18.09.12

Til Schweiger

Ein Fall von posttraumatischer Belastungsstörung

Der Schauspieler Til Schweiger ist nach Afghanistan geflogen, um seinen neuen Actionfilm "Schutzengel" vor Soldaten zu zeigen. Die Frage lautet nun: Wer hat dafür bezahlt, und wer hat den Nutzen?

Von Hanns-Georg Rodek

In der "Bild"-Zeitung von Dienstag antwortet Verteidigungsminister Thomas de Maizière auf die Frage, warum die Bundeswehr Werbung für den neuen Til-Schweiger-Film mache: "Es ist ja gerade umgekehrt: Nicht wir werben für Herrn Schweiger. Sondern Herr Schweiger macht Werbung für die Bundeswehr!" Das wollen wir einmal näher untersuchen.

Til Schweiger ist – dies die Ursache der Aufregung – mit seinem Filmteam im Sommer nach Afghanistan geflogen und hat seinen Action-Reißer "Schutzengel" dort in vier Vorführungen deutschen Soldaten gezeigt.

Er hat ein Militärkrankenhaus besucht und den Ehrenhain für die Gefallenen, er ist mit dem Schützenpanzer "Marder" gefahren und hat Landminen der Taliban vorgeführt bekommen, er hat in der deutschen Kantine gegessen und Autogramme geschrieben. Und sich von den Soldaten Szenen auf dem Handy zeigen lassen, die keine Tagesschau zeigen würde.

Schweiger fuhr im Schützenpanzer

Der Vorwand (nennen wir es so) bestand darin, dass Schweiger im "Schutzengel" einen deutschen Afghanistan-Soldaten darstellt. Die Geschichte spielt nicht am Hindukusch, sondern nach dem Kriegseinsatz in Berlin, und die Bundeswehr hatte mit Inhalt und Produktion nichts zu tun.

Doch Bundeswehr und Barefoot (so heißt Schweigers Produktionsgesellschaft) sind eine Partnerschaft zum gegenseitigen Vorteil (nennen wir es so) eingegangen: Der Til bekommt auf diese Weise die Anerkennung des Establishments (und das ist es, was ihm in der derzeitigen Phase seiner Karriere vielleicht wichtiger ist als eine Million hin oder her), und die Soldaten bekommen zur Abwechslung vom gefährlichen Alltag den größten deutschen Star leibhaftig ins Feldlager. Oder, kürzer gesagt: Höhere Weihen gegen Stärkung der Kampfkraft.

Früher hieß das "Wehrmachtstournee"

Ein solcher Kuhhandel zwischen Schaugeschäft und Militär ist nicht neu. Kaum ein deutscher Star im Zweiten Weltkrieg, von Marika Rökk bis La Jana, der auf Wehrmachtstourneen an die Front nicht die Moral der Truppe stärkte; auf der Gegenseite sangen und blödelten Marlene Dietrich und Bob Hope und viele andere für den alliierten Sieg. In der US-Armee hat sich die Tradition ungebrochen erhalten, von Korea über Vietnam bis Irak, die Stars absolvieren ihre "patriotische Pflicht". Die deutschen Stars der vergangenen sechzig Jahre sind darum herumgekommen, weil die Bundesrepublik so wenig Kriege geführt hat, bisher.

Die Frage, wer von wem wofür benutzt wird, ist also nicht so einfach zu beantworten. Dabei ist in Deutschland die nächste Stufe noch gar nicht erreicht, an der es wirklich bedenklich wird: dass das Militär (vom Steuerbürger bezahlte) Flugzeuge und Panzer kostenlos für Dreharbeiten zur Verfügung stellt und im Austausch das Soldatenleben im Kino in den coolsten Farben gemalt wird. In den USA ist solch ein Deal gang und gäbe, und das berüchtigtste Beispiel ist der Film "Top Gun", welcher der Air Force mehr Rekruten eingebracht haben dürfte als jede "We need you"-Kampagne von Uncle Sam.

Wer bezahlte den "Schutzengel"-Ausflug?

Die dringendste Frage bei "Schutzengel" ist zunächst eine materielle: Auf wessen Kosten ist das achtköpfige Filmteam (inklusive ein "Spiegel"-Reporter zwecks Maximierung der Publicity) erst nach Usbekistan und dann nach Mazar-i Scharif gereist? Bundeswehr und Barefoot erklären unisono, die "Schutzengel"-Crew sei auf den ansonsten leeren Plätzen einer Militärmaschine mitgeflogen, die sowieso nach Afghanistan unterwegs war; mithin keine zusätzlichen Kosten für den Steuerzahler (aber auch keine für die Film-PR).

Womit wir zum Schluss wieder bei Thomas de Maizière angekommen wären. Wir würden uns gern mit dem Minister in ein Kino begeben, uns neben ihm niederlassen und dann sein Gesicht betrachten: wenn er den Afghanistan-Rückkehrer Til Schweiger sieht, einen klaren Fall von posttraumatischer Belastungsstörung, von seinen Kriegserlebnissen aufs Furchtbarste geprägt, beziehungsunfähig, mit fatalen Rambo-Tendenzen. Und am Ende von "Schutzengel" würden ihn wir fragen, ob das nun Werbung für die Bundeswehr war.

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