Nach Wutausbruch

Joschka Fischer zeigt Verständnis für Pofalla

In der Union sorgte die verbale Entgleisung von Kanzleramtschef Ronald Pofalla gegenüber seinem Parteikollegen Wolfgang Bosbach für dicke Luft. Jetzt bekommt Pofalla von unerwarteter Seite Schützenhilfe: Ex-Außenminister Joschka Fischer (Grüne) verteidigt den Wutausbruch.

Foto: dpa / dpa/DPA

Der ehemalige Außenminister Joschka Fischer (Grüne) hat das Verhalten von Kanzleramtschef Ronald Pofalla (CDU) verteigt: "Mir ist ein deftiges Wort des Zorns immer lieber als eine scheinbar freundlich vorgetragene süßsaure Hinterhältigkeit", sagte er der "Leipziger Volkszeitung".

Wenige Tage vor der Bundestagsabstimmung über den Euro-Rettungsschirm EFSF hatte Pofalla seinen Fraktionskollegen Bosbach wüst beschimpft. Dabei sollen Äußerungen gefallen sein wie: "Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen" und mit seiner "Scheiße" mache Bosbach alle Leute verrückt. Der Wutausbruch soll sich am Rande der Sitzung der nordrhein-westfälischen CDU-Landesgruppe zugetragen haben. Bosbach gehört zu den zehn Unions-Abgeordneten, die in der vergangenen Woche im Bundestag nicht für die Erweiterung des Euro-Rettungsschirms EFSF votiert haben.

Nach massiver Kritik an seinem Verbalangriff auf den Parteikollegen Wolfgang Bosbach entschuldigte sich Pofalla am Dienstag öffentlich. "Ich ärgere mich selbst sehr über das, was vorgefallen ist, und es tut mir außerordentlich leid", sagte Pofalla der "Bild"-Zeitung. Indessen bezweifelten andere Politiker weiterhin Pofallas Eignung für das Amt des Kanzleramtschefs.

Bosbach und er hätten sich einen Tag nach dem Vorfall am Montagabend der vergangenen Woche ausgesprochen, sagte Pofalla der "Bild". Bosbach sagte dem Kölner "Express" vom Montag, nach einer Entschuldigung Pofallas sei die Sache für ihn erledigt. Gleichwohl stelle sich für ihn nun die Frage, "wie gehen wir in den nächsten Monaten miteinander um". Er müsse zudem für sich entscheiden, ob er 2013 erneut für den Bundestag kandidieren wolle. "Ich will ja auch nicht immer wieder in die Situation 'Einer gegen alle' geraten", sagte er dem Blatt.

Gegenüber der Illustrieren "Bunte" verteidigte er seine ablehnende Haltung beim EFSF-Krisenfonds. "Meine Meinung ist nicht exotisch, sondern volksnah", sagte Bosbach. Zwar garantiere die Gewissensfreiheit den Abgeordneten Unabhängigkeit, doch "wenn man sich darauf beruft, kann es ungemütlich werden."

SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles warf Pofalla vor, seinem Amt nicht gewachsen zu sein. Pofalla sei "offenbar nicht in der Lage, seinen Job angemessen auszuüben", sagte Nahles der "Welt" vom Dienstag. "Als Kanzleramtsminister muss er als Makler und Vermittler der Bundeskanzlerin überzeugen. Die beschriebenen Pöbeleien und Beleidigungen verbieten sich in einem solchen Amt."

Der frühere Wirtschaftsminister von Schleswig-Holstein, Werner Marnette (CDU) warf Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vor, mitschuld an Pofallas Äußerungen zu sein. Sie habe die Abgeordneten einem hohen politischen Druck ausgesetzt. "Auch Kettenhunde, ausgestattet mit der Macht eines Regierungsamtes, wurden losgelassen", sagte er mit Blick auf den Kanzleramtschef.

Bosbach lehnte die Ausweitung des EFSF entgegen der Linie von Regierung und Fraktionsführung ab – ebenso wie auch einige andere Abgeordnete von Union und FDP. Bosbach hatte bereits Ende vergangener Woche gesagt, die Sache sei nach einer Aussprache zwischen ihm und Pofalla "erledigt". "Ich muss ihm zugutehalten, dass er sich am nächsten Tag bei mir entschuldigt hat – wir haben uns zu einem Gespräch verabredet", sagte Pofalla dem "Express" vom Montag. Der Berliner "Tagesspiegel" berichtete unter Berufung auf Unionskreise, Pofalla habe Bosbach eine SMS geschickt. In der "Bild am Sonntag" war zudem von einem Telefonat der beiden Politiker die Rede.

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