23.10.12

Kommentar

In Berlin und Brandenburg droht ein Fahrschein-Chaos

Berliner müssen vielleicht bald darauf achten, ob sie ein Ticket am BVG-, am S-Bahn- oder am DB-Schalter kaufen. Ein Kommentar.

Foto: dapd

Bald könnte ein U-Bahn-Ticket nicht mehr für die S-Bahn gelten
Bald könnte ein U-Bahn-Ticket nicht mehr für die S-Bahn gelten

Kurz nach dem Mauerfall und noch vor der deutschen Wiedervereinigung war es in Berlin möglich, mit einem Fahrschein durch ganz Berlin zu fahren. Dabei gab es noch Berliner Verkehrsbetriebe strikt getrennt nach Ost und West. Und dennoch war allen politisch Verantwortlichen damals klar, dass es in einer endlich wiedervereinten Stadt keine unterschiedlichen Nahverkehrstarife geben darf. Mit der Gründung des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg fand die Idee von "Einen Ticket für alle Verkehrsunternehmen" ihre löbliche Fortsetzung. Busse und Bahnen fahren zwar nicht immer pünktlich, aber wenigstens muss der Reisende nicht bei jedem Umsteigen auch noch einen neuen Fahrschein lösen.

Eine Errungenschaft, die nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden darf. Überlegungen der BVG, möglicherweise wieder einen Tarif einzuführen, der nur in den eigenen Verkehrsmitteln gilt, sind daher alles andere als zeitgemäß. Hintergrund dieser Drohgebärde ist ein durchaus erst zu nehmender Streit mit dem Verkehrsverbund und den bundeseigenen Bahn-Unternehmen S-Bahn und DB Regio. Die haben die Gelegenheit beim Schopfe gepackt, den ungeliebten trilateralen Aufteilungsvertrag für die Ticketeinnahmen in Berlin aufzukündigen. Dieser Vertrag sorgt dafür, dass die Erlöse aus dem Fahrscheinverkauf nach festen Leistungskriterien verteilt werden.

Eine fahrgastfreundliche Lösung muss her

Es ist also unerheblich, ob ein Fahrgast seinen Fahrschein am BVG-, am S-Bahn- oder am DB-Schalter gekauft hat. Bricht das mühsam austarierte System zusammen, droht ein gegenseitiges Abjagen von Abonnenten und Einzelkunden. Teure Rabatt- und Werbeaktionen wären eine Folge. Und die BVG würden zudem wie einst zu Mauerzeiten damit anfangen, ihre Busse möglichst an vielen Stellen in der Stadt parallel zur S-Bahn fahren zu lassen. Dem Fahrgast bringt das nichts außer höheren Kosten, die er über steigende Ticketpreise bezahlen muss. Statt einem Gegeneinander der Verkehrsunternehmen braucht die Stadt vielmehr ein möglichst effektives Miteinander. Doch stattdessen drohen nun ein langwieriger Rechtsstreit und schlimmstenfalls ein Flickenteppich aus Tarifen. Ehe es sich ein Fahrgast versieht, ist er plötzlich ein Schwarzfahrer, dem ein deftiges Bußgeld droht. Diese Aussicht dürfte am Ende nicht wenige davon abschrecken, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen. Ein BVG-Haustarif wäre nicht nur verkehrspolitisch, sondern auch umweltpolitisch eindeutig ein Rückschritt.

Nun ist es an den Politikern in Berlin und Brandenburg, alle Kontrahenten in dem Konflikt rasch an einen Tisch zu holen und schnellstmöglich eine fahrgastfreundliche Lösung zu finden. Mit ihrer Entscheidung, das System zur Finanzierung des Regionalverkehrs zu ändern, haben sie ja zur Zuspitzung des Streits mit beigetragen. Weil DB Regio und die Ostdeutsche Eisenbahn künftig ihre Fahrgeldeinnahmen komplett abliefern müssen, bekommen die Länder zunächst ein paar Millionen mehr in die Kasse. Doch was nützt es dem Land Berlin, wenn die BVG gleichzeitig noch höhere Verluste einfährt. Schon jetzt sind die Verbindlichkeiten des landeseigenen Verkehrsunternehmens auf über 900 Millionen Euro angewachsen. Und keiner in der Berliner Landespolitik hat bislang eine schlüssige Antwort darauf, wie die BVG von diesem Schuldenberg wieder runterkommt. Am Ende bezahlt immer der Steuerzahler die Rechnung.

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