20.08.12

Wulffs Ex-Sprecher

Ermittler können Festplatte von Glaeseker nicht knacken

Christian Wulff bestreitet ein Vertrauensverhältnis zu seinem Ex-Sprecher Olaf Glaeseker. Dessen Computer erweist sich als harte Nuss.

Foto: DAPD
Glaeseker, Wulff
Christian Wulff neben seinem damaligen Sprecher Olaf Glaeseker

Das Laufwerk ist hartnäckig. Noch immer ist es Niedersachsens Ermittlungsbehörden nicht gelungen, dieses mit einem Codewort gesicherte Laufwerk C auf dem Computer des früheren niedersächsischen Regierungssprechers Olaf Glaeseker zu knacken. Dies sei den Experten der Polizei in den vergangenen Monaten nicht gelungen, bestätigte Niedersachsens Finanzminister Hartmut Möllring Morgenpost Online. Aus den Dateien erhoffen sich Politik und Staatsanwaltschaft Erkenntnisse im Korruptionsstrafverfahren gegen Glaeseker. Ihm wird vorgeworfen, dem Partyveranstalter Manfred Schmidt bei der Organisation des "Nord-Süd-Dialogs" gefällig gewesen zu sein. Im Gegenzug habe Olaf Glaeseker Gratisurlaub auf einem Anwesen Schmidts in Spanien gemacht.

Mag also sein, dass es auch an der fehlenden Einsicht in diese Dateien liegt, dass die Ermittlungen rund um den "Nord-Süd-Dialog" allmählich zu einer Provinzposse mutieren, bei der weder die Beteiligten noch die Ermittler eine sonderlich gute Figur machen. Zum zweiten Mal in Folge zitiert an diesem Wochenende ein Nachrichtenmagazin aus dem Protokoll einer Vernehmung des früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten und späteren Bundespräsidenten Christian Wulff. Dieses Mal ist der "Spiegel" dran, der im Unterschied zum "Focus" in der vergangenen Woche sogar ein paar Zitate aus dem Vernehmungsprotokoll liefert. So habe Wulff ausgesagt, es sei "gegen meinen Willen gewesen", dass Glaeseker bei der Sponsorensuche für das Promi-Treffen "Nord-Süd-Dialog" auf dem hannoverschen Flughafen geholfen habe. Bei den Gratisurlauben, die Glaeseker im spanischen Haus des "Nord-Süd"-Veranstalters und Partykönigs Manfred Schmidt verbracht habe, sei er davon ausgegangen, dass Glaeseker diese Besuche bei seinem langjährigen Freund "bezahlt" habe. Krönung des Berichts ist eine indirekt wiedergegebene Aussage Wulffs, nach der der Ex-Bundespräsident behauptet habe, kein Vertrauter Glaesekers gewesen zu sein und nur wenig über dessen Treiben gewusst zu haben.

Zeugenaussage aus Absurdistan

Bei aller gebotenen Vorsicht – das wäre nun wirklich eine Zeugenaussage aus dem fernen Absurdistan. Eine Distanzierung, die nur zu erklären wäre mit einer tiefen Verletztheit und einer gewissen Abkapselung von der Realität, die man Christian Wulff nach seinem unfassbar tiefen Sturz nicht einmal übel nehmen könnte. Jeder, der in Hannover auch nur ansatzweise in die Nähe des Tandems Wulff/Glaeseker geriet, wusste, dass die beiden wie "siamesische Zwillinge" (Wulff) agierten. Jeder wusste, dass es Glaesekers Bedingung für seine Arbeit als Sprecher und Berater des Ministerpräsidenten war, dass er "alles wusste" (Glaeseker), was Wulff tat oder eben nicht tat. Und dass es andersherum, jedenfalls in den guten niedersächsischen Zeiten, nur in Ausnahmefällen nicht so war.

Die Sponsorensuche für den "Nord-Süd-Dialog" war mit Sicherheit keine solche Ausnahme. Im Gegenteil: Wulff war, nach allem, was man bisher weiß, als Schirmherr der Veranstaltung aktiv in die Gespräche involviert. Bei einer Sponsorenveranstaltung im Vorfeld der "Promi-Sause" trat der damalige Ministerpräsident in den Räumen der Nord/LB als Redner auf. Seinen späteren Urlaubsgastgeber Wolf-Dieter Baumgartl von der Talanx-Versicherung soll Wulff damals persönlich von einer Finanzierungsbeteiligung überzeugt haben. Auch bei der Akquise der Deutschen Bahn sei der Ministerpräsident behilflich gewesen. Alles andere wäre auch merkwürdig bei einer Veranstaltung, die Priorität für Niedersachsens Landesregierung hatte und an deren Image-Erfolg Wulff und sein Kabinett lebhaft interessiert waren.

