08.10.12

Dokumentarreihe

Woher Adolf Hitler seinen Judenhass hatte

Erstmals wagt sich das Fernsehen an die ganze Biografie des Diktators: Produzent Nico Hofmann und Regisseur Niki Stein wollen erklären, wo der Ursprung für Hitlers Antisemitismus zu finden ist.

Foto: picture alliance / Mary Evans Pi

Über ihn gibt es zahlreiche Filme: Adolf Hitler. Ein paar Darstellungen waren besonders prägnant, wie zum Beispiel Martin Wuttke. Er spielte den Nazi-Diktator in „Inglourious Basterds“ (2009).

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Über keinen Menschen, Jesus Christus einmal ausgenommen, sind mehr Bücher geschrieben worden als über Adolf Hitler. Mindestens 75 unterschiedliche Biografien, nicht gerechnet Übersetzungen, kurze Porträts sowie Schriften aus Nazi- und Neonazi-Kreisen, sind seit 1936 erschienen. Und über keinen Menschen sind mehr Filme gedreht worden, sowohl Spiel- als auch Dokumentarfilme.

Bald wird ein weiteres, bisher das wohl größte Projekt hinzukommen: Die renommierte und vor allem für TV-Events mit historischen Themen bekannte Produktionsfirma Teamworx hat jetzt auf der Programm-Messe "Mipcom" in Cannes bekannt gegeben, Hitlers Leben zwischen 1914 und 1945 als achtteilige TV-Serie zu inszenieren.

Produzieren werden Teamworxs-Gründer Nico Hofmann und Jan Mojto von dem europäischen Vermarkter EOS-Betafilm. Die Regie übernehmen soll Niki Stein, dessen neuester Film "Rommel" am 1. November in der ARD zu sehen ist. Das Drehbuch schreibt Stein zusammen mit dem Schauspieler und Regisseur Hark Bohm. Das Budget soll mehr als 15 Millionen Euro betragen.

Ursprünge des rabiaten Antisemiten

"Wir glauben, dass es statthaft ist, ein solches Projekt anzugehen, solange historische Quellen fundiert genutzt werden", sagte Hofmann der Berliner Morgenpost: "So hat ,Rommel' gezeigt, dass es heute eine narrative Form gibt, mit der man auch komplexe historische Stoffe filmisch umsetzen kann."

Grundlage des Achtteilers ist die jüngste nennenswerte Studie zu Hitler, die der in Aberdeen und derzeit in Harvard tätige deutsche Historiker Thomas Weber verfasst hat. In "Hitlers erster Krieg" beschäftigt sich der 38-Jährige einerseits mit den Erfahrungen Hitlers als Soldat an der Westfront.

Andererseits stellt er die gängige Interpretation infrage, derzufolge das Erlebnis des Massensterbens in den Schützengräben Hitler zu dem rabiaten Antisemiten gemacht habe, der ein Vierteljahrhundert später die Ausrottung der europäischen Juden anstrebte.

Warum wurde Hitler Antisemit?

In der Tat ist die Frage nach dem Ursprung des radikalen Antisemitismus Hitlers die Kernfrage seiner Biografie. In der hetzerischen Autobiografie "Mein Kampf" hatte er selbst versucht, seine Ideologie als quasi zwangsläufig aus der Geschichte darzustellen, befördert durch die "Erfahrungen" des Ersten Weltkrieges.

Zu den wichtigsten Erkenntnissen Webers gehört jedoch, dass es sich hierbei um eine Selbststilisierung handelt: Einerseits war Hitler kein "Frontschwein", sondern als Meldegänger des Regimentsstabes viel eher ein "Etappenhengst".

Andererseits gab es in seiner Einheit, dem Bayerischen Reserveregiment List, keinen virulenten Antisemitismus. Die von Weber erstmals akribisch ausgewerteten Regimentsakten zeigen sogar, dass die meisten Angehörigen dieser Truppe durch die Fronterfahrung nicht radikalisiert wurden.

Die Rolle von München

Wann und warum also wurde aus Adolf Hitler der fanatische Judenhasser, der er spätestens 1921 war? Weber will gestützt auf bislang nicht ausgewertete Quellen nachweisen, dass die entscheidende Phase 1919 war, in München. Darin trifft er sich mit dem zweiten Hauptberater des Achtteilers, dem Journalisten, Historiker sowie Hitler- und Goebbels-Biografen Ralf Georg Reuth. Dessen Buch "Hitlers Judenhass. Klischee und Wirklichkeit" legte bereits nahe, dass die entscheidende Politisierung des späteren NSDAP-Chefs in der Zeit der Revolution in der bayerischen Hauptstadt stattfand.

Wo die Serie zu sehen wird, ist derzeit noch unklar: "Wir entwickeln das komplette Paket auf eigenes Risiko – also die Drehbücher, die Besetzung und alles Weitere. Das werden Jan Mojto und ich dann international Sendern anbieten." Realistisch sei, dass die Serie 2015 ausgestrahlt werde.

Die Serie, zu deren Besetzung noch nichts bekannt ist, soll auf Englisch für einen internationalen Markt gedreht werden. Hofmann legt Wert auf eine umfassende historische Beratung, um den aktuellen Stand der Forschung einzubeziehen.

Dieser Ansatz ist prinzipiell richtig. Allerdings dürfte das kaum reichen, die absehbare pauschale Kritik an dem Projekt zum Verstummen bringen. Das war erst im vergangenen Jahr zu verfolgen, als um den ebenfalls äußerst intensiv zeithistorisch begleiteten Film "Rommel" wochenlang in der Öffentlichkeit gestritten wurde.

"Ich habe nie verstanden, warum die Literatur mit Zeitgeschichte fiktional umgehen darf, der Film aber angeblich nicht", begründete Hofmann das auf den ersten Blick riskante Vorhaben: "Ich denke zum Beispiel an Jonathan Littells Buch ,Die Wohlgesinnten', das eine weltweite Debatte ausgelöst hat. Historisch kontroverse Diskussionen müssen auch dem Medium Film erlaubt sein – auch und gerade aus Deutschland heraus."

Mehr Hitler war noch nie

Fast acht Stunden Hitler als Spielfilm hat es im Fernsehen bisher noch nicht gegeben. Die bisher ausführlichsten Projekte waren die Zweiteiler "Der Untergang" von Bernd Eichinger und Oliver Hirschbiegel (2005) mit 175 Minuten mit Bruno Ganz in der Hauptrolle und die qualitativ sehr schwache britische Produktion "Hitler - Aufstieg des Bösen" (2003) mit 180 Minuten. In Heinrich Breloers 270 Minuten langem Doku-Drama "Speer und Er" (2005) ist Hitler zwar die zweitwichtigste Figur, aber eben auch nicht mehr.

Unübersehbar ist die Fülle von Dokumentationen über Hitler. Doch darunter findet sich keine Produktion mit einem vergleichbaren hohen Anspruch wie das Teamworx-Projekt.

Thomas Weber jedenfalls verspricht sich viel von dem Vorhaben: "Nur wenn wir Hitlers Selbstfindung, seine persönlichen Talente und Schwächen, seine kalte Grausamkeit und seinen persönlichen Charme, seinen Werdegang und die Entwicklung seiner sozialen Beziehungen ernst nehmen und nicht versuchen, ihm seine Wucht zu nehmen, die er auf viele Deutsche ausgeübt hat, können wir die Wechselwirkung Hitlers und der Deutschen erklären."

Thomas Weber, "Hitlers erster Krieg. Der Gefreite Hitler im Weltkrieg - Mythos und Wahrheit", Popyläen, 592 Seiten, 24,99 Euro

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