Stimmungsbild Wie Juden das Leben in Deutschland empfinden

Juden in Deutschland: Fühlen sie sich trotz Angriff auf einen Rabbiner und Beschneidungsdebatte noch sicher und willkommen?

Die Klingel von Walter Rothschild ist mit einer Kamera ausgestattet, und doch sagt der Rabbiner, lege er nicht sonderlich viel Wert auf Kontrolle. "Man muss immer abwägen zwischen Offenheit und Vernunft, und ich tendiere immer mehr in Richtung Offenheit", sagt Rothschild. Das dahinter keine leeren Worthülsen stecken, stellt er in seiner herrschaftlichen Altbauwohnung in Charlottenburg dann gleich unter Beweis und beginnt die Wohnungsführung im Schlafzimmer.

Fühlt sich Rothschild wohl und willkommen in diesem Land, wo doch die Ex-Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, soeben in Frage stellte, ob dieses Land die Juden noch haben wolle? Rothschild findet die Frage komisch. "Was ist denn eigentlich deutsch? Gibt es türkische Deutsche? Deutsche Deutsche? Sind Juden ein Teil von Deutschland? Ist Bayern ein Teil von Deutschland?", fragt Rothschild. "Juden sind auch Deutsche. Deutsch ist keine ethische oder religiöse Identität, sondern eine Staatsangehörigkeit."

Rothschild hat den Blick von außen, er ist Brite, lebt seit 14 Jahren in Berlin. Die Jüdische Gemeinde ist ihm in vielen Ansichten zu konservativ, Rothschild ist ausgetreten und nun im Vorstand der Union progressiver Juden in Deutschland. "Ich liebe meinen Wein und mein Steak", sagt er. "Ich bin Ausländer, Europäer, Jude, Vater, ich habe viele Definitionen. Klar fühle ich mich wohl in Deutschland. Ab und zu kommt ein Idiot vorbei und versucht, seine eigene Definition durchzusetzen. Und da ist es eben praktisch, eine Mütze über der Kippa zu tragen." Manchmal wolle er eben nicht unbedingt provozieren, sondern in Ruhe zum Bahnhof kommen.

Seit dem Überfall auf den 53-jährigen Rabbiner Daniel A. vor zwei Wochen werden Warnungen vor einem wachsenden Antisemitismus laut. A. trug über seiner Kippa eine Baseballkappe, bevor er von vier arabisch aussehenden Jugendlichen zusammengeschlagen wurde. Auch Rothschild hat solche Attacken erlebt. Er wurde im Park verprügelt, die jüdische Schule, an der er unterrichtete, wurde mit Molotowcocktails beworfen. Das war im britischen Leeds. "Juden werden in ganz Europa attackiert, da bildet Deutschland keine Ausnahme."

In der U-Bahn verprügelt

Auch in Deutschland hat Rothschild Angriffe erlebt. 2001 wurde er von arabischen Jugendlichen in der U-Bahn zusammengeschlagen. Dem Angriff ging ein kleiner Wortwechsel voraus. "Ich hasse alle Juden", sagte einer der Jugendlichen. "Einige hasse ich auch, aber alle? Das ist übertrieben!", sagte Rothschild. Die Antwort war ein Fausthieb ins Gesicht.

"Es gibt in letzter Zeit mehr körperliche Attacken gegen Juden als in den vergangenen Jahren – vor allem in Ballungsgebieten und Großstädten", sagte die Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung, Anetta Kahane. Belegen lässt sich das nicht. Die Polizei registrierte bundesweit einen Rückgang der antisemitischen Straftaten. 114 antisemitische Schmierereien von Rechtsextremisten im vergangenen Jahr – das macht einen Rückgang um 15 Prozent aus. Judenfeindliche Gewalttaten sanken von 37 in 2010 auf 29 in 2011. Eine Studie der Antonio-Amadeu-Stiftung zeichnet dennoch ein drastisches Bild. 23 Prozent der Deutschen lehnen es ab, dass Juden in diesem Land die gleichen Rechte bekommen sollen. 32,8 Prozent sind der Ansicht, die Juden hätte zu viel Einfluss auf die Gesellschaft. 49,9 Prozent glauben, viele Juden versuchten aus der Vergangenheit des Dritten Reiches ihren Vorteil zu ziehen.

