10.11.12

Spitzenduo

Trittin und Göring-Eckardt - Die bürgerlichen Grünen kommen

Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin führen die Grünen in den Bundestagswahlkampf 2013. Niederlage für Roth und Künast.

Von Matthias Kamann
Foto: Reuters

Führungsduo: Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin sollen die Grünen in den Bundestagswahlkampf 2013 führen
Führungsduo: Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin sollen die Grünen in den Bundestagswahlkampf 2013 führen

Manche würden ja meinen, sagte Jürgen Trittin im Ton ironischer Distanzierung, "wir wären Mutter Teresa und Darth Vader". Woraufhin Katrin Göring-Eckardt den neben ihr stehenden Trittin fragte: "Bist du Mutter Teresa?"

Es sollte also nicht so aussehen, als wäre im jetzt von der Grünen-Basis gewählten Spitzenduo für den Bundestagswahlkampf 2013 die evangelische Christin Göring-Eckardt fürs Weiche, Ausgleichende und Soziale zuständig, Trittin hingegen wie Darth Vader aus "Star Wars" für den harten Angriff. Und damit die Verweigerung gegenüber jenen Rollenerwartungen auch von allen bemerkt wurde, sprach der Urwahl-Sieger Trittin – er kam auf 71,9 Prozent der 35.065 gültigen Mitgliederstimmen – bei der Pressekonferenz am Sonnabend betont ruhig und ausgleichend, während die Zweitplatzierte Göring-Eckardt (47,3 Prozent) angriffslustig alle Wahlkampfthemen der Grünen auflistete.

Aber gerade mit ihrer schärfsten Formel gab Göring-Eckardt zu erkennen, dass sie doch diejenige sein soll, die in der bürgerlichen Mitte um Stimmen wirbt. Jene Formel lautete: "Grün oder Merkel". Seit Wochen streuen die Spitzenleute, dass man nicht nur auf die, wie sie sagen, "schwarz-gelbe Gurkentruppe" einschlagen dürfe, sondern "die Gurkenkönigin" ins Visier nehmen müsse.

Einnehmend und wenig konkret

Und diese Aufgabe, die Konkurrenz gegen Merkel im Bürgertum, dürfte der meist wenig zuspitzenden Göring-Eckardt zufallen. Tatsächlich steht die 46 Jahre alte Bundestagsvizepräsidentin der Kanzlerin in nichts nach, wenn es gilt, einnehmend zu reden und wenig Konkretes zu sagen. Diese Qualitäten konnte Göring-Eckardt bislang als Synodenpräses der Evangelischen Kirche ausspielen. Doch da sie dieses Amt nun vorerst bis Oktober 2013 ruhen lässt, kann sie ihre werbend-freundliche Art ganz in den Dienst der Grünen stellen.

Kostproben gab Göring-Eckardt, als sie sagte, die Grünen ständen für "mehr Zusammenhalt" und wollten wie der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann "zuhören". Man setze darauf, so Göring-Eckardt, dass "die bürgerliche Mitte eine bessere Gesellschaft" wolle und "Verantwortung nicht aufs eigene Portemonnaie" beschränke.

Die grüne Basis hat nun der Partei ein Spitzenduo beschert, das zu den beiden größten Herausforderungen im Wahlkampf passt. Da ist erstens die Aufgabe, gegen Merkel in die Mitte vorzustoßen. Hierfür steht Göring-Eckardt, die zumal bei politisch engagierten Christen auf einiges Interesse stoßen dürfte. Und da ist zweitens die Herausforderung, die sich durch die Schwächung Peer Steinbrücks ergibt, des designierten Spitzenkandidaten beim Wunschpartner SPD. Die Lücke, die Steinbrücks Millionenkalamitäten in der Oppositionsführerschaft geschlagen haben, kann Trittin zu schließen versuchen. Der Wahlkampf dürfte spannend werden.

Entsprechend groß war die Begeisterung bei den grünen Realos, die im Sommer so lange auf Göring-Eckardt eingeredet hatten, bis sich bei ihr der früh vorhandene Bewerbungsgedanke gegen Bedenken durchsetzte. Für dieses Werben um Göring-Eckardt sehen sich die Realos nun belohnt. Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer bekannte: "So sehr wie jetzt habe ich mich zum letzten Mal gefreut, als Winfried Kretschmann Ministerpräsident wurde." Und die Vizefraktionschefin im Bundestag, Kerstin Andreae, sagte: "Die Parteimitglieder möchten einen Kurs, der mehrheitsfähig ist und mit dem man Wahlen gewinnen kann." Das Ergebnis sei eine "Entscheidung für neue Gesichter, einen neuen Mix und ein Team, das ein breites Spektrum abdeckt".

Niederlage für Künast und Roth

Deutlich schwerer fiel den Parteilinken die Deutung dieser bisher einzigartigen Mitgliederabstimmung, aus der eben nicht die linke Parteichefin Claudia Roth als Siegerin hervorging (Roth kam mit 26,1 Prozent nur auf den vierten Platz) und auch nicht die für beide Seiten wählbare Renate Künast (38,5 Prozent). Da sah sich Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke vom linken Flügel, als sie das Ergebnis bekannt gab, bemüßigt, Göring-Eckardt als "Anwältin der Ärmsten" und "Kämpferin für soziale Gerechtigkeit" ins Lager der sozialpolitisch Linken einzufügen.

Die linke Fraktionsvize Bärbel Höhn betonte: "Das Ergebnis ist eine Entscheidung für Katrin Göring-Eckardt und nicht gegen Renate Künast und Claudia Roth." An der ganzen Parteispitze ist nun die Sorge groß, dass Roth enttäuscht aufgeben und ihre Bewerbung für die Wiederwahl als Bundesvorsitzende auf dem Parteitag am kommenden Wochenende in Hannover zurückziehen könnte. Es gibt keinen Plan B im Fall Roth; keine andere Frau ist für den Posten an der Seite von Cem Özdemir in Sicht.

Daher wurde am Sonnabend eifrig mit Roth telefoniert, um sie von Rückzugsgedanken abzubringen. Ein Argument war, dass Roth gerade jetzt auf ein gutes Wahlergebnis hoffen dürfe, schon weil alle sie trösten wollten. Es wäre hart für die unverheiratete und kinderlose 57-Jährige, wenn sie sich zurückziehen müsste. Gerade erst hatte sie in einem Interview auf die Frage, ob die Grünen für sie eine Art Familienersatz wären, gesagt: "Das wäre übertrieben, aber in der Tat geht es bei den Grünen oft genug familiärer zu als in anderen Parteien. Bei uns ist es wärmer, näher." Ein Leben ohne Politik werde es bei ihr "wohl kaum geben".

Ähnlich dramatisch ist es bei Künast. Zwar hat sie das entwickeltere Privatleben, aber für die ehemalige, allseits gelobte Verbraucherschutzministerin ist die Niederlage bei der Urwahl schon die zweite Schlappe nach der missratenen Berlin-Wahl 2011. Anders als Roth aber äußerte sich Künast, rief die Partei zur Geschlossenheit auf und erkannte an, dass Göring-Eckardt und Trittin nun "das starke Votum der Partei im Rücken" hätten. Tröstlichen Zuspruch erhielt Künast, als Trittin und Göring-Eckardt ihr ein gutes Ergebnis in Hannover wünschten, wo Künast für den Parteirat kandidiert.

Quelle: Mitarbeit: dia
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