31.05.12

Neue Gedichte

Günter Grass – Was gesägt werden muss

Erst Israel, dann Griechenland – worüber schreibt der Literaturnobelpreisträger als nächstes? Vier neue Gedichte von Günter Grass, frei erfunden von "Berliner Morgenpost"-Kolumnist Hans Zippert .

Foto: dpa
Günter Grass
Ich bin die Pfeife mit dem Mann. Denn die Pfeife, sie gehet stets voran, es tanzt ihr nur hinterher der Mann, der Mann, der ich bin, der Hüter der Glut in pfeifenrauchender Gluthüterwut

Günter Grass ist bekannt dafür, sich einzumischen. Seine aktuellen Gedichte sorgen für permanenten Aufruhr in Deutschland. Millionen Menschen lesen die ungelenken Zeilen und empören sich spontan am Küchentisch.

Andere gehen sofort auf die Straße. Zu Rewe oder zum Tengelmann, weil ihnen noch Milch und Tomatenmark fehlen. Günter Grass hat stets sein bestes gegeben, sei es für die SS oder SZ.

Natürlich will auch "Berliner Morgenpost" da nicht abseits stehen und hat den großen, möglicherweise größten, bestimmt aber zweitgrößten deutschen Dichter deutscher Zunge um neuerliche Einmischungen gebeten.

Semper saudumm quaerens

Stets wolltest du von mir gepackt sein

und oft hab ich nach dir gegriffen,

du Eisen, du heißes und schmiedebereites,

wenn das Telefon schrillte, das alte

aus ehrlichem Bakelit schwärzlicher Färbung.

"Erreg dich", so schrie' s aus des Hörers dunklem Schlund

gleich dem Orakel aus felsiger Spalte.

Ich knipste die Pfeife an und zog mir den Schnauzbart,

den schwarzen über, auf dass sich der Asche Reste dort sammeln

können, auf ihrem Weg zu meinem Haupt,

denn Asche will streuen ich auf mich

und Asche will machen ich reichlich,

das ist mir Kairos oder Hekuba, doch Halt! Worauf

will ich, der ich das hier schreibe, mit letzter,

wenn nicht gar hinterletzter

Tinte, der schwarzen, die aus mir herausströmt,

denn bloß hinaus?

Wo ist denn die Wunde, die rote, in die

den gichtigen Finger begierig zu legen ich bin?

So steh ich sinnend am Rande des Abgrunds

an der trittreichen Treppe, die hinabführt

zur schwärzesten Schwärze des Hades,

den der Volksmund als Keller bezeichnet.

Im Scheine der Glut meiner Pfeife, da schau ich

und sehe sie stehen dort unten in Reih und in Glied.

Einer neben dem anderen, säuberlich aufgereiht,

die Säcke gefüllt mit dem Reis.

Sie stehen dort und drohen doch ständig zu fallen

die Säcke gefüllt mit dem köstlichen Reis.

Und ich hab sie stets im Auge, dem scharfen

Und fällt einer um, dann schreib ich es auf,

damit die Welt die Wahrheit erfährt.

Denn eins ist gewiss, so sicher wie selten

auf dem Boden, dem deutschen soll niemals wieder

ein Sack Reis umfallen,

ohne dass ich dabei bin.

Zerbricht Schweini?

Dem Chaos nah, dort im fernen Tourette

So stolpert dahin die elitene Truppe.

Das Herz dieser Mannschaft es bröselt.

Und wir fragen uns bänglich und zagend:

Zerbricht Schweini an diesem Schuss?

Ja, was soll nur werden aus unseren Jungs

Wenn der Schweini zerbrochen am Boden liegt

Nur weil er verschoss den entscheidenden Elfer

Gegen den kappentragenden Cech?

Wie nur, beim Zeus und beim Herbergersepp,

konnte geschehen dieser Frevel?

Der Schweini zerbricht und wir schauen zu,

der Schweini zerbricht und es hilft ihm kein Gott,

kein Bierhoff, kein Löw und kein Hansi Flink.