Deutschland sei alles in allem ein sehr tolerantes Land, sagt Rothschild. "Ich habe keine Angst hier." Vielmehr sehnt sich Rothschild nach nichts mehr als danach, normal zu sein. "Wir Juden sind zu so einer Art Obsession geworden. Dabei spielen wir statistisch gesehen überhaupt keine Rolle." Juden machen in Deutschland etwa 0,8 Prozent der Bevölkerung aus, und doch seien sie fast jeden Tag in den Nachrichten. "Frau Knobloch hat eingeatmet. Herr Kramer hat einen Schnupfen." Rothschild findet das übertrieben.

Avital Grinfeld geht in Berlin auf das Jüdische Gymnasium, an dem der niedergeschlagene Rabbiner Daniel A. früher unterrichtete. Bedroht fühlte sich die 16-Jährige mit den roten Locken noch nie. Avital empfindet unendliches Mitleid mit der Familie. Dennoch: "Es ist sehr weit ausgeholt, ein ganzes Land für die Taten von vier Jugendlichen verantwortlich zu machen", sagt sie. Im Gegenteil konnte ihre aus Russland stammende Familie ihren Glauben in Deutschland erst ausleben.

18.000 Israelis sind in Berlin zu Hause

Mit 15 Jahren trat Avital einem Projekt des Berliner Senats bei für Mädchen mit Zuwanderungsgeschichte. "Ich war die einzige Jüdin, um mich herum nur muslimische Mädchen", erzählt sie. Heute sei sie mit einigen befreundet. "Natürlich sind wir alle Deutsche, das stellt überhaupt niemand infrage", sagt Avital, hebräisch für Gottes Schatz. Sie sieht sich als liberale Jüdin, es ist ihr wichtiger, sich zu engagieren, als die Regeln der Tora nicht zu brechen. Doch um den Hals trägt sie einen Davidstern. "Ich will mir nicht verbieten lassen, offen meine Religion zu zeigen."

Am Dienstag wird Avital mit ihrer Freundin Leila an die Jüdische Schule nach Charlottenburg gehen, an der in der vergangenen Woche jüdische Mädchen von Jugendlichen arabischer oder türkischer Herkunft als "Judenhuren" beschimpft und bespuckt wurden. Auch dort werden sie zeigen, dass sie sich ihre Religion nicht verbieten lassen.

Der Studie "Deutsch-Türkische Lebens- und Wertewelten" zufolge meinen 18 Prozent der Deutschtürken, Juden seien minderwertige Menschen. Der im Jahr 2012 vorgestellte Antisemitismusbericht des Deutschen Bundestages stellt allerdings fest, dass rund 90 Prozent aller antisemitischen Straftaten von Tätern begangen werden, die dem politisch rechten Spektrum zugeordnet werden.

All dieser Zahlen zum Trotz erblüht in Deutschland neues jüdisches Leben. In der Hauptstadt etwa leben mittlerweile rund 18.000 Israelis, die Deutschkurse in den Goethe-Instituten in Tel Aviv und Jerusalem sind ausgebucht. Vor fünf Jahren wurde die erste Direktverbindung zwischen Tel Aviv und Berlin eingeführt, heute gibt es an fast jedem Tag mehrere Flüge. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Übernachtungen israelischer Touristen in Berlin verfünffacht.

