Bundespolitik im Alltag
Warum Steglitz-Zehlendorf ein Ärztemangel droht
Wolfgang Kreischer ist ein gefragter Allgemeinmediziner. Doch viele ältere Patienten kann sich der Hausarzt eigentlich gar nicht leisten
Von Joachim Fahrun
Doktor Wolfgang Kreischer ist eine Ausnahme. Noch am Freitagabend um sechs warten in seiner Praxis an der Clayallee Patienten darauf, den Facharzt für Allgemeinmedizin zu sehen.
Kreischers Diagnosen und Therapien sind seit Jahren gefragt in Zehlendorf. Und dennoch fühlt sich dieser Hausarzt als Verlierer einer Gesundheitspolitik, die seit Jahren durch neue Honorarsysteme, Gesundheitsfonds und Kassenfusionen die Bürger mehr verwirrt als aufklärt. Kreischers Meinung ist klar: "Das System fährt gegen die Wand, aber es wird in der Politik nur weiter gewurstelt."
Die normale Versorgung der Bevölkerung sei auf diese Weise nicht mehr lange zu gewährleisten: Überregulierung einerseits, ungleiche Bezahlung und zu viele Freiheiten für Patienten und Fachärzte, sich die "Rosinen herauszupicken", gleichzeitig aber Rationierung von ärztlichen Leistungen und Medikamenten.
Hoher Altersdurchschnitt
Dabei ist das Gesundheitswesen in Steglitz-Zehlendorf einzigartig ausgebaut. 737 Ärzte sind niedergelassen, hinzu kommen 395 Zahnärzte. "Wir haben hier, und das ist atypisch für Berlin, keinen Fachärztemangel", sagt Berlins Gesundheitsstaatssekretär Benjamin Hoff. Im Bezirk findet sich die wohl größte Ballung von Krankenhäusern und Klinikbetten in Deutschland. Einige richten sich nur an Privatversicherte oder Selbstzahler, von denen es im gut situierten Berliner Südwesten mehr gibt als in anderen Stadtteilen.
Die Steglitz-Zehlendorfer sind allerdings auch stärker auf Gesundheits-Dienstleistungen angewiesen, denn mit durchschnittlich 45 Jahren gehören sie zu den ältesten Bürgern der Stadt. Von diesen Älteren finden sich viele regelmäßig in Dr.Kreischers Wartezimmer ein. Das ist Teil des Problems. Denn der Hausarzt bekommt pro Quartal und Patient nur 35 Euro. Was bei gesunden Menschen, die nur einmal im halben Jahr mit einer Grippe kommen, reichen würde, ist bei Patienten mit drei oder vier Krankheiten ein Zuschussgeschäft für den Arzt. Hinzu kommt, dass die Fachärzte zwar die großen, lukrativen Untersuchungen durchführen, aber im Alltag kaum Termine vergeben. "Wenn etwas Akutes passiert, sitzen die Leute wieder bei mir", klagt der Allgemeinmediziner.
Er erzählt von einem Patienten, der sich dreimal die Woche in einem privaten Krankenhaus eine Wunde am Bein versorgen lässt. 87 Euro überweist die Kasse dafür jedes Mal. Er selbst würde für dieselbe Leistung 35Euro pro Quartal erhalten, darum schickt er den Mann gerne weg – auch wenn das Kosten für das Gesundheitswesen verursache.
Derzeit sieht der Allgemeinmediziner seine Lage sogar als "ruinös" an. Nach dem neuen Vertragsärzteänderungsgesetz und Strukturveränderungen in seiner Praxis erhält er als Honorar-Abschlagzahlung nur noch 6000 Euro pro Monat. Vorher waren es 24000. Seine große Praxis wurde runtergestuft auf den Berliner Durchschnitt. Keine Rücksicht nahm die Gesundheitsbürokratie darauf, wie viele Patienten er behandelt oder dass Kreischer eine Kollegin angestellt hat. Sein Antrag auf Anpassung des Abschlags liegt bei der Kassenärztlichen Vereinigung. Das dauert.
Sein persönliches Schicksal ist für Kreischer nur ein Beispiel für die bisweilen groteske Überregulierung des Gesundheitswesens. Das System sei geprägt von Misstrauen und Kontrolle. Die Krankenkassen drängten häufig auch auf Regress für 17 Euro, wenn ein Arzt vor Jahren ein zu teures Medikament verordnet habe.
Wenn die Gesundheitsministerin davon spricht, dass der Hausarzt als Lotse durch das Gesundheitswesen fungieren sollte, hält Kreischer das für eine Worthülse. "Wir haben in Deutschland die falschen Patienten zur falschen Zeit beim falschen Arzt", benennt er das Grundübel.
Freie Grundversorgung für alle
Er spricht sich wie viele andere Ärzte für eine "Priorisierung" aus – eine freie hausärztliche Grundversorgung für alle. Wer Fachärzte aufsucht, sollte zwischen einer billigen Variante wählen können, "also bei Kniebeschwerden hinlegen und Eis drauf", oder einer Therapie mit teuren Medikamenten. Entsprechend angepasst müsste der Beitragssatz zur Krankenversicherung sein. Weil die Politik einen solchen radikalen Schritt verweigert, zieht schleichend die Rationalisierung ein. Immer mehr Medikamente, etwa Nasensprays oder Augentropfen, werden zwar verschrieben, die Kosten dafür aber nicht mehr erstattet. Für sozial Schwächere dramatisiert der Arzt dann also oft die Lage, er "pumpt die Diagnose" auf, bis das Krankheitsbild eine Medizin zulässt, die die Krankenkassen als erstattungsfähig einstufen.
Deutschlands Problem sei grundsätzlich, meint Kreischer: Wenn nichts geschieht, werde der Ärztemangel das System zu Fall bringen. Kaum noch ein junger Mediziner wolle Hausarzt werden und die Grundbedürfnisse einer alternden Bevölkerung befriedigen – ein Warnsignal gerade auch für Steglitz-Zehlendorf. Zum Beleg zeigt Kreischer das "Ärzteblatt", das offizielle Fachmagazin der Mediziner: 126 Seiten mit Stellenanzeigen finden sich darin, darunter viele Praxisaufgaben. In einem Exemplar von 2005 waren es nur halb so viele.
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