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Bundespolitik im Alltag

Hier steigen Berlins Mieten am stärksten

In Mitte gibt es die stärksten Miet-Erhöhungen in ganz Berlin. Bis zu 50% kann hier ein Neumieter mehr bezahlen als sein Vorgänger. Der Senat geht allerdings von 250.000 leer stehenden Wohnungen in der Hauptstadt aus. In einer Stadt mit der Größe Berlins können diese Zahlen nicht einfach gegenübergestellt werden, meint der Mieterverein.

Irgendwann in den vergangenen Monaten sind die Schilder "Wohnung zu vermieten" verschwunden aus Fenstern und Hauseingängen im Soldiner Kiez. "Wenn wir hier rausmüssen, könnten wir uns kaum noch eine Wohnung in der Gegend leisten", sagt Henrik Jakob.

Der Künstler ist vor einigen Jahren mit Freunden aus Friedrichshain in ein heruntergekommenes Haus in Wedding gezogen. Sie betreiben im Ladenlokal den "Kulturpalast Wedding", eine Off-Off-Galerie mit ambitioniertem Programm und Ofenheizung.

Solche Galerien gibt es mittlerweile allein an der Freienwalder Straße ein halbes Dutzend. An Freitagen, wenn die neuen Schauen öffnen, drängen sich Trauben "angesagter" junger Leute vor den Türen. Sogar eine illegale Kneipe hat im Kiez eröffnet. So hat es in Mitte auch angefangen in den 90er-Jahren.

Auch in den alten Arbeiterquartieren Wedding und Moabit hat der Druck auf den Wohnungsmarkt zugenommen. Selbst Single-Wohnungen sind hier kaum für unter 400 Euro zu haben. Frank Bielka, Chef der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Degewo, berichtet nicht ohne Stolz von einem Altbau im Brunnenviertel, das an Prenzlauer Berg und Mitte grenzt. Das Durchschnittseinkommen der Mieterschaft in diesem Degewo-Objekt habe inzwischen sehr gutes Zehlendorfer Niveau erreicht.

Nehmen, was der Markt hergibt

Der Bezirk Mitte ist der Brennpunkt einer Tendenz, die überall in der Berliner Innenstadt zu beobachten ist. Die Mieten steigen. Am stärksten in Mitte, wo die Mieter im Durchschnitt heute 60 Cent mehr pro Quadratmeter zahlen müssen als vor zwölf Monaten. Bei Neuvermietungen können die Sprünge schon mal 50 Prozent betragen.

"Diese Miete ist frei verhandelbar", sagt Hartmann Vetter, Hauptgeschäftsführer des Berliner Mietervereins, "Es kann genommen werden, was der Markt hergibt." Kritiker sehen bundespolitischen Handlungsbedarf, um die Entwicklung aufzuhalten.

Wie der Austausch einer Bevölkerung am Ende aussieht, ist in den früheren Sanierungsgebieten des Altbezirks Mitte zu beobachten. In der Rosenthaler Vorstadt, wo laut einer Studie seit dem Mauerfall 85 Prozent der Häuser saniert wurden, sind 86 Prozent der fast 8000 Einwohner in den vergangenen 15 Jahren neu zugezogen. In der Senatsbauverwaltung geht man jedoch davon aus, dass nur wenige Bewohner gegen ihren Willen verdrängt wurden. Vielmehr hätten vor allem alte Menschen die Wohnungen für Zuzügler frei gemacht.

Dass den Mietforderungen keine Grenze gesetzt ist, liegt an der Definition des Senats, wonach Berlin kein Gebiet mit Wohnungsmangel ist. Das verbietet es, wie es andernfalls im Wirtschaftsstrafgesetz vorgesehen wäre, auch für Neuvermietungen eine Obergrenze von plus 20 Prozent zur ortsüblichen Vergleichsmiete vorzugeben.

Der Senat geht, anders als Kritiker, von mehr als 250 000 leer stehenden Wohnungen in der Stadt aus. Nach Meinung des Mietervereins gehen die Leerstandsdebatte und die Verneinung einer Mangelsituation an der Situation in vielen Berliner Stadtteilen vorbei. "Berlin darf nicht wie eine einzige Kommune behandelt werden", sagt Hartmann Vetter. Denn hier gebe es viele unterschiedliche Teilmärkte. "Man kann doch nicht leere Wohnungen in Marzahn den Wohnungssuchenden in Zehlendorf entgegenhalten", warnt Vetter. Es müsse im Bundesrecht die Möglichkeit geschaffen werden, eine Kommune in Teilmärkte aufzuspalten, um Mangellagen bei der Versorgung mit bezahlbarem Wohnraum gerecht zu werden.

1000 Apartments im Internet

Andere Kritiker wollen im Bürgerlichen Gesetzbuch festlegen, dass Neuvermietungen nur 15 Prozent über der ortsüblichen Vergleichsmiete liegen dürften. Den Verweis aus der Wohnungswirtschaft, wonach die Mieten in Berlin im Vergleich zu anderen Städten noch immer sehr niedrig seien, wollen Mietervertreter nicht gelten lassen. In der Hauptstadt seien auch die Einkommen geringer. 40 Prozent ihres Geldes wenden Berliner im Durchschnitt fürs Wohnen auf.

Verschärft wird die Lage in der Innenstadt zudem durch ein sich rasant ausbreitendes Phänomen: die Vermietung von Wohnraum als Apartments für Touristen. Internet-Seiten werfen auf Anhieb bis zu 1000 Wohnungen aus, meist in Mitte, Prenzlauer Berg, Kreuzberg und Friedrichshain.

Nirgendwo sonst entwickelt sich diese Nutzung so wie in ehemaligen DDR-Plattenbauten im Umfeld des Brandenburger Tores. David Dagan, Journalist mit israelischem Pass, der seit mehr als zehn Jahren in Berlin lebt, ist Vorsitzender der Bürgerinitiative Wilhelmstraße. Er sagt, von 960 Wohnungen in Gebäuden zwischen Wilhelmstraße und Holocaust-Mahnmal seien inzwischen wohl 250 für Touristen hergerichtet. Immer wieder würden angestammte Mieter von Besuchern geweckt, die Partys feiern. Einige Nachbarn hätten schon entnervt aufgegeben. "Aber wir wollen nicht ausziehen", sagt Dagan, "wir sind überzeugt, dass es gut ist für Berlin und Deutschland, wenn hier Leute wohnen."

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