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04.01.12

Fauchender Drache

Wie eine Briefmarke China in Angst versetzt

Ein furchteinflößender Drache auf einer neuen Briefmarke erschreckt Millionen Chinesen. Und löst eine nationale Debatte über das Selbstverständnis der Volksrepublik aus.

© WON/Johnny Erling
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Die Geschichte kennt in China jedes Kind. "Ye Gong Hao Long". Ein Herr namens Ye liebte so sehr die Drachen, dass er ständig Bilder von ihnen anfertigte. Als ihn darauf ein echter Drachen besuchen kam, rannte er schreiend davon.

Pekings Meisterkarikaturist Hua Junwu zeichnete zu Beginn der Reformpolitik einst seine Variante der Geschichte als Signal von Hoffnung. Er malte einen Drachen, der so aussah wie die Schriftzeichen für "Demokratie". KP-Funktionäre suchten vor ihm panisch das Weite.

Proteststurm im Internet

Dem Designer Chen Shaohua gelang es nun mit seinem Drachenbild, Millionen Landsleute zu erschrecken. Er entwarf für die Post die Briefmarke zu Chinas neuem Jahr des Drachen, das mit dem Frühlingsfest am 23. Januar beginnt. Chen gestaltete ein so furchteinflößendes Untier, dass er einen Proteststurm im Internet auslöste.

Die Autorin Zhang Yihe schrieb empört, sie habe sich "zu Tode erschrocken". Tausende Blogger stimmten ihr zu. Den Drache als klauenschwingendes "despotisches Untier" zu zeichnen, passe auf die Flaggen der"Hausabriss-Kommandos oder Chinas Staatssicherheit", aber nicht als Motiv auf Briefmarken. "Wollen wir wirklich so aussehen?"

Medienexpertin Cui Weiping erklärte den "fauchenden" Drachen zum Papiertiger. Er wirke so bedrohlich, weil ihn "innere Angst antreibt und er weder Vertrauen zu sich selbst noch zur Welt hat." Die Aufregung um das Schuppentier ist kein Werbegag der Post, die die Neujahrsmarke am Donnerstag in Umlauf bringt.

Chinesen sehen sich als Nachkommen der Drachen

Selbst die Nachrichtenagentur Xinhua erkennt eine "nationale Debatte ", die sich am Symbol des Drachens entzündet hat, "als dessen Nachkommen sich die Chinesen sehen." Sie spiegelt einen schon lange laufenden Streit über das Selbstverständnis der Volksrepublik wider. Soll die aufstrebende Weltmacht auf Softpower setzen und für sich als "freundlicher Drache" werben?

Oder soll sie als "anmaßender" Drache auftrumpfen, vor dem schon Napoleon warnte: "Weckt ihn nicht auf." Während die einen hitzig darüber diskutieren, werden sich die anderen Donnerstag früh vor den Postämtern anstellen. Denn als Briefmarke verspricht der Drache eines ganz sicher: Wertsteigerung.

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