17.09.12

Bundeskanzlerin

Merkel kritisiert Fehler bei Aufklärung der Neonazi-Morde

Das Berliner Landeskriminalamt wusste offenbar schon im Februar von den Ermittlungen gegen einen Ex-V-Mann.

Foto: dapd

Nach Auffassung von Bundeskanzlerin Angela Merkel läuft die Aufklärung der NSU-Morde an etlichen Stellen nicht
Nach Auffassung von Bundeskanzlerin Angela Merkel läuft die Aufklärung der NSU-Morde an etlichen Stellen nicht

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat Probleme bei der Aufarbeitung der Neonazi-Mordserie eingeräumt und Konsequenzen angemahnt. "Die Aufklärung läuft an etlichen Stellen nicht so, wie wir das für richtig halten", sagte Merkel am Montag in Berlin. "Daraus müssen Konsequenzen gezogen werden."

Wegen der jüngsten Enthüllungen gerät Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) zunehmend unter Druck. Die SPD stellte ihm ein Ultimatum für die Aufklärung: Hintergrund ist die Zusammenarbeit der Berliner Polizei mit einem Helfer der rechtsextremen Terrorzelle NSU. Henkel und sein SPD-Vorgänger Ehrhart Körting (SPD) sollen nun im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags als Zeugen geladen werden.

Körting tritt Bund-Länder-Kommission aus

Nach Bekanntwerden der NSU-Verbindungen nach Berlin ist Körting aus der Bund-Länder-Kommission zur Aufarbeitung der Neonazi-Morde ausgetreten. Der Schritt ist naheliegend, da die Kommission auch das Handeln des ehemaligen Innensenators prüfen wird. Körting stand von 2002 bis 2011 der Innenbehörde vor.

Merkel lobte die Arbeit der Untersuchungsausschüsse in Bund und Ländern. Die Gremien förderten vieles zutage, was nicht gut gelaufen sei. Daraus seien Lehren zu ziehen. Die Kanzlerin betonte, einiges sei in dieser Hinsicht schon passiert, anderes müsse noch folgen. Es gebe an vielen Stellen Verbesserungsbedarf. Auch sollten etwa Löschfristen für Akten vereinheitlicht werden. Der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses im Bundestag, Sebastian Edathy (SPD), forderte angesichts der jüngsten Pannen eine bessere Aufsicht und mehr Kontrolle der Sicherheitsbehörden. "Ich habe gerade beim Verfassungsschutz mittlerweile den Eindruck, dass da Teile der Behörden ein gewisses Eigenleben führen", sagte Edathy.

Druck auf Henkel wächst

Es könne nicht sein, dass der Untersuchungsausschuss nur durch Nachfragen und zum Teil durch Zufälle Informationen von den zuständigen Behörden bekomme. "Wer glaubt, er könne irgendetwas unter den Teppich kehren, der muss damit rechnen, irgendwann über den Teppich zu stolpern", sagte Edathy.

Nach der Panne in Berlin macht die SPD nun Druck auf Henkel. "Entweder der Berliner Innensenator übermittelt alle vorhandenen Akten über die Werbung und Abschöpfung des V-Manns unmittelbar dem Ausschuss, oder er muss zurücktreten", sagte die SPD-Obfrau im NSU-Ausschuss, Eva Högl.

Auch Henkels Ankündigung, in Berlin einen Sonderermittler einzusetzen, stieß auf Kritik. Der noch nicht benannte Experte soll klären, welche Fehler gemacht wurden, nachdem Thomas S. dem LKA 2002 Hinweise zu dem mit Haftbefehl gesuchten Terrortrio geliefert hatte.

Henkel muss Auskunft geben

Das Berliner Landeskriminalamt (LKA) wusste nach Informationen des "Spiegels" offenbar schon früher von den Terror-Ermittlungen gegen einen Ex-V-Mann der Behörde als bisher bekannt. Nach Informationen des Magazins erhielt die Behörde des Innensenators spätestens Anfang Februar 2012 ein entsprechendes geheimes Lagebild der Sonderkommission "Trio" des Bundeskriminalamts (BKA).

Aus dem auf den 2. Februar datierten Schreiben, das an das Bundesinnenministerium, die Bundesanwaltschaft, das Bundesamt für Verfassungsschutz sowie an alle Leiter der Staatsschutz-Abteilungen der deutschen Landeskriminalämter (LKA) adressiert war, geht hervor, dass der Generalbundesanwalt gegen Thomas S. wegen der "Unterstützung einer terroristischen Vereinigung" ermittelte.

An diesem Dienstag will Henkel dem parlamentarischen Innenausschusses des Abgeordnetenhauses Auskunft über die Berliner Verstrickung in die NSU-Ermittlungen geben. Am Donnerstag war im NSU-Untersuchungsausschuss bekannt geworden, dass der V-Mann des Berliner Landeskriminalamts, Thomas S., bereits 2002 Hinweise zu dem gesuchten sächsischen Terrortrio gegeben hatte.

