02.10.12

"Hart aber fair"

Zwischen Ehrlichkeit und Wählerbeleidigung

Gibt es eine Alternative zu Frau Alternativlos? Das Streitgespräch um die Qualitäten von Angela Merkel und Peer Steinbrück bei "Hart aber fair" zeigte: Der Wahlkampf 2013 wird hitziger als der 2009.

Foto: dpa

Frank Plasberg diskutierte mit seinen Gästen über Peer Steinbrück
Frank Plasberg diskutierte mit seinen Gästen über Peer Steinbrück

Eine begabte Lügnerin ist Andrea Nahles eher nicht. Bloß gut, dass im echten Leben Nasen nicht wachsen, wenn Menschen die Wahrheit verbiegen. Andernfalls hätte man sich in Frank Plasbergs "Hart aber fair"-Studio am Montagabend wohl ernsthafte Sorgen um das Gesicht der Generalsekretärin der SPD machen müssen.

Nein, sagte sie, sie habe auch nicht vor der Öffentlichkeit gewusst, dass Steinbrück als Sieger aus der Troika-Rallye hervorgehen würde. Andrea Nahles beugte sich in diesem Moment leicht verschämt zur Seite und man hatte das Gefühl, dass sie gleich loskichern würde wie ein Schulmädchen, das gerade ein schmutziges Wort ausgesprochen hatte.

Und natürlich, so Nahles weiter, sei Peer Steinbrück, der Mann also, für den eine Welt ohne Andrea Nahles "genauso reich" wäre wie eine Welt mit ihr, natürlich sei dieser Mann ihr Kandidat des Verstands und des Herzens.

Da musste nicht nur Chefgrantler und "Stern"-Redakteur Hans-Ulrich Jörges herzhaft lachen, um dessen Gesicht man sich später an diesem Abend übrigens tatsächlich Sorgen machen musste, als er besoffen vor Wut über die Macht der Banken wetternd rot anlief wie eine gespritzte Paprika. Auch Talkmaster Frank Plasberg schmunzelte und machte keinen Hehl daraus, dass er Nahles ihre Antworten nicht abkaufte.

Dass Nahles anschließend auch noch ausgerechnet Steinbrücks Geradlinigkeit pries, setzte der ganzen Show die Krone auf. Schließlich dürfte genau diese dafür sorgen, dass er sie, von der er nicht besonders viel hält, nicht seinen Wahlkampf leiten lassen wird. Dabei fiele genau das als Generalsekretärin eigentlich in ihren Aufgabenbereich.

Prominente Bühne für den ersten Akt

Plasberg also hatte geladen zu der Frage "In der Mitte wird es eng – Was kann Steinbrück besser als Merkel", und außer Dauergast Jörges und Andrea Nahles waren Grünen-Chef Cem Özdemir, FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle und Hermann Gröhe, der Generalsekretär der CDU, Plasbergs Einladung gefolgt.

Natürlich waren sie das, hatte die ARD ihnen doch eine prominente Bühne bereitet für den ersten Akt des fast ein Jahr währenden Bundestagswahlkampfs 2013, den der SPD-Vorstand am Montag mit der offiziellen Kür Steinbrücks zum Kanzlerkandidaten eingeläutet hatte.

Nun saßen sich also Nahles und Özdemir als Koalitionäre in spe der Plumpheit halber links von der Mitte (Jörges) sowie Brüderle und Gröhe rechts davon gegenüber und wetterten um die Wette. Insbesondere beim Thema Bankenregulierung wurde heftig gestritten und die Intensität dieser Diskussion bewies eindrücklich, wie wichtig das Thema für den Wahlkampf werden wird und wie klug das Timing von Peer Steinbrück war, sein Positionspapier kurz vor seiner Kür in Umlauf zu bringen.

Doch um die Kernfrage, was denn nun Steinbrück im Detail besser kann als Merkel, ging es in der Sendung leider so gut wie gar nicht. Stattdessen um das altbekannte Kleinklein der parteipolitischen Sticheleien: "Sie sind doch Schuld" – "nein Sie!" – "Wer ist denn hier der Bremser?" – "Na Sie" und so weiter und so fort.

Der Ton in der Politik hat sich verschärft

Immerhin brachte die Diskussion um Altersarmut, Finanzkrise und Mindestlöhne die Gewissheit: Der Wahlkampf 2013 wird um einiges hitziger geführt werden als der relativ zahme zwischen Steinmeier und Merkel 2009. Die Euro-Krise, Griechenland, Spanien, Italien, die Debatte um die Rolle der Finanzmärkte und die Schulden, all das hat in den vergangenen beiden Jahren den Ton in der Politik verschärft.

