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07.09.09

Bundespolitik im Alltag

Elterngeld unterstützt den Babyboom in Pankow

In diesem Jahr werden in Pankow mehr als 6000 junge Familien die Förderung beantragen - damit ist der Bezirk Spitzenreiter in Berlin.

Der Kindersitz am Fahrrad gilt als Statussymbol. Auf dem Weg zur Arbeit, im Anzug, die Kleinen an der Kita vorbeizubringen kommt gut an. Was moderne Väter aus Berlin-Pankow berichten, klingt so, als habe es in der deutschen Familienpolitik tatsächlich einen Durchbruch gegeben in den vergangenen Jahren.

Auch die Zahlen zeugen davon: 31.936 Babys kamen im vergangenen Jahr in Berlin zur Welt. In keinem anderen Bundesland stieg die Geburtenzahl so stark wie in Berlin. Nur hier wurden mehr Kinder geboren, als Menschen verstorben sind.

Das Epizentrum des Kinderbooms sind die Innenstadtbezirke Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg und eben Pankow. Der Trend ist ungebrochen, auch weil die Bundespolitik hilft. Den Familien direkt und dem Bezirk, der die nötige Infrastruktur für die vielen Neubürger schaffen muss. Noch vor wenigen Jahren wurden in Pankow Schulen geschlossen.

Jetzt hat sich das Bild verändert. Wohl nirgendwo sonst profitieren so viele junge Eltern von einer neuen Kinderfreundlichkeit ihrer Umgebung. Und mehr als anderswo nutzen die Pankower die neuen Förderangebote der Bundesregierung. Allein von Januar bis Juli gingen in Pankow 3255 Anträge auf Elterngeld ein. "Ich denke, damit sind wir Spitzenreiter in Berlin", sagt Jugendstadträtin Christine Keil (Linke).

Zeit für Neustart im Beruf

So wird es 2009 wohl mehr als 6000 neue Elterngeldbezieher im Bezirk geben. Im vergangenen Jahr erhielten in ganz Berlin 34.869 Eltern die erst seit 2007 gewährte einkommensabhängige Unterstützung, wenn sie sich 14 Monate lang um den Nachwuchs kümmern, anstatt arbeiten zu gehen. "Wir hätten unser Kind auch ohne Elterngeld und ohne das familienfreundliche Ambiente hier bekommen", sagt Matthias Kolbeck, der mit Frau und der vier Monate alten Tochter in Prenzlauer Berg wohnt und Elterngeld bezieht. Aber die neuen Möglichkeiten machten es eben so viel leichter. "Es ist doch gut, dass hier Cafés mit Kinderfreundlichkeit um Gäste konkurrieren", sagt Kolbeck. Ehe er in die viermonatige Babypause ging, war der Journalist Sprecher und Büroleiter des früheren Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin. Jetzt nutzt er die Auszeit auch, um sich beruflich neu zu orientieren.

Die Möglichkeit des Elterngeldes zeigt den Leistungsträgern aus der Mittelschicht, dass es ein Leben neben dem Beruf gibt. Das gefällt offenbar: In Pankow geht der Trend zum Zweit- oder Drittkind. Noch nutzen überwiegend Frauen das neue Instrument, nur 20 Prozent der Schecks von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) gingen 2008 an Männer. Und die Herren, die pausierten, taten das zu fast zwei Dritteln nur für die Mindestfrist von zwei Monaten. Aber es sei etwas in Bewegung, glaubt Jungvater Kolbeck. Auf seiner Jobsuche habe er noch keinen Personaler erlebt, der eine Auszeit auch für Männer kritisch sieht.

Die vielen Familien in Pankow locken weitere an oder solche, die es werden wollen. "Zu sehen, wie die Leute hier entspannt mit Kindern leben, macht allen Hoffnung", sagt Arturo Fernandez, der vor einem Jahr aus Barcelona nach Berlin kam und bei einer Internetfirma arbeitet. Bei aller Freude über volle Spielplätze, Designerläden für Kinderkleidung oder Physiotherapiepraxen für die Kleinsten ist klar: Statistisch haben die Paare in Pankow nicht mehr Kinder als anderswo. Aber dort leben eben besonders viele Menschen zwischen 25 und 45 Jahren.

Die Folgen müssen Bezirk und Senat auffangen – und nutzen die Hilfe des Bundes. "Im Moment haben wir komplett ausgelastete Kitas", sagt die Jugendstadträtin. Alle 15.000 Plätze sind belegt.

Sie geht davon aus, dass bis 2014 die Zahl der Grundschulkinder höher liegen wird als heute. Der Bund baut das Betreuungsangebot für unter Dreijährige aus. Darüber fließen bis 2013 nach Angaben der Senatsbildungsverwaltung 87,4Millionen Euro nach Berlin. Weil die Hauptstadt über der bundesweiten Zielmarke liegt, 35 Prozent der Kleinkinder einen Platz in der Krippe anbieten zu können, soll das Geld vorrangig in die Verbesserung der Betreuungsqualität fließen. In Pankow aber geht es auch um Ausbau. Hier wird ein Großteil der 2500 zusätzlichen Kitaplätze entstehen, die in Berlin vorgesehen sind.

15 Millionen Euro für Schulen

Weil die kleinen Pankower nach ihren Kita-Jahren Schulräume benötigen, wird auch wieder der Bund herangezogen. 120 Millionen Euro hat der Bezirk allein aus dem Konjunkturpaket II beantragt, vor allem um Schulräume zu sanieren und Ganztagsschulen herzurichten. Er bekommt fast 15Millionen – mehr als jeder andere in Berlin.

Auch Schulgebäude, die zu Kulturzentren umgenutzt wurden, müssen wieder als Schulen genutzt werden, etwa der Eliashof an der Senefelderstraße.

Bildung ist das wichtigste Thema für die Eltern. In einem Online-Dialog des Berliner Familienbeirates haben Eltern ihre Anforderungen diskutiert. Ganz oben auf der Wunschliste: mehr Erzieher an Kitas und Horten, keine Sommerschließzeiten der Kitas und kleinere Schulklassen.

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