09.11.12

Schändung

Unbekannte reißen in Greifswald alle Stolpersteine heraus

Alle elf Gedenksteine wurden in der Nacht zum 9. November aus dem Pflaster gebrochen. Nach dem Anschlag ermittelt nun der Staatsschutz.

Foto: dpa

"Hier fehlt ein Stolperstein" steht auf einem Schild in der Innenstadt von Greifswald: Am Jahrestag der Pogromnacht hatten Unbekannte alle verlegten Stolpersteine aus dem Straßenpflaster gebrochen
"Hier fehlt ein Stolperstein" steht auf einem Schild in der Innenstadt von Greifswald: Am Jahrestag der Pogromnacht hatten Unbekannte alle verlegten Stolpersteine aus dem Straßenpflaster gebrochen

Am Jahrestag der Pogromnacht haben vermutlich Rechtsextreme in Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern) alle im Stadtgebiet verlegten Stolpersteine aus dem Straßenpflaster gebrochen. Die insgesamt elf Steine erinnerten an die während des Nationalsozialismus deportierten und getöteten Juden. Die Stadt war nach Angaben einer Sprecherin am Freitagmorgen von Bürgern auf die Straftat aufmerksam gemacht worden.

Nach Angaben der Polizei hat nun der Staatsschutz die Ermittlungen aufgenommen und geht nach derzeitigen Erkenntnissen von einem rechtsextremistischen Hintergrund aus. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 hatten Nationalsozialisten Synagogen in ganz Deutschland in Brand gesteckt.

Am Freitagabend wollten rund 100 Anhänger der rechten Szene durch die Nachbarstadt Wolgast ziehen. Ein Zusammenhang der herausgebrochenen Stolpersteine mit der Veranstaltung sei anzunehmen, hieß es.

"Widerwärtige Tat"

Der Präsident des Polizeipräsidiums Neubrandenburg, Knut Abramowski, sprach von einer "widerwärtigen Tat" und setzte für Hinweise, die zur Ergreifung der Täter führen, eine Belohnung von 2.500 Euro aus. "Ich verurteile diesen hinterhältigen Anschlag aufs Schärfste", sagte Abramowski.

Auch Politiker äußerten sich schockiert über die Tat. Greifswalds Oberbürgermeister Arthur König (CDU) erklärte, er werde alle rechtlichen Schritte einleiten, um die Aufklärung der Taten zu unterstützen. "Menschen, die bis heute nicht wahrhaben wollen, dass die jüdischen Mitbürger in der Zeit des Nationalsozialismus vernichtet wurden, werden nicht die Oberhand gewinnen", erklärte König.

"Es ist besonders beschämend, wenn so etwas ausgerechnet am Jahrestag der Pogromnacht geschieht", sagte der Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion, Norbert Nieszery. Von einer "pietätlosen Schändung", die die Opfer des NS-Regimes verhöhnt, sprach der parlamentarische Geschäftsführer der CDU-Landtagsfraktion, Wolf-Dieter Ringguth.

Mehrfach geschändet

Die Stolpersteine sollen in vielen Städten Deutschlands an zur NS-Zeit vertriebene oder getötete Einwohner erinnern. Sie werden seit Jahren von dem Künstler Gunter Demnig vor dem letzten Wohnort der Opfer eingelassen. Sie sollen "die Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung der Juden, der Zigeuner, der politisch Verfolgten, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas und der Euthanasieopfer im Nationalsozialismus lebendig halten", heißt es in der Projektbeschreibung.

Schon mehrfach wurden Stolpersteine beschädigt. Erst im Oktober beschmierten Unbekannte im brandenburgischen Zossen dort eingelassene Steine mit schwarzer Farbe. Die Greifswalder Steine wurden laut Polizei offenbar zwischen Donnerstagnachmittag und Freitagmorgen entwendet. Hinweise auf die Täter gibt es nach Polizeiangaben bislang nicht.

Quelle: dpa/dapd/mim
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