30.06.12

Rüpel-Rapper

Praktikant Bushido sorgt für Trubel im Bundestag

Große Pläne: Der Berliner Rapper will eine Partei gründen und wie "Der Pate" regieren. Dafür nimmt er sogar ein Praktikum im Bundestag in Kauf.

Von Günther Lachmann
Foto: dpa
Rapper Bushido absolviert Praktikum im Bundestag
Im Bundestagsbüro - Computer, Telefon, Handbuch: Bushido bei der Arbeit

Mag Christian Freiherr von Stetten bislang vor allem interessierten Beobachtern des politischen Betriebs in Berlin oder seiner Heimat Baden-Württemberg bekannt gewesen sein, so hat sich dies nach dieser Woche grundlegend geändert. Inzwischen wird er von einer breiten Öffentlichkeit als jener CDU-Abgeordnete identifiziert, der Bushido in den Bundestag holte.

Zwar ist es nicht so, dass es dieser Tage keine anderen Themen gäbe als einen Rapper im Bundestag. Die Europäische Union könnte an der wie ein Krebsgeschwür wuchernden Finanzkrise zugrunde gehen, Gesellschaften drohen zu zerfallen, politische Ordnungen geraten ins Wanken. Aber all das rückt sichtlich in den Hintergrund, als der umstrittene Rapper aus Berlin, der mit bürgerlichem Namen Anis Mohamed Youssef Ferchichi heißt, auf der Besuchertribüne des Bundestags Platz nimmt und der Debatte im Anschluss an die Regierungserklärung der Kanzlerin lauscht. Teenies und Mütter mit hochrotem Kopf bitten um Autogramme, einige lassen Bushido gar auf Geldscheinen unterschreiben. Kaum zu glauben, welchen Sammlerwert die bekommen könnten, wenn der Euro tatsächlich zerbricht!

Fotografen und Kameraleute richten ihre Objektive auf den Mann, der mit ebenso schlüpfrigen wie gewaltverherrlichenden Texten pubertäre Hormonschübe ausgelöst hat und der sich "auf jeden Fall sexuell" mit der Kanzlerin "einlassen" würde, wie er gerade erst in der "FAS" betonte. "Dann könnte ich sagen, ich habe mit der Bundeskanzlerin geschlafen." Außerdem will Bushido eine Partei gründen und regieren wie "Der Pate" in dem gleichnamigen Mafiafilm. Und so einer sitzt jetzt als Gast im Bundestag, weil der Freiherr von Stetten ihn über einen gemeinsamen Freund, der allerdings nicht genannt werden möchte, als Praktikanten in sein Büro geholt hat. Ist das nicht alles wahnsinnig aufregend, wahnsinnig anders, wahnsinnig sexy? Adieu Euro-Krise, es lebe Bushido!

Zusage per SMS

"Ich habe ihm vor wenigen Monaten das Praktikum angeboten, weil Bushido mehrfach angekündigt hatte, dass er in die Kommunalpolitik gehen wolle", sagt der Abgeordnete von Stetten, der für den Wahlkreis Schwäbisch-Hall und Hohenlohe im Bundestag sitzt. Der Rapper habe dann per SMS zugesagt, absolviere aber das "ganz normale Programm", sagt von Stetten. Das heißt, er wird im Büro des Abgeordneten über die Instrumente und Mechanismen des Parlamentarismus aufgeklärt. "Er ist sehr interessiert", sagt von Stetten, was allerdings doch ein bisschen so klingt, als müsse er jemandem mit zwei linken Händen ein anspruchsvolles Handwerk beibringen. Der Freiherr ist übrigens nicht nur von Adel, sondern der Spross einer baden-württembergischen "Politiker-Dynastie", die für ihren Konservatismus bekannt ist.

