Kommentar
Wie sich CSU-Sprecher Strepp für seinen Chef Seehofer opfert
Zu den Aufgaben eines Sprechers gehört es, den Chef in jeder Situation zu schützen, auch durch Rücktritt. Doch die Affäre bleibt rätselhaft.
Sprecher eines Politikers zu sein ist ein harter Beruf. Jedes Wort wird auf die Goldwaage gelegt, und zwar nicht zuletzt vom eigenen Chef. Sprecher wirken an einem Knotenpunkt zahlreicher Interessen.
Manchmal werden sie von jetzt auf gleich zum Objekt einer politischen Aufwallung. So geschah es 1987, als SPD-Chef Willy Brandt Margarita Mathiopoulos zur neuen Stimme der Sozialdemokraten ernennen wollte. Die SPD revoltierte, Brandt trat zurück, Mathiopoulos blieb Privatperson.
So geschah es auch vor zwei Jahren, als Wolfgang Schäubles damaliger Sprecher im Finanzministerium bei einer Pressekonferenz unverschuldet in eine komplizierte Augenblickslage geriet und bald danach eine andere Aufgabe im Ressort übernahm. Schäubles harsche Reaktion hatte ihm gezeigt, dass die Vertrauensbasis zerstört war. Wichtiger freilich war, dass Schäubles Zornesausbruch als Schwäche des Ministers gedeutet werden konnte. Ein solcher Eindruck durfte in der Euro-Krise nicht entstehen.
Durch Rücktritt den Chef schützen
Zur Arbeitsplatzbeschreibung eines Sprechers gehört es also offensichtlich auch, in jeder Situation die Chefs zu schützen, und sei es durch den Rücktritt – auch dann, wenn man sich nichts vorzuwerfen oder auf Anweisung gehandelt hat.
Das ist ein Opfer, aber an der politischen Spitze kommt es auf persönliche Gefühle nur wenig an. CSU-Sprecher Hans Michael Strepp hat diese Konsequenz nun ebenfalls gezogen. Sie war unvermeidlich. Zu groß waren die Interessen, die durch eine weitere Debatte über Strepps Anruf in der "Heute"-Redaktion des ZDF gefährdet zu werden drohten.
Aussage steht gegen Aussage
Der Vorgang selbst ist genau genommen ungeklärt. Zur Frage, ob der CSU-Sprecher eine Berichterstattung über den Parteitag der bayerischen SPD verhindern wollte oder nicht, steht Aussage gegen Aussage. Ein solcher Versuch entspräche nicht dem intellektuellen Niveau Strepps.
Er war als inhaltlich oft harter, aber stets professioneller, umgänglicher, weitläufig interessierter und debattenfreudiger Kopf geschätzt. Er hat drei CSU-Vorsitzenden gedient – Edmund Stoiber, Erwin Huber, Horst Seehofer. Das legt nahe, dass er die Spielregeln und Grenzen des Geschäfts sehr genau kennt.
Strepp und eine rätselhafte Hektik
Umso rätselhafter ist es, dass er erstens überhaupt versucht haben soll, hektisch einen Bericht über ein tagespolitisches Ereignis zu verhindern. Zweitens ist es merkwürdig, dass er einen ihm unbekannten Mitarbeiter angerufen hat. Strepp selber beendete die Diskussion, indem er einräumte, dass ein falscher Eindruck habe entstehen können, und nahm seinen Hut.
Und was bedeutet das über den Tag hinaus? Horst Seehofer hat große Willigkeit bewiesen, sich von seinem Sprecher zu trennen. Er nimmt ein unglückliches Telefonat zum Anlass, die eigene Autorität kurz vor einer sehr wichtigen Berliner Koalitionsrunde unzweideutig klarzustellen. Diese Runde wird über die Handlungsfreiheit der Koalition und damit der CSU im Wahljahr entscheiden. Seehofer will sich dort durchsetzen.
Der Vorgang Strepp drohte seine Position als unangefochtener Chef in Mitleidenschaft zu ziehen. So ist das manchmal in der politischen Welt, und Sprecher wissen es.
