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Der Fall Thomas S. - eine Chronologie
  • Rückblick

    Lange Zeit hieß es, nach Berlin gebe es keine Verbindung zu der Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Nun wurde bekannt, dass der NSU-Helfer Thomas S. Jahre lang für das Landeskriminalamt (LKA) gearbeitet haben soll.

  • Bis 1998:

    Thomas S. aus Chemnitz gilt als Vertrauter des NSU-Trios Uwe Mundlos, Uwe Bönhardt und Beate Zschäpe, mit der er auch eine Affäre gehabt haben soll. Er gilt als Hintermann der rechtsextremen Musikszene und beschafft der Gruppe rund ein Kilogramm Sprengstoff.

  • Januar 1998:

    Während die Polizei in Jena die NSU-Bombenwerkstatt entdeckt, flüchten die drei Mitglieder. S. hilft ihnen, in Chemnitz unterzutauchen. Später ziehen die mit Haftbefehl Gesuchten nach Zwickau weiter. Der Kontakt bricht ab.

  • 2000:

    Der Staatsschutz am Berliner LKA wirbt S. als V-Mann an. Er soll Informationen zur rechtsextremen Musikszene liefern – etwa zur Berliner Gruppe „Landser“, die im Fokus der Behörden steht.

  • 2002:

    Seinem V-Mann-Führer sagt Thomas S., jemanden zu kennen, der Hinweise zu drei „wegen Waffen und Sprengstoff“ gesuchten Personen habe. Dabei handelt es sich um den Rechtsrock-Produzenten und NSU-Waffenlieferanten Jan W.. Unklar ist, ob andere Behörden wie die Thüringer Polizei oder der Bundesverfassungsschutz informiert werden.

  • Dezember 2003:

    In Berlin stuft das Kammergericht die Neonazi-Band „Landser“ als kriminelle Vereinigung ein. Die Gruppe, die von S. und Jan W. unterstützt wurde, ist fortan verboten.

  • Juli 2005:

    In einem zweiten „Landser“-Prozess in Dresden um den Vertrieb der verbotenen rechtsradikalen Band werden Vertriebschef Jan W. und Mitfinanzier Thomas S. zu Bewährungsstrafen verurteilt. In dem Jahr liefert S. das letztmalig Hinweise an das LKA.

  • Januar 2011:

    Der Staatsschutz beim LKA beendet nach einer Bewertung die Zusammenarbeit mit S.. Im November kommt die Mordserie der NSU-Terrorgruppe ans Tageslicht. Auch in Berlin werden daraufhin mögliche Verbindungen und ungeklärte Morde geprüft – ohne Treffer.

  • 1. März 2012:

    Der Untersuchungsausschuss im Bundestag fragt in den Ländern mögliche Erkenntnisse über NSU-Helfern ab – darunter auch Thomas S.. Die Anfrage bleibt in Berlin aber unbeantwortet, weil sie sich nur auf Informationen des Verfassungsschutzes bezieht.

  • 7.-9. März:

    Das Bundeskriminalamt verschickt Listen mit Namen und Bildern möglicher NSU-Helfern an die Landespolizeien. In Berlin erkennt ein Beamter Thomas S. – die amtierende Polizeipräsidentin Margarete Koppers wird am nächsten Tag informiert. Akten werden gewälzt, um die Bundesanwaltschaft umfassend informieren zu können. Am 9. März unterrichtet Koppers Innensenator Frank Henkel (CDU).

  • 15. März:

    Polizeivizechefin Koppers setzt Generalbundesanwalt (GBA) Harald Range telefonisch in Kenntnis. Fünf Tage später fliegt sie mit ihrem LKA-Leiter und dem Chef des Staatsschutzes nach Karlsruhe und berichtet ausführlich.

  • 27. März:

    GBA-Mitarbeiter sichten Akten in Berlin. Vorerst soll der NSU-Ausschussnicht informiert werden. Das LKA schreibt einen Bericht über Thomas S., der Bericht wird im Mai nach Karlsruhe geschickt.

  • Anfang Juli:

    Der GBA unterrichtet den Untersuchungsausschuss, da es keine Sicherheitsbedenken gibt. Das Gremium beantragt danach beim Land Berlin auch alle polizeilichen Erkenntnisse zum Fall NSU.

  • 13. September:

    Die V-Mann-Tätigkeit von Thomas S. wird publik. Innensenator Henkel gibt sich überrascht, gerät aber später unter Druck, da er seit März Bescheid wusste. Die zweite Ausschussanfrage wird noch am selben Tag nach einem Monat in Henkels Verwaltung an den Ausschuss geschickt. Henkel und sein SPD-Vorgänger Ehrhart Körting sollen im NSU-Ausschuss aussagen. Ein Berliner Sonderermittler soll klären, was mit den Hinweisen aus dem Jahr 2002 passierte.

     

    Quelle: dpa

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