaten nun zwei Pfade: zum einen wäre da die Geschichte von Einkehr, Läuterung und Wandel, von Disziplin, Askese und Konzentration, die Joschka Fischer einst mit der Marathon-Show so brillant inszenierte. Peer Steinbrücks Bekenntnisse zur Basis, zu den Grünen, zum liebevollen Miteinander mit den Frauen weisen in diese Richtung, wenn auch mit reichlich komödiantischer Note. "Flip-Flop" nennen die Amerikaner jenes umfragegetriebene Positionsgeeiere, das der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney erledigte. Glaubwürdig geht anders.

Der zweite Weg wäre der mutigere, gleichwohl stringentere: Steinbrück pur. Mit einem klaren, womöglich selbstironischen Bekenntnis zum Geldverdienen, zu "Gedöns" und "Öko-Spinnern" würde der Kandidat vielleicht nicht alle politisch korrekten Befindlichkeiten bedienen. Aber er würde sich treu bleiben anstatt den Zerknirschten zu spielen oder sich anzubiedern. Das Knorrige, unbeirrbar Kantige ist die stärkste, in Wirklichkeit die einzige Story, die Steinbrück verkörpert. Kommt noch ausdauernder Kämpfergeist dazu, reicht es womöglich doch noch zu einem politischen Epos.

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