01.03.2012, 17:32

Künftiger Bundespräsident In Polen spricht Bürger Gauck schon über "später"

Joachim Gauck in Lodz

Foto: dpa / dpa/DPA

Von Gerhard Gnauck

Seine mutmaßlich letzte Rede vor der Wahl zum Bundespräsidenten: Joachim Gauck sprach in Polen vor Studenten, auch über einen Missgriff Lech Walesas.

"Mensch, ich hab' jetzt doch noch über später gesprochen", sagt Joachim Gauck und gibt sich erschrocken. Nach einer Pause fügt er hinzu: "Wollte ich nich."

Später, damit meint er die Zeit des Bundespräsidenten. Aber heute, in Lodz im Herzen Polens, ist nach eigener Auskunft der "Bürger Gauck" zu Besuch, der außer seiner Bürgerschaft nur ein Amt innehat: Er ist Vorsitzender des Vereins "Gegen Vergessen – für Demokratie".

Joachim Gauck, der Bürger aus Deutschland, in jener Stadt, die einem deutschen Schlager zufolge "Lodsch" heißt: Eigentlich sollte sein Vortrag schon im Oktober stattfinden. Doch der deutsche Nebel, die Witterung über dem Flughafen, hinderte ihn damals daran.

Umso größer die Freude, dass "Dr. Gauck", wie er hier wegen seiner Ehrendoktorwürden angeredet wird, auch nach seiner Nominierung diesen Weg genommen hat.

Vorfreude auf das nächste Treffen – "später"

Er betritt die "Rote Aula" bei den Juristen, den gut gefüllten Hörsaal in einem neuen Gebäude, das im Grundriss dem Zeichen des Paragrafen nachgebildet ist. Bodyguards aus Deutschland begleiten ihn und sichern die Eingänge des Saals.

Alte Bekannte schütteln Hände und winken. Gauck umarmt einen früheren Kollegen, Staatsanwalt Witold Kulesza, der, verkürzt gesagt, in Polens Gauck-Behörde einer der wichtigsten Nazi- und Kommunistenjäger war. Und der Warschauer Staatssekretär Wladyslaw Bartoszewski freut sich bereits auf das nächste Treffen – "später", wenn sich die Staatsoberhäupter beider Länder begegnen werden, möglichst bald.

Dann spricht der Bürger Gauck. Über Befreiung (1989) und Freiheit (heute), über Angst, Bezogenheit und Partizipation. Aber zunächst einmal über diese polnische Großstadt, die er kennt aus der Literatur: Dank Jurek Becker und Karl Dedecius. "Ich war nie in Lodz. Doch Lodz ist in mir." Und ein Bekenntnis: "Ich kam spät nach Polen."

Als junger Pastor leitete er Gruppen der "Jungen Gemeinde", die Zeltlager machten – aber in der Tschechoslowakei oder am ungarischen Plattensee.

Bulgarien und "das große Russenreich", erinnert er sich auf Nachfrage, das habe er damals nicht bereist. Polen? In den Achtzigerjahren wegen konterrevolutionärer Ansteckungsgefahr für DDR-Bürger nur erschwert zu besuchen.

Zwiespältige Gefühle

Aber dann, 1989, ging es für ihn richtig los, und seine Polenreisen seien für ihn immer auch Pilgerreisen gewesen. Und Erkenntnisreisen: Wenn Polen schon früh von der deutschen Einheit sprachen, "haben wir sie angeschaut, als ob sie von einem anderen Stern kämen".

Dieser Punkt war bald abgehakt. Aber irgendwie hat das Nachbarland bei ihm, er sagt es mehrfach, auch zwiespältige Gefühle ausgelöst: Die bedingungslose Liebe der Polen zur Freiheit, selbst um den Preis des eigenen Lebens, "sie fasziniert mich. Aber sie macht mir auch Angst."

Der Warschauer Aufstand etwa. Dennoch: "Und setzet ihr nicht euer Leben ein, nie wird euch das Leben gegeben sein" – Gauck zitiert Schiller, nicht ganz wortgetreu, das heißt: aus tiefer Erinnerung. "Davon wird die polnische Nation in Europa am längsten Zeugnis ablegen."

In den Neunzigerjahren war Gauck, er weiß es, in Polen Stein heftigen Anstoßes. Damals, als er mit der Journalistin Helga Hirsch liiert war, war er öfters hier im Land.

Stasi-Akten öffnen oder verbrennen?

Stasi-Akten öffnen? Um den Preis, die Autoritäten von heute zu gefährden? Irgendwann kommentierte er, eine polnische Zeitung druckte es dieser Tage nach, auch den Lebenslauf des Arbeiterführers Lech Walesa.

Dass dieser als junger Arbeiter unter Druck der polnischen Staatssicherheit ein paar Papiere unterschrieben habe: "bedauerlich, aber verständlich". Dass er offenbar, wie in Polen vielfach behauptet, in "späterer" Zeit versucht habe, diese Papiere beiseite zu schaffen: "unverzeihlich", wenn es denn so gewesen sein sollte. Aber all das werde die Verdienste des Rebellen von Danzig, die zum Jahr 1989 führten, nicht schmälern.

Bürger Gauck heute erinnert sich an die Debatten der Neunzigerjahre in halb Europa: Stasi-Akten öffnen oder verbrennen? Polens Regierungschef Mazowiecki hat damals den "Schlussstrich" verkündet. Manche Anhänger der Solidarnosc-Bewegung fürchteten, der Bürgerfrieden werde gefährdet, wenn die Archive geöffnet würden. Da wurde Gauck in Polen gerne kritisiert.

Schon einmal ein Schlussstrich

"Ja, diese Grundentscheidung hat uns auseinander gebracht", erinnert sich der erste Direktor und Namensgeber der Gauck-Behörde.

"Wir Deutschen konnten mit dem Schlussstrich nicht so viel anfangen." Denn Deutschland habe in den Fünfzigern schon einmal einen Schlussstrich gezogen. Ein fauler Frieden zog damals ein im Land.

Aber was wird "später" sein? Der Gast lässt sich etwas entlocken über das heutige Deutschland. Über die Piratenpartei zum Beispiel, deren "Inhalte ich nicht so richtig erkennen kann". Aber beachtlich sei ihre Haltung, ihr Anspruch, mitzumachen.

"Da werde ich mich sicher stark drum kümmern". Er schließt mit einem Appell: Wer dem "doktrinär verordneten Zeitgeist" widerstanden habe – eine Verneigung vor den polnischen Gastgebern –, der werde auch dem "modischen Zeitgeist" widerstehen können.

Zum Abschluss ein Besuch in der neuen Gedenkstätte am Rand des früheren Gettos, im "Park der Geretteten". Auf Wänden, die einen Davidstern andeuten, sind die Namen tausender Polen eingraviert, die im Zweiten Weltkrieg Juden gerettet haben.

Ja, sagt Gauck, die "unglaubliche" Geschichte eines von ihnen, des legendären Lodzer Bürgers Jan Karski, die kenne er. Und es gebe daraus eine Lehre: "Auch in den schlimmsten Zeiten gab es Menschen, die es riskiert haben, Mensch zu bleiben." Gauck, der Bürger aus Deutschland, hat einen quasi-Staatsbesuch absolviert.

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