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14.02.12

Schuldenkrise

Griechen protestieren, plündern - und sparen

Die Wut in Griechenland über das Sparpaket eskaliert. Randalierer haben in Athen Dutzende Gebäude in Brand gesteckt. Das Parlament stimmt dennoch den harten Einschnitten zu.

dpa

In Griechenlands Hauptstadt Athen haben Demonstranten zunächst friedlich gegen das umstrittene Sparprogramm protestiert. Dabei trat der Musiker Mikis Theodorakis auf.

6 Bilder

In Athen steht an diesem Montagmorgen immer noch die Feuerwehr vor den rauchenden Ruinen dreier Gebäude. Insgesamt sieben sind in der Nacht abgebrannt, darunter eine ganze Einkaufspassage. "Was kann man dazu sagen?" sagte eine Geschäftsinhaberin. "Wie kann es sein, dass diese Leute über so viele Jahre hinweg bei jeder Demo so viel zerstören können, und angeblich weiß niemand etwas über sie?" Sie hält die Regierung für den Drahtzieher der Gewalt, wie viele andere Griechen auch.

"Ganz normal, das hier", sagt ein Mann unter den Schaulustigen. "Denn" – und er packt mich plötzlich an der Gurgel und drückt ein wenig – "das Parlament hat gestern etwas beschlossen. Es erwürgt uns, spürst du es? Das macht die Menschen wütend. Du wärst auch wütend, wenn es um dich ginge."

Schnelle Räumung des Platzes

Athen am Morgen danach. Am Vortag waren Zehntausende zum Syntagma-Platz vor dem Parlament geströmt, um gegen die dort anstehende Abstimmung des neuesten, noch schärferen Sparpakets zu protestieren. Es wurde rasch ungemütlich. Ein paar Hundert vermummte Gewalttäter, wie so oft bei diesen an sich friedlichen Demonstrationen, schleuderten Steine und Brandsätze und versuchten, durch den Polizeikordon vor dem Parlament zu brechen.

Als aber einer der Randalierer einen Polizisten mit einer Leuchtkugelpistole so schwer verletzte, dass er ins Krankenhaus gebracht werden musste, lief das Fass über. Schnell und mit sehr harter Hand räumte die Polizei den Platz. Viel schneller und früher als sonst üblich – das ersparte den Geschäften am Platz wohl das Schicksal, das sie so oft bei Demonstrationen erleiden, also eingeschlagene Schaufenster und Brandschäden.

Kurz nach sieben Uhr abends war rund um den Syntagma-Platz nirgends ein Durchkommen; in allen Straßen und Seitenstraßen bis hin zum Omonia-Platz, anderthalb Kilometer entfernt, Tausende und Abertausende Menschen; die Zahl kaum abschätzbar, aber die 100.000, die in manchen Berichten genannt wurden, dürften die Untergrenze sein. Die Gewerkschaften sprachen von 200.000.

In Reihen der Athener Demonstranten war viel Wut zu spüren, aber keine Gewalt. Die ging, wie immer, von einigen Hundert Vermummten aus. Um neun Uhr abends waren immer noch Zehntausende in den Straßen, schwerer Rauch lag über den Menschenmassen. Hundert Meter vom Omonia-Platz entfernt drang dichter Rauch aus einer Filiale der Elektronikkette Germanos. Vielleicht sollten die Inhaber über einen Namenswechsel nachdenken, denn das Wort erinnert an Deutschland, und bei Krawallen sind Germanos-Filialen immer ein beliebtes Ziel. Das Feuer griff bald über auf das Nachbarhaus, ein Möbelgeschäft. Einige Hundert Meter weiter brannte ein historisches Gebäude, in dem mehrere schicke Geschäfte waren. Und nicht weit vom brennenden Germanos waren die Gewalttäter damit beschäftigt, die Metall-Rollläden einer Filiale der Bank Crédit Agricole aufzubrechen, um auch dort Brandsätze zu werfen.