Da hilft auch kein Neuer und kein Philipp Lahm

der dem brechenden Schweini das Brechen verbietet

in seiner Eigenschaft als Kapitän

einer Truppe des Schweinis beraubt

elf schweinilose Freunde, müsst ihr nicht sein

mit brechendem Schweini wird selbst der Däne

zur unüberwindlichen Macht

und erst der Käskopp, den zu besiegen

wir mit zerbrochenem Schweini noch nicht

mal zu denken wagen sollten

Da braucht's einen Gips aus Beton oder Erz,

der den brechenden Schweini neu richtet

oder ist es doch wahr, was der Dichter uns kündet,

der Drafi, der Deutscher, der so zu uns spricht:

Marmor, Stein und Eisen bricht

Aber unser Schweini nicht.

Was gesägt werden muss

Der Haufen Holz, den mir

der Förster gestern

blacky*

vor die Tür gekippt.

*umgangssprachlich für: unter Umgehung der Mehrwertsteuerpflicht – könnte aber auch eine Anspielung auf den schwarzen Bart und die schwarze Pfeife des Dichters sein. Hier sind künftige Deutschleistungskurse gefragt.

Ich stand auf meines Daches Zinnen

Kaum legt sich der Staub, der eben noch flog

Aufgewirbelt von donnernden Hufen

der armen Sau, die man eben noch schreiend

durchs Dorf trieb und zwar mittendurch,

da zeigt sich am Horizont schon die nächste

Staubwolke, ankündigend die neue,

wohl noch ärmere Sau.

Ich geh näher ans Fenster und seh sie mir an

Da steht doch tatsächlich Betreuungsgeld drauf.

Hmmh…

Betreuungsgeld kriegt der Wärter im Zoo,

der dem Nashorn die Treue hält in der Nacht

und auch das Okapi, das flinkscheue Wesen

bewacht, damit ihm nicht Diebe stehlen die Eier

auf denen es nun schon vier Jahre sitzt,

bis das aus ihnen Okapiküken schlüpfen.

Auch wer dem Greis in den Rollator hilft

Und das Seniorenhandy programmiert,

der Essen ihm auf Rädern bringt, der hat

Betreuungsgeld verdient in jeder Höhe.

Doch unsere Vertreter des Volkes,

denen wir nur die Macht geliehen,

weil das in einer parlamentarischen Demokratie nicht anders geht,

die sollten und darauf habt ihr mein Wort

Veruntreuungsgeld bekommen.

Epilog

Man kennt mich als Mann mit der Pfeife fürwahr

und doch wird mir klarer mit jedem Jahr

ich seh es mit anderen Augen an:

Ich bin die Pfeife mit dem Mann.

Denn die Pfeife, sie gehet stets voran,

es tanzt ihr nur hinterher der Mann,

der Mann, der ich bin, der Hüter der Glut

in pfeifenrauchender Gluthüterwut

Den Epilog hat uns Günter Grass freundlicherweise als Bonusempörung kostenlos zur Verfügung gestellt.

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Zur Person: Hans Zippert
  • Biographie

    Hans ZippertHans Zippert lebt als freischaffender Autor bei Frankfurt am Main. Seit 1999 schreibt er für "Die Welt" die Seite 1 Kolumne "Zippert zappt", für die er 2007 den Henri-Nannen Preis erhielt. Von 1990 bis 1995 war Zippert Chefredakteur beim Satiremagazin "Titanic", danach für das FAZ-Magazin tätig.

  • Publikationen

    1999 erschien mit "Ein Bier geht um die Welt. Der illustrierte Kinderbuchklassiker" Hans Zipperts erstes Buch. 2009 wurde unter dem Titel "Was macht dieser Zippert eigentlich den ganzen Tag? Aus dem Leben eines bekennenden Kolumnisten" eine Sammlung seiner Kolumnen bei der "Welt" verlegt. Zuletzt erschienen "Deutschland retten. Fit für die nächste Krise" und "Warum Regenwürmer nicht zuhören und Eichhörnchen schlecht einparken: Zipperts Tierleben".

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