Beschneidung mit Auflagen

Mitten im deutschen Sommer war eines der beherrschenden Themen auch eines, dass die jüdische Religion betrifft: die Beschneidungsdebatte. Man könnte meinen, findet der Berliner Rabbiner Rothschild, sie beschäftige Deutschland mehr als die Zukunft der Rente oder des Euro. Nach einem Urteil des Landgerichts Köln aus dem Frühjahr ist eine Beschneidung von Minderjährigen eine rechtswidrige Körperverletzung, da das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit des Kindes schwerer wiege als die Religionsfreiheit der Eltern. Der Eingriff laufe zudem dem Interesse des Kindes zuwider, später selbst über seine Religionszugehörigkeit entscheiden zu können. Seither gibt es Bestrebungen mehrerer Parteien, religiös motivierte Beschneidungen per Gesetzesänderung explizit zu erlauben.

Am Mittwoch hatte der Berliner Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) eine Übergangsregelung vorgestellt. Die Berliner Staatsanwälte seien angehalten worden, bei fachkundig vorgenommenen Eingriffen keine Ermittlungsverfahren einzuleiten. Insgesamt will Berlin solche Beschneidungen aber künftig an strenge Auflagen knüpfen. Unter anderem sollen die Eltern nachweisen, dass sie den Eingriff aus religiösen Gründen wünschen. Die Regelung trifft bei jüdischen Organisationen nicht etwa auf Zustimmung – sondern auf Protest.

Tamara Guggenheim trägt ein blaues Tuch über ihren widerspenstigen Haaren. Die Religionslehrerin im jüdischen Gemeindezentrum in Düsseldorf bedeckt ihr Haupt seit einiger Zeit wieder häufiger. "Es gibt mir Sicherheit", sagt sie, denn aus ihrer Sicht ist Ungeheuerliches in Deutschland passiert. So ungeheuerlich, dass ihr Mann ernsthaft gefragt hat, ob sie wegziehen sollen. "Das Kölner Beschneidungsurteil hat mich in meinen Grundfesten erschüttert", sagt die 52-jährige Mutter von fünf Kindern. Guggenheim ist tief verletzt. "Es fehlt der Respekt", sagt sie. Das Urteil sei ein "Eingriff in das jüdische Selbstverständnis". Sie findet, dass sich in die Kritik an der Beschneidung eine umfassendere Kritik aus antireligiösen, antisemitischen Ressentiments mischt. "Die Tonlage ist anders geworden, härter, unhöflicher, kompromissloser", sagt Guggenheim. Am heutigen Sonntag demonstriert sie mit Gleichgesinnten unter dem Motto "Auf Messers Schneide" auf dem Bebelplatz in Berlin. Sie hofft, dass Juden und Muslime zusammenfinden. "Muslime mit Kopftuch gehören zum normalen Stadtbild. Warum kann die Kippa nicht genauso dazugehören?"

Schweinekopf mit Davidstern

Viele Juden sehen die Zukunft hoffnungsfroher. So wie der Chemnitzer Gastronom Uwe Dziuballa – auch wenn er das ganze Arsenal antisemitischer Anfeindungen kennenlernen musste. Seit zwölf Jahren führt er mit koscherer Küche sein jüdisches Restaurant "Schalom". Frieden hat der gläubige Jude mit der Kippa seither selten: Mehr als 1600 Drohanrufe, ein abgetrennter Schweinekopf mit Davidstern vor der Tür, Hakenkreuz-Schmierereien, kaputte Fenster, zerstochene Reifen. Täter wurden nie gefunden.

Und dennoch sagt der 47-Jährige: "Das Verhältnis von positiven zu negativen Erlebnissen beträgt trotzdem fünfzehn zu eins. Wir stehen doch nicht in Schützengräben." Eher schon auf einem kulturellen Vorposten: Seine Gastronomie sei ein guter Ort, um Ressentiments abzubauen. "Ich will nicht geduldet werden und ich will auch keine hyperaktive Gutmenschen-Solidarität", sagt Dziuballa. "Die Leuten soll mir ehrlich sagen, ob ihnen mein Essen schmeckt oder nicht." Ohne sich dabei gleich als Antisemit zu fühlen.

Mitarbeit: Kristian Frigelj, Sven Heitkamp, Hermann Weiß

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