Die meisten Geschäfte und besonders die Banken sind stark gesichert, Eisenjalousien, dahinter teilweise Panzerglas. Es dauerte mehr als zwei Stunden, bis auf der kurzen Strecke zwischen dem Panepistemio-Platz, etwa einen Kilometer vom Parlament entfernt, und dem Omonia-Platz, noch einen Kilometer weiter, sieben Gebäude brannten; drei Banken, der Germanos-Laden und einige Geschäfte. Andere kamen mit zerschlagenen Fenstern davon. Alldieweil blieb die Polizei zurück, wohl um ihre Kräfte nicht zu überdehnen – denn es galt vor allem, das Parlament zu schützen.

Am Omonia-Platz, in Sichtweite der Brände und mit von Tränengas stechenden Augen, hielten alle Besitzer ihre Imbiss-Lokale geöffnet. Sie wussten wohl, dass man sie nicht angreifen wird, denn auch Demonstranten wollen essen und trinken. Für sie war es, in diesen Zeiten sinkender Einnahmen und steigender Steuern, der eine wirklich bombige Geschäftstag im Jahr.

Schaulustige fotografieren Trümmer

Gegen zehn Uhr hatte die Polizei die Lage wieder im Griff. Im Parlament ging die Abstimmung durch – zwar schmiss ein kommunistischer Abgeordneter die Akte ans Rednerpult, zwar rebellierten 40 Abgeordnete und wurden dafür von ihren Parteien gefeuert, aber es war geschafft.

Am nächsten Morgen: Schaulustige fotografieren die Trümmer, bald werden sie auf ihren Facebook-Seiten zu sehen sein. Sonst alles wie gehabt. In den Luxus-Cafés nahe des Parlaments sitzen die Reichen und trinken ihren Frühstückskaffee. Drei Männer, Mittvierziger vielleicht, sitzen vor dem noblen "Zonar's", zwei von ihnen rauchen Zigarren. Die Demonstration? "Da war keine Demonstration", sagen sie, "nur ein paar Hundert Randalier. Hat nichts zu bedeuten." Und das Sparpaket? "Muss sein. Es wird dem Land guttun."

45 Gebäude wurden komplett oder zum Teil durch Brände zerstört, wie die Behörden mitteilten. An den Fassaden Dutzender Häuser waren zerbrochene Scheiben und zerstörte Fensterläden zu sehen. Die Stadtreinigung war damit beschäftigt, Tausende Steine aufzusammeln, die aus dem Pflaster gerissen und als Wurfgeschosse benutzt worden waren, sowie Trümmer angezündeter Mülltonnen und Glasscherben zu beseitigen.

Vizebürgermeister Andréas Varélas gab zu, dass die Polizei besser auf die Krawalle hätte reagieren müssen. Verschiedene Medien forderten den Rücktritt des zuständigen Ministers.

Athen als Hebel der Proteste

Athens Bürgermeister Giorgos Kaminis sagte, Randalierer hätten versucht, das Rathaus zu stürmen: "Einmal mehr wird die Stadt als Hebel benutzt, um das Land zu destabilisieren." Ein verzweifelter Ladenbesitzer erklärte bei der Besichtigung seines verwüsteten Optikergeschäfts, er habe genug. Es gebe keinen Grund mehr, in Griechenland zu leben.

Ministerpräsident Lukas Papademos sagte, Vandalismus und Zerstörung hätten keinen Platz in einer Demokratie und würden nicht toleriert. "Ich rufe die Öffentlichkeit zur Ruhe auf. In diesen entscheidenden Zeiten haben wir nicht den Luxus für diese Art von Protest", sagte er im Parlament vor der Abstimmung. "Ich denke, allen ist der Ernst der Lage bewusst."

Das von den Abgeordneten verabschiedete Gesetz sieht weitere drastische Ausgabenkürzungen vor. Die Einsparungen sind Bedingung für die Auszahlung eines zweiten Rettungspakets in Höhe von 130 Milliarden Euro, ohne das Griechenland im März zahlungsunfähig wäre. Für das Gesetz stimmten 199 Abgeordnete, 74 votierten dagegen.

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