Paradebeispiel eines Polit-Duos

Die Nähe zwischen Wulff und Glaeseker war nicht nur in Niedersachsen Legende, die beiden galten bundesweit als Paradebeispiel eines funktionierenden Politduos, bei dem der eine jederzeit wusste, was der andere gerade tat. Selbst in diesem Sommer, nach all den Verletzungen der jüngeren Vergangenheit, war das Verhältnis so intakt, dass Wulff Glaeseker als einen von rund 50 Gästen zu seiner privaten Geburtstagsfeier nach Großburgwedel einlud. Die Party fand – rund eine Woche vor der Vernehmung Wulffs in Sachen Glaeseker – im Privathaus des Ex-Bundespräsidenten statt.

Und Glaeseker kam. Als einer der wenigen Gefährten aus Wulffs Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident, die überhaupt noch auf der Gästeliste standen. FDP-Chef Philipp Rösler gehörte dazu, Wulffs Nachfolger McAllister hingegen nicht. Auch nicht Finanzminister Möllring, früher Wulffs treuester Kabinettskollege, der sich so lange vor seinen früheren Chef gestellt hatte. Beide verfügen mittlerweile nicht einmal mehr über Wulffs aktuelle Mobilfunknummer. Es herrscht eine gewisse Funkstille in diesem niedersächsischen Absurdistan.

Möllring und McAllister verpassten außer leckerem Essen und einer fröhlich aufgeräumten Bettina Wulff auch eine Rede des Gastgebers, die von Zuhörern als "ein wenig entrückt" gewertet wurde. Mag sein, dass das eines Tages auch von der Zeugenaussage des Ex-Bundespräsidenten in Sachen Glaeseker berichtet wird. In seiner Rede soll der frühere CDU-Politiker, dessen Parteimitgliedschaft weiterhin ruht, auch angegeben haben, über den Besuch seiner Ex-Frau und seiner Tochter aus erster Ehe im spanischen Haus des Partyveranstalters Schmidt nichts gewusst zu haben. Sie hatten dort gemeinsam mit Glaeseker Urlaub gemacht. Es wäre sicher spannend, wenn derartige Aussagen eines Tages auch vor einem niedersächsischen Gericht zu hören wären. Ob gegen Glaeseker, ob gegen Wulff tatsächlich Prozesse eröffnet werden, steht jedoch noch immer in den Sternen. Demnächst, so in fünf, sechs Wochen, will die Staatsanwaltschaft Hannover einen Sachstandsbericht vorlegen. Eine Entscheidung, ob es in der einen oder der anderen Sache zum Prozess kommt, wird vermutlich noch länger auf sich warten lassen. Es ist ja auch eine furchtbar schwierige Aufgabe, vor der die Staatsanwälte stehen.

TV-Chefin schaltet sich ein

Zum einen sind die Vorwürfe gegen Olaf Glaeseker und Christian Wulff derart kleinteilig und spielen zugleich in einer generell sehr verwaschenen Grauzone des Parlamentarismus, dass eine Einstellung der Verfahren wegen Geringfügigkeit auf den ersten Blick mehr als geboten erscheint. Zum anderen waren diese Vorwürfe und die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens immerhin der Auslöser für den Rücktritt eines Bundespräsidenten. Da kann man schon mal ins Schleudern geraten als Jurist.

Es passt zur Absurdität dieses Falls, dass sich an diesem Sonntag prophylaktisch eine fulminante Zeugin für einen solchen Prozess angemeldet hat: Edda Kraft, ehemalige Unterhaltungschefin von Sat.1, erklärte sich via "Bild am Sonntag" bereit, vor Gericht für Glaeseker und gegen Wulff auszusagen. Sie kenne Wulff, Glaeseker und auch den Partykönig Manfred Schmidt und wisse genau, dass Wulff Glaeseker "100-prozentig" vertraut habe. Auch Wulff sei mit Schmidt befreundet gewesen. Wobei man in diesem Zusammenhang mit dem Begriff "Freund" vorsichtig umgehen darf. Es ist ja gerade das Geschäft, das Manfred Schmidt betreibt, möglichst viele, möglichst einflussreiche Menschen denken zu lassen, sie seien seine Freunde. Es wäre sicher interessant, einen Teil dieses Freundeskreises als Zeugen in einem Gerichtssaal zu treffen.

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