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03.02.12

Rainer Zobel

"Ich habe gedacht, ein Fehler und es knallt"

Zwei Jahre lang hat Rainer Zobel den ägyptischen Verein trainiert, der nun eine schwere Tragödie erleben musste. Im Interview spricht er über die Lebensgefahr im Stadion.

dpa/DPA

Neue Proteste am Nachmittag: Ägyptische Demonstranten überspringen Barrikaden in Kairo in der Nähe des Innenministeriums.

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Morgenpost Online : Sie haben fünf Jahre bei drei ägyptischen Vereinen gearbeitet. Sind am Mittwoch Freunde von Ihnen verletzt worden?

Rainer Zobel : Ja, ich habe auch nach meinem Abschied im Jahr 2006 mit vielen Kontakt gehalten, besonders während der Revolution war der Kontakt sehr rege, schließlich gab es damals viele Tote. Ich bin sehr erschüttert. Einer der Manager hat eine Platzwunde erlitten, wie auch Torwart Scharif Akrami. Ihn habe ich damals als 15-Jährigen bei der Profimannschaft mittrainieren lassen, sein Vater war der Torwarttrainer.

Morgenpost Online: Akrami hat angekündigt, dass die komplette Mannschaft von Al-Ahly ihre Fußballlaufbahn beenden werde.

Zobel : Das war die erste Reaktion auf diese Eindrücke. Da sollte man manches Wort mit Vorsicht bewerten. Aber es ist natürlich klar, dass alle Beteiligten eine traumatische Erfahrung durchleben.

Morgenpost Online : Der ägyptische Fußball war immer für seine Emotionalität bekannt, die sich auch in Gewalt geäußert hat. Hätten Sie eine Katastrophe wie diese für möglich gehalten?

Zobel : Nein. Fußball war immer ein besonderes Ventil in Ägypten, hier hat diese Ablenkung aus dem teilweise sehr schwierigen Alltag eine noch größere Rolle als in den meisten anderen Ländern.

Das gilt besonders für Al-Ahly, das in Afrika zur Mannschaft des Jahrtausends gewählt worden ist und 30 Millionen Fans hat – nicht nur in Ägypten, sondern auf der ganzen Welt. Ausschreitungen gab es, aber vor allem außerhalb der Stadien. Eine derartige Welle der Gewalt innerhalb einer Arena habe ich nicht erwartet.

Morgenpost Online : Gab es während Ihrer Zeit in Ägypten Situationen, bei denen sie eine Eskalation befürchtet haben?

Zobel : Schon. Beim Kairo-Derby gegen Zamalek sah ein Spieler von Zamalek SC nach vier Minuten die Rote Karte, woraufhin die gesamte Mannschaft aus Protest das Feld verließ. Und das vor 100.000 Zuschauern. Ich hatte keine Angst um mich, aber auf der Tribüne saßen meine Frau und meine Söhne, die damals erst fünf und acht Jahre alt waren.

Ich habe gedacht: Ein Fehler und es knallt. Und das wäre bei der erhitzten Atmosphäre durchaus möglich gewesen, wenn beide Fanlager gleichzeitig das Stadion verlassen hätten.

Morgenpost Online : Was haben Sie gemacht?

Zobel : Ich musste irgendwie dafür sorgen, dass unsere Fans noch bleiben. Also habe ich ein Mikrofon genommen und ihnen erklärt, sie würden jetzt ein Trainingsspiel sehen. Dann habe ich den Fotografen die Laibchen weggenommen und unseren Ersatzspielern gegeben. 45 Minuten lang haben wir mit neun gegen neun gespielt – und 60.000 Zuschauer sind geblieben.

Jahre später habe ich dann Ittehad Alexandria trainiert. Nach einem gewonnenen Auswärtsspiel haben die gegnerischen Fans mit Pflastersteinen auf uns gewartet. Der Präsident hat angeordnet, dass der Busfahrer alleine losfährt. Er hatte eine ziemlich hektische Fahrt. Die Mannschaft fuhr später mit gepanzerten Militärfahrzeugen hinterher.

Morgenpost Online : In Ägypten hält sich das Gerücht, die Gewalt sei politisch motiviert gewesen . Teilen Ihre Freunde vor Ort diese Einschätzung?

Zobel : Manche unterstützen diese These. Und man muss ja tatsächlich die Frage stellen, warum die Sicherheitskräfte nicht da waren. Andere aber sagen, Al-Ahly habe als erfolgreichster Verein schon immer viele Gegner in den Fanlagern anderer Clubs gehabt. Man sollte da mit voreiligen Schlüssen abwarten. In arabischen Staaten machen Gerüchte sehr schnell die Runde, es gibt eine Tendenz zu Verschwörungstheorien.

Morgenpost Online : Was meinen Sie damit?

Zobel : Ich habe das selbst erlebt: Als 1999 ein ägyptisches Flugzeug mit 32 Militärs in der Nähe der USA abgestürzt ist, hieß es an jeder Straßenecke von Kairo, es sei von Israel abgeschossen worden. Dass das eine haltlose Behauptung war, spielte keine Rolle. Ich empfehle, erst einmal die Untersuchungsberichte abzuwarten.

Morgenpost Online : Könnte es an veralteten Sicherheitsvorkehrungen des Stadiums gelegen haben?

Zobel : Das glaube ich nicht. In einigen Stadien sind die Ausgänge und Fluchtwege etwas zu eng, aber sie sind insgesamt nicht schlecht. Das Stadion von Port Said war Spielstätte der U20-WM im Jahr 2009, davor wurde es auf modernen Standard gebracht.

Morgenpost Online : Die außergewöhnliche Nähe von Politik und Fußball ist in Ägypten unübersehbar. Warum ist das so?

Zobel : Mit dem Sport erreichen Sie die Massen. Als ich 1998 bei Al-Ahly angefangen habe, kostete ein Ticket umgerechnet nur einen Euro, das ist trotz des geringen Einkommens auch in Ägypten sehr wenig. Entsprechend hat Mubarak die Nähe zu erfolgreichen Teams gesucht – es war zum Beispiel selbstverständlich, dass er uns nach Meisterschaften persönlich empfangen hat.

Viele Fußballfunktionäre gelten noch immer als Mubarak-Leute. Deshalb hat die aktuelle Saison auch mit zwei Monaten Verspätung begonnen. 52 der 53 Profivereine in der ersten und zweiten Liga haben gegen die Verbandsspitze gestreikt.

Morgenpost Online: Der Ligabetrieb ist bis auf weiteres ausgesetzt. Wann rechnen Sie mit einer Wiederaufnahme?

Zobel : Ich glaube nicht, dass diese Saison überhaupt noch gespielt wird. Es gab in der ägyptischen Fußballgeschichte immer wieder Spielzeiten, die vorzeitig abgebrochen wurden und in denen es dann keinen Meister gab. Nach dem Sechstagekrieg im Jahr 1967 zum Beispiel. Oder dem Zweiten Irakkrieg im Jahr 2003. Damals war ich bei Alexandria unter Vertrag.

Plötzlich galt der Ausnahmezustand und Versammlungen mit mehr als 1000 Menschen wurden verboten. Fußballspiele waren unmöglich, denn da kommen natürlich weit mehr. Dass der Auslöser diesmal ein Ereignis in einem Fußballstadion selbst ist, das ist natürlich besonders tragisch.

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