Bundespolitik im Alltag
Jeder Vierte im Bezirk ist über 65 Jahre alt
Die Angebote für Senioren sind in Treptow-Köpenick besonders gefragt. Dort ist mittlerweile jeder vierte Bürger über 65 Jahre alt - nur in Steglitz-Zehlendorf sind es unwesentlich mehr. Der Südosten Berlins erfüllt heute schon die Prognose für die bundesdeutsche Altersstruktur 2020.
Von Jennifer Lange
Er war verzweifelt. Nach dem Tod seiner Frau sah der 60-jährige Witwer keinen Sinn mehr in seinem Leben. Eine Freundin nahm ihn mit zum Tanzen in die Seniorenfreizeitstätte in der Nachbarschaft. Zuerst saß er nur in der Ecke.
Doch dann stellte ihm seine Freundin eine Frau vor - mit ihr ist er heute glücklich verheiratet. "Die beiden kommen oft zu mir und sagen - nur dir haben wir unser Glück zu verdanken", sagt Ilse Henicke. Die 74-Jährige arbeitet seit 20 Jahren ehrenamtlich in der Seniorenfreizeitstätte "Haus der Begegnung" an der Wendenschloßstraße.
Die meisten Senioren kommen mehrmals pro Woche. "Ich würde verrückt werden, wenn ich immer alleine zu Hause rumsitzen würde", sagt die 72-jährige Helga Schröder. Die Angebote für Senioren sind in Treptow-Köpenick besonders gefragt. Dort ist mittlerweile jeder vierte Bürger (25,3 %) über 65 Jahre alt - nur in Steglitz-Zehlendorf sind es unwesentlich mehr (25,4 %). Der Südosten Berlins erfüllt heute schon die Prognose für die bundesdeutsche Altersstruktur 2020.
Ein-Euro-Jobber sorgen für Alte
Die Bundesparteien umwerben die 20 Millionen deutschen Rentner. Die CDU verspricht den Senioren die Mindestrente, und die SPD wirbt mit der Altersteilzeit und Beschäftigungsprogrammen für ältere Arbeitnehmer. Kurz vor der Sommerpause verabschiedete die große Koalition noch schnell eine Rentengarantie. Die Rücknahme der Rente mit 67 ist ein Wahlkampfthema. Die demografische Entwicklung ist in Treptow-Köpenick augenfällig. In der Straßenbahn sind an einem zufällig ausgewählten frühen Nachmittag bis auf eine Mutter mit ihrem Baby und drei Schüler alle Fahrgäste um die 60 Jahre alt. Eine Seniorin war bei einem Bekannten, der im Krankenhaus liegt. Sie hat seine Wohnung aufgeräumt, sich um den Garten gekümmert. "Es ist doch selbstverständlich, dass man sich gegenseitig beisteht", sagt sie.
Diese Nachbarschaftshilfe versteht sich jedoch nicht immer von selbst. Auch hat nicht jeder alte Mensch seine Familie in der Nähe. In solchen Fällen springen die "Heinzelmännchen" ein. Der Trägerverein "Praxis-Nah" vermittelt Ein-Euro-Jobber und ABM-Kräfte an die Senioren. Die Heinzelmännchen übernehmen Einkäufe, mähen den Rasen, schieben den Rollstuhl, schlagen einen Nagel in die Wand oder sind einfach für ein Gespräch da. "Unser Ziel ist, dass die Senioren möglichst lange zu Hause wohnen können", erklärt Mitarbeiter Rainer Sziborra.
Geld für ein Pflegeheim ist nicht da
Viele können sich einen Umzug in ein Pflegeheim nicht leisten. Wenn ein Rentner kein Geld hat und keine Familie, die ihn betreuen kann, springt die Sozialhilfe mit Bundesmitteln ein. "Die Senioren brauchen sich nicht zu schämen, wenn sie die Leistung entgegennehmen. Sie haben ein Recht darauf", sagt Herta Kuhrig (79), Vorsitzende der Seniorenvertretung in Treptow-Köpenick. Es könne nicht sein, dass die Gesellschaft die Senioren für Sozialschmarotzer halte, nur, weil sie noch lebten. Außerdem kann die Vorsitzende der Seniorenvertretung die Angst der Älteren vor Heimen nicht verstehen. Diese würden oft schlechtgeredet.
In Deutschland suchen Senioren jedoch zunehmend nach Alternativen zum Altenheim. Viele lassen sich auf die Warteliste für ein Zentrum für betreutes Wohnen setzen. Doch dort müsse man lange auf ein freies Apartment warten, sagt Ilse Henicke (74). "Wenn du auf die 80 zugehst, können ein bis zwei Jahre zu lange sein." Die Wohnungsbaugenossenschaft würde ihrer Freundin Helga Schröder im Erdgeschoss ihres Wohnhauses zwar Türschwellen entfernen und das Badezimmer rollstuhlgerecht ausbauen. Aber für die kleine Wohnung im Erdgeschoss würde die Seniorin wesentlich mehr zahlen als für ihre jetzige Dreizimmer-Wohnung. Ilse Henicke geht es ähnlich. "Ich quäle mich mehrmals am Tag die drei Treppen zu meiner Wohnung hoch", erzählt die pensionierte Bauingenieurin. Aber die kleinere Wohnung im Erdgeschoss könnte sie von ihrer Rente nicht bezahlen.
Verschämte Armut
Für Seniorenvertreterin Herta Kuhrig hat daher die Rentengarantie der Bundesregierung Priorität. Auch müsse das Renteneintrittsalter wieder auf 65 Jahre gesenkt werden, da viele Ältere schon vorher keine Arbeit mehr fänden. Grundsicherung würden nur die wenigsten beantragen. "Wir sind es nicht gewohnt, uns einfach was vom Staat zu nehmen. Daher gibt es bei vielen eine verschämte Armut", sagt Helga Schröder aus der Seniorenfreizeitstätte. Im Jahr 2007 haben in Treptow-Köpenick 2109 Senioren die Grundsicherung beantragt - das seien neun Empfänger auf 1000 Einwohner, sagt Sozialstadträtin Ines Feierabend.
Von Mehr-Generationen-Häusern, die in der Politik oft als Modell gelobt werden, halten einige Senioren in der Freizeitstätte Wendenschloßstraße nicht viel. "Die Kinder schreien durchs ganze Treppenhaus, schmeißen die Türen zu und nehmen einfach keine Rücksicht auf uns Ältere", erzählt die Ehrenamtliche Helga Schröder. Ihre Freundin Ursula Kroll (76) sieht das ganz anders. Sie freue sich über jeden Kinderwagen in der Straße.
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