10.11.12

Nach Urwahl

Mehr als 36.000 Mitglieder wählen grünes Spitzenduo

Am Vormittag wollen die Grünen bekannt gegeben, wer für ihre Partei im Wahlkampf 2013 gegen Kanzlerin Merkel antritt.

Von Matthias Kamann
Foto: dpa

Urwahl-Bewerber bei einer Vorstellung in Gelsenkirchen. Mit dabei die Fraktionschefs Renate Künast (3. v. l.) und Jürgen Trittin (2. v. r.) sowie Parteichefin Claudia Roth (3. v. r.)
Urwahl-Bewerber bei einer Vorstellung in Gelsenkirchen. Mit dabei die Fraktionschefs Renate Künast (3. v. l.) und Jürgen Trittin (2. v. r.) sowie Parteichefin Claudia Roth (3. v. r.)

Im Internet haben grüne Realos zuletzt kaum eine Seite so gern besucht wie die des Bundestagsabgeordneten Wolfgang Strengmann-Kuhn. Dabei wird er dem linken Parteiflügel zugerechnet. "Aber gerade deshalb", jubeln die Realos, "gerade weil seine Seite eher von Linken angeklickt wird, ist das Ergebnis so toll!"

Gemeint ist das Ergebnis einer informellen Umfrage, mit der Strengmann-Kuhn zu ermitteln versuchte, wie die Urwahl der Parteimitglieder über die beiden Spitzenkandidaten für 2013 ausgehen wird. Und siehe da: Bevor am Sonnabendvormittag das offizielle Urwahlergebnis nach der Auszählung der 36.533 eingegangenen Stimmzettel (Wahlbeteiligung: 61,6 Prozent) verkündet wird, kam bei Strengmann-Kuhns Befragung heraus, dass der Traum der Realos in Erfüllung gehen könnte: "Ihre" Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt mit bürgerlicher Anmutung und einstigen Schwarz-Grün-Vorlieben könnte zusammen mit dem Bundestagsfraktionsvorsitzenden Jürgen Trittin vorn liegen.

Göring-Eckardt gegen Merkel

Zwar ist Vorsicht geboten. Strengmann-Kuhns Umfrage ist nicht repräsentativ, zudem kann auf einer Homepage betrügerisches Abstimmungsverhalten nicht ausgeschlossen werden, und beteiligt haben sich nur 664 User. Aber komplett ignorieren mag man es nicht, dass dort Trittin auf 429 Stimmen gekommen ist und Göring-Eckardt als Zweitplatzierte auf 274, während die beiden anderen prominenten Bewerberinnen, Parteichefin Claudia Roth (224) und Fraktionschefin Renate Künast (193), hinten liegen.

Nicht uninteressant ist auch, dass die elf sogenannten Basiskandidaten – bislang unbekannte Männer, die einfach mal kandidiert haben – bei Strengmann-Kuhn zusammen nur 83 Stimmen erhielten. Das ist eine gute Nachricht für Jürgen Trittin. Denn weil die Urwahl doppelt quotiert ist – dem Spitzenduo muss mindestens eine Frau angehören, und jedes Mitglied durfte nur einen Mann ankreuzen –, geht jedes Votum für einen der elf Basis-Männer direkt zulasten Trittins. Wenn aber die Basis-Männer kaum Stimmen bekommen, hält sich der Schaden für Trittin in engen Grenzen.

Passen würde ein Spitzenduo Trittin/Göring-Eckardt zur aktuellen Grünen-Strategie. Die Partei sieht sich mit Blick auf 2013 vor zwei Herausforderungen. Erstens muss man, da Peer Steinbrück als SPD-Kanzlerkandidat für geraume Zeit geschwächt scheint, selbst einen starken Oppositionsführer aufbieten. Da kommt wohl nur Trittin infrage. Zweitens merken die Grünen, dass es nicht reicht, im Anrennen gegen die Bundesregierung bloß den zerstrittenen schwarz-gelben Mittelbau von Brüderle über Altmaier bis Seehofer zu attackieren.

Vielmehr glauben sie, dass man auch den Kampf mit der Bundeskanzlerin selbst aufnehmen muss. "Starke Grüne", sagte Parteichef Cem Özdemir Morgenpost Online, müssten "deutlich aufzeigen, dass diese Regierung von der Energiewende über die Europa- und Wirtschaftspolitik bis zur Frage der sozialen Gerechtigkeit in unserem Land versagt hat und dass Frau Merkel dafür selbst die Verantwortung trägt." Merkel könne sich "nicht einfach hinter Union und FDP wegducken". Gilt es somit aus Grünen-Sicht, an Merkels Image der unprätentiös-vernünftigen Integrität zu rütteln, so könnte die evangelische Christin Göring-Eckardt mit ihrer ausgleichenden, wertebewussten Ausstrahlung eine wichtige Funktion übernehmen. Gerade erst hat Göring-Eckardt im Magazin "The European" geschrieben, dass konservative "Werte und Tugenden wie Verantwortung, Solidarität, familiäre Bindung, Bewahrung der Schöpfung" kein Monopol der Union seien: Der grüne Bürger wähle grün, "weil er nicht alleine auf der Welt ist und sein Eigeninteresse nicht alles ist".

Hingegen wäre ein Spitzenduo Trittin/Roth wohl eher ein linkes Signal, auch wenn Roth immer vernünftiger wird, je näher man ihr kommt. Aber die meisten Bürger kommen ihr nicht nahe und dürften eine Spitzenkandidatur der Parteichefin mit Linksmoralismus identifizieren. Zudem funktioniert ein linkes Grünen-Duo nur, wenn die SPD mit einem starken Steinbrück die Mitte abdeckt. Wenn es Roth aber nicht ins Spitzenduo schafft, dürfte es für sie schwer werden, beim Parteitag am kommenden Wochenende sich unbefangen um die Wiederwahl als Vorsitzende zu bemühen. Ähnlich schwer würde es Renate Künast haben, wenn sie nicht ins Duo käme. Konnte man bei Künasts Demontage nach der missratenen Berlin-Wahl noch denken, dass ihr Intriganten aus den eigenen Reihen zusetzten, so wäre ein Scheitern bei der Urwahl eine objektive Schwächung. Dass Künast die Arbeit im Spitzenduo an sich beherrschen würde, versteht sich, doch in der Verbindung mit Trittin stände Künast für the same procedure as every year.

Wahlkampf ohne Trittin möglich

Was aber passiert, wenn die unberechenbare Grünen-Basis nicht Trittin, sondern zwei prominente Frauen das Spitzenduo bilden lässt – in welcher Kombination auch immer –, das mag sich in der Partei niemand ausmalen. Den Wahlkampf ohne Trittin in vorderster Reihe führen zu müssen, dürfte der Partei eine veritable Krise bescheren.

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