20.09.2012, 00:00

Neonazi-Szene Fall Drygalla – Verbandschef war Stasi-Spitzel

Nadja Drygalla

Foto: DPA

Nadja Drygalla Foto: DPA

Von Jens Hungermann und Uwe Müller

Der Vorstandschef des Landesruderverbands Mecklenburg-Vorpommern und Vize-Chef von Drygalles Heimatverein war Stasi-Spitzel. Hans Sennewald berichtete als DDR-Ruderer unter dem Decknamen "Alexander".

Das Treffen zwischen Nadja Drygalla (23), ihrem Anwalt und Vertretern des Deutschen Ruderverbandes fand am Dienstag in Hannover statt. Hinterher ließ DRV-Präsident Siegfried Kaidel offiziell vermelden, der Verband stehe "voll hinter seiner Athletin".

Drygalla war von den Sommerspielen in London abgereist, nachdem bekannt geworden war, dass sie mit einem gewaltbereiten Neonazi liiert ist.

Mit am Tisch saß bei dem klärenden Gespräch auch ein Mann, der als Vertrauter der jungen Ruderin bezeichnet werden kann: Hans Sennewald (51), Vorsitzender des Landesruderverbandes Mecklenburg-Vorpommern (LRV), Vize-Chef von Drygallas Heimatverein ORC Rostock und Vater von Drygallas Ruderpartnerin Ulrike (23).

In der kontroversen öffentlichen Debatte über Drygallas Freund und ihre Eignung für weitere Auswahlnominierungen redete Sennewald stets Transparenz das Wort. Er erweckte den Eindruck, den DRV schon vor Olympia über die brisante Beziehung unterrichtet zu haben.

IM-Deckname "Alexander"

Über ein wesentliches Detail in seiner eigenen Vita hingegen mag der LRV-Vorsitzende nicht reden: Rund fünf Jahre lang führte das Ministerium für Staatssicherheit ihn unter dem IM-Decknamen "Alexander".

Laut Akte berichtete er bis 1989 als Mitglied der DDR-Nationalmannschaft fleißig und "ehrlich über das Verhalten der Sportreisekader".

Der "Welt" liegen 244 Seiten aus Sennewalds Stasi-Akte vor, darunter handschriftliche Berichte sowie die Verpflichtungserklärung samt Unterschrift mit Klarnamen (siehe linke Spalte). Damit am Mittwoch konfrontiert, sagte Sennewald: "Dazu möchte ich mich nicht äußern, generell nicht."

Das Angebot, es sich noch einmal anders zu überlegen, ließ er bis Mittwochabend verstreichen. Bekannt gewesen ist seine Spitzeltätigkeit bislang offenbar nicht.

Im Kontext des Falls Drygalla mutet die Einsatzrichtung von IM "Alexander" kurios an – "Aufklären und Absichern der Sportreisekader der Sportmannschaft Rudern".

Umfeld überrascht bis schockiert

Daheim zeigen sie sich überrascht bis schockiert. Hans Sennewald sei aufgrund seines Engagements für den Rudersport "für uns hier in Mecklenburg-Vorpommern die Leuchtfigur, was die Organisation eines Landesverbandes angeht", sagte stellvertretend der Geschäftsführer des Landessportbundes, Torsten Haverland, auf Anfrage.

Sennewald sei für ihn "die absolute Persönlichkeit". Auch im DRV zeigte man sich entsetzt, das sei nicht bekannt gewesen.

1982 gewinnt Sennewald im Vierer mit Steuermann WM-Gold, später rudert er erfolgreich im DDR-Achter. Seine Anwerbung erfolgt laut Akte im Mai 1984 unter Wahrung von Konspiration und "auf der Basis der politischen Überzeugung".

Er steht der Stasi etwa jeden zweiten Monat zur Verfügung – für einen Spitzensportler eine recht hohe Treffhäufigkeit.

Informationen über Sportkameraden

Als IM "Alexander" berichtet er laut Akte "ehrlich über das Verhalten der Sportreisekader", liefert also personenbezogene Informationen über Sportkameraden ("vom Charakter unberechenbar", "nachtragend"). Selbst über solche, mit denen er in einem Ruderboot sitzt.

Laut Protokoll eines mündlichen Berichts denunziert er beispielsweise einen "Sportfreund", der Umgang mit zwei Rudersportlern gepflegt habe, "die 1984 wegen unsportlicher Lebensweise aus dem ASK Rostock entlassen worden seien".

Solche Angaben können für die Denunzierten unangenehme Folgen gehabt haben. Sennewalds Spezialgebiet: Auslandsaufenthalte mit der DDR-Rudermannschaft.

Unsicherer Kantonist

In der Endphase der Zusammenarbeit mit der Stasi wird ihm attestiert, ein unsicherer Kantonist zu sein. Im Abschlussbericht zum Stasi-Vorgang vom 21. März 1989 heißt es, er weiche einer "kontinuierlichen Trefftätigkeit aus".

Interessant: In einer Beurteilung als Reisekader vom 16. Januar 1986 attestiert die Nationale Volksarmee Sennewald "charakterliche Schwächen in seinem Gesamtauftreten".

In dem Schreiben heißt es, der Athlet weise eine Tendenz zur Überheblichkeit auf und kritisiere oft stark seine Umgebung, ohne dass es dafür offensichtlich eine Basis gäbe.

Di, 07.08.2012, 21.19 Uhr

Die umstrittene deutsche Olympia-Teilnehmerin Nadja Drygalla will ihre Karriere fortsetzen. Die 23-Jährige sucht den Kontakt zum Deutschen Ruderverband.

Video: dapd
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