Doch zurück zu Bushido. Am Dienstagabend dann, auf dem Sommerfest des Parlamentskreises Mittelstand, kann sich nicht einmal Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) dem rauen Charme des Rappers entziehen, der bereits mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt gekommen ist. Die österreichische Justiz warf ihm im August 2005 vor, mit zwei Freunden einen 20 Jahre alten Mann zusammengeschlagen zu haben, weil dieser grundlos die Reifen des von Bushido angemieteten BMW zerstochen haben soll. Zwar konnte der genaue Hergang nicht aufgeklärt werden, doch Bushido übernahm die Verantwortung.

Wegen Beleidigung wurde der heute 33-Jährige gleich mehrfach verurteilt. Zuletzt hatte er im Dezember 2011 in Steglitz einen Mitarbeiter des Ordnungsamts als "Vollidioten" beschimpft, was ihm 19.500 Euro Geldstrafe einbrachte. Bis heute werden ihm Kontakte ins kriminelle Milieu nachgesagt. All das ficht Innenminister Friedrich offenbar nicht an, denn auf dem Fest der Mittelständler legt er freundschaftlich den Arm um den Rapper und lässt sich in ebendieser Pose mit ihm fotografieren.

Tags drauf muss Bundesinnenminister Friedrich sich Vorhaltungen von Rainer Wendt, dem Vorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft, machen lassen, und im Abgeordnetenbüro des Freiherrn von Stetten steht das Telefon nicht mehr still. Jeder möchte ein Interview oder doch wenigstens ein Foto mit Bushido. Nicht einmal die öffentlich-rechtliche ARD mag darauf verzichten und schickt ein Fernsehteam, das mit dem bekannten Rapper durchs Paul-Löbe-Haus zieht, vorbei an Abgeordnetenbüros und Sitzungssälen. So viel Aufmerksamkeit wird an diesem Ort vermutlich nicht einmal der Bundeskanzlerin zuteil.

Was hier geschieht, hat durchaus etwas Surreales. Genau genommen ist es die Banalisierung des Politischen zugunsten der genialen PR-Nummer eines Rappers, der den Fernsehteams Fragen wie diese beantwortet: "Wie lautet Artikel 1 des Grundgesetzes?" und zwischendurch immer wieder mit Besuchergruppen oder dem Servicepersonal posiert. "Ihr wollt ein Foto?", fragt er. Na, dann mal los. Immer freundlich, immer locker, irgendwie authentisch. Wenn sich hier jemand verbiegt, dann die Politik, die, aus welchen Gründen auch immer, dieses Treiben im Bundestag inmitten einer Krise historischen Ausmaßes überhaupt erst ermöglicht. Einigen Abgeordneten ist das Unbehagen über den Rummel allerdings deutlich anzusehen. "Tut mir leid, dass ich hier arbeiten muss", sagt einer schroff und schiebt die Journalisten gar nicht zimperlich beiseite.

"Das ist doch mein Job"

"Wir überlegen schon, ob wir Bushido in ein anderes Büro setzen, damit er in Ruhe arbeiten kann", sagt von Stetten. Er glaubt, sich erklären zu müssen. "So hatten wir uns das natürlich nicht gedacht", versichert er. Und: "Damit konnte doch keiner rechnen." Wirklich? Bushido selbst sieht es anders. "War doch klar, dass ich nicht unerkannt in den Bundestag gehen kann", sagt er. Die Frage, ob ihn der ganze Trubel nerve, findet er geradezu komisch. "Das ist doch mein Job, das mit den Medien. Davon lebe ich", sagt er und macht sich Punkt 16 Uhr auf den Weg in den Feierabend, um endlich seinen Führerschein abzuholen. Den hatte ihm die Polizei vor zehn Monaten wegen zu schnellen Fahrens abgenommen. "Hey Bushido", ruft ihm ein Mädchen aus einer draußen vor dem Paul-Löbe-Haus wartenden Besuchergruppe zu. Er winkt ihr kurz zurück, und dann ist er bereits um die Ecke. Für heute ist die Show zu Ende.

Hier geht's zum Weblog von Günther Lachmann

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