22.09.12

Mediengeschichte

Haben Sie Juden erschossen?, fragte Augstein

Zum 50. Jahrestag der "Spiegel"-Affäre erforscht das Magazin auf einer Konferenz seine Vergangenheit. Dabei geht es auch um offene Fragen zur Mitarbeit von Ex-Nazis bei dem linksliberalen Blatt.

Foto: dpa
Rudolf Augstein
"Spiegel"-Herausgeber Rudolf Augstein (1963)

Zu Einstellungsgesprächen gehören Fragen nach der beruflichen Erfahrung des Bewerbers. "Haben Sie Juden erschossen?", fragte 1950 "Spiegel"-Herausgeber Rudolf Augstein den damals 36-jährigen Georg Wolff. Über dessen Vergangenheit als SS-Hauptsturmführer unter anderem im besetzten Norwegen wusste der fast zehn Jahre jüngere Augstein Bescheid; sie störte aber offensichtlich nicht. Als Wolff mit "Nein" antwortete, sagte der Chef: "Dann sind Sie eingestellt."

So jedenfalls schilderte Wolff selbst die Umstände seiner Einstellung in seinen privaten, nie für die Publikation vorgesehenen Memoiren. Bei der Tagung des Hamburger Nachrichtenmagazins aus Anlass des 50. Jahrestages der "Spiegel"-Affäre 1962 stellte jetzt der Berliner Zeithistoriker und Filmemacher Lutz Hachmeister zum ersten Mal Passagen aus diesen Memoiren vor und kündigte an, dieses Dokument dem "Spiegel"-Verlag zu übergeben.

Schon seit Jahren ist im Prinzip bekannt, dass in den ersten Jahren bei dem später und bis heute so dezidiert linksliberalen Magazin ehemalige Nazis und sogar SS-Leute tätig waren, einige sogar in führenden Positionen. Mit den Wolff-Memoiren steht jetzt eine Quelle zur Verfügung, die wichtige neue Erkenntnisse darüber ermöglicht.

Denn immer noch sind viele Frage offen: Warum stellte Augstein diese Männer ein, die oft gar keine journalistische Erfahrung mitbrachten? Welchen Einfluss hatten sie auf das Meinungsklima in der jungen Bundesrepublik? War der "Spiegel" damit eine Ausnahme – oder nicht vielleicht doch der Normalfall der postnationalsozialistischen bundesdeutschen Gesellschaft?

Antisemitische Andeutungen

Grundsätzlich gilt, wie der Jenaer Zeithistoriker Norbert Frei betonte, dass sich in den frühen "Spiegel"-Ausgaben zahlreiche an nationalsozialistische Hetze erinnernde Formeln und Verharmlosungen von NS-Verbrechen fanden.

So bezog Augsteins Blatt, wie andere Wochentitel der neu aufgebauten Presse in der Bundesrepublik auch, 1951 klar Position für die als "Kriegsverurteilte" bezeichneten NS-Massenmörder im amerikanischen Gefängnis Landsberg. Gleichzeitig fanden etwa in Artikeln Georg Wolffs zum Kaffeeschmuggel antisemitische Andeutungen wie "galizisches Milieu".

Obwohl Wolff außer einer kurzen Tätigkeit bei einer Lokalzeitung keine journalistische Erfahrung hatte, erwies er sich als begabter Autor und schrieb bis Ende der 50er-Jahre rund 70 Titelgeschichten, stieg zum Ressortleiter und stellvertretenden Chefredakteur auf.

1959 stand er kurz vor der Berufung zum Chefredakteur, doch dieser Aufstieg scheiterte dann doch an seiner braunen Vergangenheit. Nicht weil sich grundsätzliche Bedenken ergeben hätten, sondern weil Augstein in der bereits eskalierenden Auseinandersetzung mit Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU), die schließlich in der "Spiegel"-Affäre gipfelte, sich mit der Berufung eines ehemaligen SS-Offiziers zum Chefredakteur eine Blöße gegeben hätte.

Im "Spiegel", in der "Zeit", in der Berliner Morgenpost

Ausweislich seiner 1987 verfassten Memoiren hatte Georg Wolff Verständnis dafür. Er blieb "Spiegel"-Ressortleiter bis zu seinem Ruhestand und wirkte etwa 1966 am legendären "Spiegel"-Interview mit dem Philosophen Martin Heidegger mit.

Anders als sein guter Bekannter Wolff verließ ein anderer SS-Offizier den "Spiegel", nachdem ihm der Aufstieg zum Büroleiter Augsteins verwehrt blieb. Horst Mahnke, dessen Biografie bereits seit längerem bekannt ist, wechselte zum Axel Springer Verlag, in dem auch die Berliner Morgenpost erscheint, und wurde hier zum einflussreichen Strippenzieher. Schließlich beendete er seine Karriere als Hauptgeschäftsführer des Bundes Deutscher Zeitschriftenverleger.

Mahnke und Wolff sind als ehemalige Angehörige der SS-Elite sicher die extremsten Fälle von NS-Belasteten im bundesdeutschen Pressewesen, aber längst nicht die einzigen. Im Gegenteil rekrutierte sich ein wesentlicher Teil der ersten Journalistengeneration nach 1945 aus Personen, die im Dritten Reich enge Verbindungen zum Regime hatten. Sie waren in praktisch allen Blättern tätig, im "Spiegel" ebenso wie in der "Zeit", der Berliner Morgenpost genauso wie bei zahlreichen Regionalzeitungen.

Erfahrung im geheimpolizeilichen Milieu

Entscheidend ist aber die Frage, ob sie sich durch die Erfahrung des Jahres 1945 gewandelt hatten – oder ob sie die alte Ideologie in anderer Form fortsetzen? Darauf gibt es, trotz einiger Studien, noch keine zuverlässige Antwort.

Jedenfalls denkbar erscheint, dass Augstein an bestimmten Erfahrungen solcher ehemaligen Kader interessiert war. Sie waren gewiefte Rechercheure, wenn auch nicht hat unbedingt im journalistischen Sinne. Eher hatten sie Erfahrung im geheimpolizeilichen Milieu gesammelt. Und sie hatten, jedenfalls Horst Mahnke, beste Beziehungen zum gerade entstehenden Bundesnachrichtendienst.

Gut möglich ist auch, so Hachmeister, dass jedenfalls Georg Wolff sich von seinem früheren Leben "freischreiben" wollte, auch wenn das natürlich ein vergebliches Unterfangen war. Die detaillierte Auswertung der Memoiren, idealerweise ihre kommentierte Veröffentlichung, wären wohl auf jeden Fall ein Gewinn für die Pressegeschichte der frühen Bundesrepublik.

Zumal erst kürzlich bekannt geworden ist, dass Georg Wolff zwar nicht an Judenerschießungen beteiligt war, aber wohl mitgewirkt hat an der Zusammenstellung von Geisellisten in Norwegen. Danach allerdings hatte Rudolf Augstein im Einstellungsgespräch nicht gefragt.

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