Neue Gedichte
Günter Grass – Was gesägt werden muss
Erst Israel, dann Griechenland – worüber schreibt der Literaturnobelpreisträger als nächstes? Vier neue Gedichte von Günter Grass, frei erfunden von "Berliner Morgenpost"-Kolumnist Hans Zippert .
Günter Grass ist bekannt dafür, sich einzumischen. Seine aktuellen Gedichte sorgen für permanenten Aufruhr in Deutschland. Millionen Menschen lesen die ungelenken Zeilen und empören sich spontan am Küchentisch.
Andere gehen sofort auf die Straße. Zu Rewe oder zum Tengelmann, weil ihnen noch Milch und Tomatenmark fehlen. Günter Grass hat stets sein bestes gegeben, sei es für die SS oder SZ.
Natürlich will auch "Berliner Morgenpost" da nicht abseits stehen und hat den großen, möglicherweise größten, bestimmt aber zweitgrößten deutschen Dichter deutscher Zunge um neuerliche Einmischungen gebeten.
Semper saudumm quaerens
Stets wolltest du von mir gepackt sein
und oft hab ich nach dir gegriffen,
du Eisen, du heißes und schmiedebereites,
wenn das Telefon schrillte, das alte
aus ehrlichem Bakelit schwärzlicher Färbung.
"Erreg dich", so schrie' s aus des Hörers dunklem Schlund
gleich dem Orakel aus felsiger Spalte.
Ich knipste die Pfeife an und zog mir den Schnauzbart,
den schwarzen über, auf dass sich der Asche Reste dort sammeln
können, auf ihrem Weg zu meinem Haupt,
denn Asche will streuen ich auf mich
und Asche will machen ich reichlich,
das ist mir Kairos oder Hekuba, doch Halt! Worauf
will ich, der ich das hier schreibe, mit letzter,
wenn nicht gar hinterletzter
Tinte, der schwarzen, die aus mir herausströmt,
denn bloß hinaus?
Wo ist denn die Wunde, die rote, in die
den gichtigen Finger begierig zu legen ich bin?
So steh ich sinnend am Rande des Abgrunds
an der trittreichen Treppe, die hinabführt
zur schwärzesten Schwärze des Hades,
den der Volksmund als Keller bezeichnet.
Im Scheine der Glut meiner Pfeife, da schau ich
und sehe sie stehen dort unten in Reih und in Glied.
Einer neben dem anderen, säuberlich aufgereiht,
die Säcke gefüllt mit dem Reis.
Sie stehen dort und drohen doch ständig zu fallen
die Säcke gefüllt mit dem köstlichen Reis.
Und ich hab sie stets im Auge, dem scharfen
Und fällt einer um, dann schreib ich es auf,
damit die Welt die Wahrheit erfährt.
Denn eins ist gewiss, so sicher wie selten
auf dem Boden, dem deutschen soll niemals wieder
ein Sack Reis umfallen,
ohne dass ich dabei bin.
Zerbricht Schweini?
Dem Chaos nah, dort im fernen Tourette
So stolpert dahin die elitene Truppe.
Das Herz dieser Mannschaft es bröselt.
Und wir fragen uns bänglich und zagend:
Zerbricht Schweini an diesem Schuss?
Ja, was soll nur werden aus unseren Jungs
Wenn der Schweini zerbrochen am Boden liegt
Nur weil er verschoss den entscheidenden Elfer
Gegen den kappentragenden Cech?
Wie nur, beim Zeus und beim Herbergersepp,
konnte geschehen dieser Frevel?
Der Schweini zerbricht und wir schauen zu,
der Schweini zerbricht und es hilft ihm kein Gott,
kein Bierhoff, kein Löw und kein Hansi Flink.
Da hilft auch kein Neuer und kein Philipp Lahm
der dem brechenden Schweini das Brechen verbietet
in seiner Eigenschaft als Kapitän
einer Truppe des Schweinis beraubt
elf schweinilose Freunde, müsst ihr nicht sein
mit brechendem Schweini wird selbst der Däne
zur unüberwindlichen Macht
und erst der Käskopp, den zu besiegen
wir mit zerbrochenem Schweini noch nicht
mal zu denken wagen sollten
Da braucht's einen Gips aus Beton oder Erz,
der den brechenden Schweini neu richtet
oder ist es doch wahr, was der Dichter uns kündet,
der Drafi, der Deutscher, der so zu uns spricht:
Marmor, Stein und Eisen bricht
Aber unser Schweini nicht.
Was gesägt werden muss
Der Haufen Holz, den mir
der Förster gestern
blacky*
vor die Tür gekippt.
*umgangssprachlich für: unter Umgehung der Mehrwertsteuerpflicht – könnte aber auch eine Anspielung auf den schwarzen Bart und die schwarze Pfeife des Dichters sein. Hier sind künftige Deutschleistungskurse gefragt.
Ich stand auf meines Daches Zinnen
Kaum legt sich der Staub, der eben noch flog
Aufgewirbelt von donnernden Hufen
der armen Sau, die man eben noch schreiend
durchs Dorf trieb und zwar mittendurch,
da zeigt sich am Horizont schon die nächste
Staubwolke, ankündigend die neue,
wohl noch ärmere Sau.
Ich geh näher ans Fenster und seh sie mir an
Da steht doch tatsächlich Betreuungsgeld drauf.
Hmmh…
Betreuungsgeld kriegt der Wärter im Zoo,
der dem Nashorn die Treue hält in der Nacht
und auch das Okapi, das flinkscheue Wesen
bewacht, damit ihm nicht Diebe stehlen die Eier
auf denen es nun schon vier Jahre sitzt,
bis das aus ihnen Okapiküken schlüpfen.
Auch wer dem Greis in den Rollator hilft
Und das Seniorenhandy programmiert,
der Essen ihm auf Rädern bringt, der hat
Betreuungsgeld verdient in jeder Höhe.
Doch unsere Vertreter des Volkes,
denen wir nur die Macht geliehen,
weil das in einer parlamentarischen Demokratie nicht anders geht,
die sollten und darauf habt ihr mein Wort
Veruntreuungsgeld bekommen.
Epilog
Man kennt mich als Mann mit der Pfeife fürwahr
und doch wird mir klarer mit jedem Jahr
ich seh es mit anderen Augen an:
Ich bin die Pfeife mit dem Mann.
Denn die Pfeife, sie gehet stets voran,
es tanzt ihr nur hinterher der Mann,
der Mann, der ich bin, der Hüter der Glut
in pfeifenrauchender Gluthüterwut
Den Epilog hat uns Günter Grass freundlicherweise als Bonusempörung kostenlos zur Verfügung gestellt.







Hans Zippert lebt als freischaffender Autor bei Frankfurt am Main. Seit 1999 schreibt er für "Die Welt" die Seite 1 Kolumne "Zippert zappt", für die er 2007 den Henri-Nannen Preis erhielt. Von 1990 bis 1995 war Zippert Chefredakteur beim Satiremagazin "Titanic", danach für das FAZ-Magazin tätig.