Zudem treffen mit den Kandidaten Merkel und Steinbrück jetzt zwei Politiker aufeinander, die sich in Fachfragen öfter einig sind, als ihnen in einem Wahlkampf dieser Art eigentlich lieb sein dürfte. Deshalb wird es umso wichtiger sein, die persönlichen Profile zu schärfen und sich vom Gegner abzugrenzen, um sich für den Wähler interessant zu machen.

Peer Steinbrück hatte das in einem kurzfristig angesetzten ARD-Fernsehinterview vor Plasbergs Sendung schon versucht – und in Teilen auch geschafft. Er gab sich, wie er sich schon immer gab: als Mann der offenen Worte und der ungeschönten Kritik.

Das Kabinett Merkel nannte er das "schlechteste seit der Gründung der Bundesrepublik" und auf die Frage, warum er sich diesen Wahlkampf mit 65 Jahren noch antun würde, antwortete er: "Aus Ehrgeiz, Eitelkeit und Bestätigung" – nicht ohne hinzuzufügen, dass dies ja vermutlich bei fast allen Zuschauern auch die Motive für ihr Tun sein dürften.

Es ist diese Mischung aus Ehrlichkeit und Wählerbeleidigung die Steinbrück für die SPD im Wahlkampf zur Wundertüte macht – und für den geneigten Zuschauer zur Show. So viel Pfeffer, das bewies auch die erregte Debatte bei Plasberg, war seit langem nicht mehr in einem deutschen Bundestagswahlkampf.

Es wird spannend zu sehen sein, wie und wann Angela Merkel in diesen Kampf einsteigen wird, momentan hat sie es den Umfragen zufolge allerdings nicht übermäßig eilig. Zehn, teilweise sogar 15 Prozent Vorsprung werden ihr gegenüber Steinbrück prognostiziert.

Bambule in Plasbergs Studio

Damit wären wir theoretisch beim Kern der Sendung, praktisch aber bloß beim Kernproblem. Denn über diese spannende Frage, wie sich die verhältnismäßig spröde Verklausuliererin Angela Merkel gegen den kantigen Dampfplauderer Steinbrück positionieren sollte und wie sich im Gegenzug der immer etwas überheblich wirkende Steinbrück die Sympathien erkämpfen könnte, die momentan ganz klar der als verlässlich geltenden Merkel gehören, wurde kaum geredet an einem Abend, der weniger Politiker und mehr Jörgesse vertragen hätte.

Menschen also, die frei von Zwängen der eigenen Reihen darüber hätten debattieren können, was die beiden Kanzlerkandidaten tatsächlich unterscheidet.

Doch ganz offensichtlich konnte die "Hart aber fair"-Redaktion der berechenbaren Bambule in ihrem Studio nicht widerstehen.

Immerhin war Frank Plasberg außerordentlich gut drauf. Ihm gelangen nicht nur sehr gute Fragen ("Wer von Ihnen hat sich neben Steinbrück schon einmal dumm gefühlt?"), sondern auch spontaner Witz.

Als bei einem Videoeinspieler gleich zweimal kurz hintereinander das Bild ausfiel und nur der Ton lief, stichelte er in Richtung Regie: "Ich komme zwar vom Radio, aber ich möchte den Beitrag hier jetzt nicht wie ein Waldorfschüler tanzen".

Und als ihn Cem Özdemir darauf ansprach, dass Plasberg ja sicherlich auch beim Rededuell der Kanzlerkandidaten im Fernsehen wieder Fragen stellen werde, sagte er: "Nein danke, einmal hat mir gereicht, das war so langweilig."

Brei aus Geschrei und Schuldzuweisungen

Doch waren dies auch nur kurze Momente der Heiterkeit, denen ein Brei aus Geschrei und Schuldzuweisungen gegenüberstand, aus dem man nicht viel mitnehmen konnte außer vielleicht noch der Erkenntnis, dass sich irgendwie alle am Tisch darüber freuten, dass Steinbrück gegen Merkel antreten wird.

Grüne und Rote, weil sie ihn als einzigen in ihren Reihen ausgemacht haben, der Kanzler kann. Und Schwarze und Gelbe, weil er ihnen offenbar die Sicherheit gibt, dass Merkel Kanzlerin einer CDU/CSU-FDP-Regierung bleiben wird.

Dass vermutlich alle vier auf dem Holzweg sind und alles auf eine große Koalition hinausläuft, das durfte in dieser Runde nur der Journalist Jörges spekulieren. Aber wer wäre in diesem Stadium des Wahlkampfs auch schon so doof, zu sagen: Wenn ich verliere, gebe ich eben den Juniorpartner beim Gewinner? Eben.

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