Abonnenten-Login Serviceangebote der Berliner Morgenpost Specials der Berliner Morgenpost
11.01.12

Wahlkampf

Israels schönster Mann gründet eine neue Partei

Fernsehstar Jair Lapid könnte bei der Wahl mehr als zehn Prozent der Sitze in der Knesset holen. Doch es gibt noch anderen überraschenden Kandidaten.

AFP

... kam es zu Zusammenstößen zwischen Orthodoxen, Polizisten und säkular eingestellten Israelis.

5 Bilder

Jair Lapid hat in seinem Leben schon auf so einigen Hochzeiten getanzt, und meistens mit Erfolg. Kein anderer Journalist in Israel kann an Lapids Bekanntheitsgrad heranreichen: Der 48-Jährige hat ein Theaterstück verfasst und zwei Kinderbücher geschrieben.

Es gibt einige gar nicht schlechte Gedichte aus jungen Jahren, vier Thriller und zwei Romane. Seit 1991 schreibt er eine beliebte wöchentliche Kolumne, erst erschien sie in der Tageszeitung "Ma’ariv", dann beim Konkurrenzblatt "Yedioth Aharonoth".

Er moderierte Talkshows sowohl im staatlichen als auch im Privatfernsehen, er spielte in mehreren Filmen mit, versuchte sich in Hollywood, schrieb eine Fernsehserie, trat mit mäßigem Erfolg als Boxer auf und wurde wiederholt zum attraktivsten Mann Israelis gewählt.

Und nun wechselt der Sohn des ehemaligen Justizministers Tommy Lapid und der auch in Deutschland erfolgreichen Krimi-Autorin Schulamit Lapid eben in die Politik.

Der Sohn hat den Wechsel sorgfältig geplant

Sein Vater hat es vorgemacht. Doch während Tommy Lapid seinerzeit eher aus Versehen in der Knesset landete, hat sein Sohn den Wechsel sorgfältig geplant.

Am deutlichsten zeugen davon seine Kolumnen: Handelten sie früher noch vom aussichtslosen Kampf gegen Kakerlaken, von schlecht schlafenden Kindern und ewig bellenden Nachbarshunden, hat sich der Fokus längst auf die politisch heißesten Themen des Landes verschoben, auf Siedler, Orthodoxe und die Lebensmittelpreise.

Auch seinen Vorgesetzten beim öffentlichen Fernsehsender Channel 2 konnte nicht verborgen bleiben, dass ihr Starjournalist sich immer mehr als Politiker gebärdete. Der musste nun in die Offensive gehen.

Nach Medienberichten soll Lapids neue Partei "Die Israelis" heißen. Man kann sich keinen passenderen Namen vorstellen, denn ihr Gründer gilt als Personifizierung des neuen Israeli. Sein Vater, ein ungarischstämmiger Holocaust-Überlebender, hat in der Talkshow seines Sohnes einst auf die Frage, was für ihn israelisch sei, mit einem ebenso emotional aufgewühlten wie stolzen "Du!" geantwortet.

In seiner langen journalistischen Laufbahn hat Jair Lapid nur sehr wenige Menschen wirklich verärgert. Wenn er die Siedlerbewegung vorsichtig kritisierte, dann umarmte er sie im nächsten Halbsatz als seine Brüder.

Der Vater ein hemmungsloser Polterer

Wenn er den Forderungen der Ultra-Orthodoxen entgegentrat, dann nicht, ohne seinen Respekt für die Religionsgelehrten und seine Verbundenheit mit der jüdischen Tradition auszudrücken. Sein Vater war da ganz anders: ein hemmungs- und grenzenloser Polterer, der die Provokation genoss und dem der große Knall oft wichtiger war als das Resultat.

Dennoch zeigen Umfragen, dass eine von Jair Lapid gegründete und geführte Partei bei den Parlamentswahlen bis zu 15 Mandate erringen könnte. Doch ob sich der Höhenflug bis zum Wahltermin im Oktober 2013 hält, bezweifeln viele.

Die Umfragen zeigen zudem, dass sich an den grundlegenden Machtverhältnissen auch durch einen Erfolg Lapids nicht viel ändern würde: Die meisten seiner Wähler kämen aus der Kadima-Partei von Tzipi Livni, die Ähnliches vertritt wie der Moderator.

Jair Lapid hat mehrmals eine Zwei-Staaten-Lösung gefordert, Wehrdienst auch für Ultra-Orthodoxe, mehr Geld für Bildung und endlich eine Verfassung für Israel – bekannte Ideen, mit denen schon andere scheiterten.

Unerwarteter Zuwachs für die Arbeiterpartei

Würde Lapid antreten, dann blieben der Kadima laut Umfragen nur noch 14 von heute 28 Sitzen, der Likud von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu käme ungeschoren davon, rechte und orthodoxe Parteien behielten eine knappe Mehrheit.

Allerdings müsste die sefardisch-orthdoxe Schas-Partei mit der Spaltung rechnen. Ihr charismatischer Ex-Vorsitzender Arie Deri plant nun nach Ende seiner Haftstrafe wegen Korruption ein Comeback. Seine neue Partei könnte Schas sieben Mandate kosten.

Während der Wechsel von Jair Lapid in die Politik vorhersehbar war, bekam die Arbeitspartei vollkommen unerwarteten Zuwachs: Noam Schalit, Vater des 2007 von der islamistischen Hamas entführen und jüngst freigekommenen Soldaten Gilad Schalit, will als Kandidat der Arbeitspartei antreten.

Bisher hatte er wie ein schüchterner Mann gewirkt, dem der Medienzirkus unangenehm war und der nach der Freilassung seines Sohnes nur in Ruhe gelassen werden wollte. Doch nun, so erklärte er überraschend, wolle er den Charakter der israelischen Gesellschaft beeinflussen.

"Die Arbeitspartei ist eine sozialdemokratische Partei, die für den Frieden ist, und deshalb ist sie meine natürliche Heimat", sagte Schalit . Besonders für Netanjahu, der sich im Wahlkampf gewiss mit den Bildern der glücklichen Familie Schalit schmücken wollte, ist die Kandidatur des Vaters für die Konkurrenz eine unangenehme Überraschung.

Leser-Kommentare
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
Wendig: Dieses autonome Auto deutscher Forscher ("EO") parkt selbsttätig ein und dreht dabei seine Räder um 90 Grad
Die Geisterautos sind da

Diese Autos kommen ohne Fahrer aus

Video Nachrichten mehr
Mitte Polizei sucht mit Bildern nach Angreifer vom Alex
EM 2012 Deutschland plant 10 Spiele und 10 Siege
Atemnot Elton John sagt Vegas-Konzerte ab
Spitzentreffen Immer noch keine Einigung zum Fiskalpakt
 
PromoTeaser_img.jpg
Urlaub an der See

Aktuelle Reisetipps für Ihren nächsten Deutschlandurlaub.mehr

Sommerkoll-klein.png
Sommer Trends

Lindner - Das sind die Sommer Trends 2012!mehr

bio10_onsite-teaser.jpg
Netzwerker

Für eine moderne Energieversorgung in Berlinmehr

 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Kaufberatung

Günstige Digitalkameras unter 150 Euro im Test

Habgier

Deutscher wegen Lego-Diebstahls vor US-Gericht

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote