26.08.12

Kommentar

In Deutschland geht das Misstrauen um

Wohin der Blick auch schweift, überall darf der Bürger sich veräppelt fühlen. Hajo Schumacher über die neue Skepsis gegenüber Eliten.

Von Hajo Schumacher
Foto: DPA
Sondersitzung des Landtages zum Hauptstadtflughafen
Kein Berliner erwartet, dass der Superflughafen BER im März 2013 eröffnet wird

Natürlich hat kein Mensch wirklich geglaubt, dass der Radprofi Lance Armstrong seine Tour-Siege sauber errungen hat. Aber der Restromantiker in uns hat ein klein wenig gehofft, dass der einstige Superstar vielleicht doch Opfer von Intrigen geworden sein könnte.

Natürlich erwartet kein Berliner, dass der Superflughafen BER im nächsten März eröffnet wird. Auf Facebook hat sich eine Gruppe gebildet, die zur Eröffnungsparty im Jahre 2026 lädt. Zehntausende haben sich bereits angemeldet. Jede weitere Pressekonferenz nährt nur ein Gefühl: Volksverdummung ohne Rücksicht auf Verluste.

Mit dem Biosprit verhielt es sich ein wenig anders. Es gab tatsächlich Optimisten, die glaubten, man könne deutsche Äcker in Rapsölfelder verwandeln – der Bauer als Scheich 2.0. Regierungen aller Farben sorgten in einmütiger Naivität für einen historischen Umbau deutscher Landschaften. Inzwischen schwant uns, dass es weder ökonomisch noch ökologisch klug sei, Lebensmittel lastwagenweise quer durchs Land zu fahren, zu zermanschen und damit 300-PS-Autos zu befeuern.

Wohin der Blick auch schweift, überall darf der Bürger sich veräppelt fühlen. Ob Böswilligkeit, Unfähigkeit oder schlichte Blödheit, das Ergebnis bleibt das gleiche: Vertrauensschwund. Zockende Banken, vertuschende Kirchen, Organ-Bingo oder Polizisten, die mit Neonazis zusammenarbeiten – die Bürger trauen ihren Eliten nicht mehr über den Weg. Wo früher Kritik geübt wurde, ist höhnisches Lachen geblieben. Es genügt, sich irgendeine Bankenwerbung anzuschauen oder eine Liste der Statements führender Grüner zum Segen des Biosprits, gern auch im Zusammenhang mit der anschwellenden weltweiten Nahrungsmittelknappheit.

Wo ist die Bank, der Politiker, der Sportler, der Planer, der sagt: Sorry, aber wir haben echt Mist gebaut? Gibt es nicht. Stattdessen Marketingfeuerwerk. Wie sich frühere Eliten durch fernsehgerechte Überberatung schrittweise in Figuren eines Computerspiels verwandeln, ist hübsch am US-Kandidaten Mitt Romney zu sehen. Irgendwann werden wir die Antenne entdecken, über die der Mann gesteuert wird.

Was bleibt, ist der Verdacht, dass jeder, der es hinter die Kulissen von Staat und Gemeinwesen geschafft hat, dort sein schmutziges Spielchen spielt. Diese Annahme ist höchst unfair allen integren Eliten gegenüber, spiegelt aber wider, was fehlt. Was Säugling und Mutter zusammenhält, das braucht auch eine Gesellschaft; dieses Urvertrauen, dass es da etwas gibt, was uns zusammenhält, ein gemeinsames Ziel, ein kollektives Bewusstsein, wie die beiden ungleichen Schwestern Sicherheit und Freiheit zu zähmen sind, dass jeder sich nach seiner Fasson entfalten kann, aber möglichst wenige auf der Strecke bleiben. Ob dieser mächtige Misstrauens-Trend durch eine Ruckrede des Bundespräsidenten umzudrehen ist? Wohl kaum.

Was bleibt? Allenfalls der Versuch eines jeden, in der Familie, im Freundeskreis, im Job dafür zu sorgen, dass die Regeln guten Zusammenlebens wenigstens im kleinen Kreis eingehalten werden.

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