Russland
"Wir sind genug Leute, um den Kreml zu stürmen"
Die Kreml-Gegner sehen sich durch die Massendemonstration gegen die Manipulationen bei der Parlamentswahl gestärkt. Sie wollen weiter protestieren, bis sich etwas ändert.
Von Julia Smirnova
Auch in anderen Städten des Landes gab es Kundgebungen. Die Zahl der Teilnehmer war insgesamt noch höher als vor zwei Wochen, als es bereits zu den umfassendsten Protesten in Russland seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion gekommen war.
Luftballons steigen in den grauen Himmel über den Sacharow-Prospekt in Moskau. Sie ziehen ein großes Porträt von Wladimir Putin in die Höhe. Darunter stehen Zehntausende Menschen, die zur größten Demonstration seit dem Untergang der Sowjetunion erschienen sind. Sie wünschen sich, dass Putin, genau wie sein von Luftballons getragenes Porträt verschwindet und nie mehr nach Russland zurückkehrt.
Die Kundgebung am Samstag war nicht gegen den Betrug bei den Parlamentswahlen, sondern in erster Linie gegen Putin gerichtet. "Russland ohne Putin", "Putin, geh selbst" steht auf den Plakaten. Nach der ersten großen Demonstration am 10. Dezember verhöhnte Putin die Opposition in einer Fernsehshow: er habe das weiße Band - das Symbol des Widerstands für ein Kondom gehalten.
Seine Reaktion empörte die Menschen und brachte sie dazu, in noch größerer Zahl auf die Straße zu gehen. Nach den Angaben der Veranstalter waren 120.000 Teilnehmer am Samstag am Sacharow-Prospekt, die Polizei hat offiziell lediglich 29.000 gezählt. Die unabhängige Organisation "Bürger Wahlbeobachter" nennt die Zahl 72.400.
Putin hat bei Präsidentenwahl 2012 noch immer gute Chancen
Unter den populären Plakat-Motiven war das Bild von Putin kombiniert mit einem Kondom und Aufschriften wie "Nur Einwegnutzung!", "Nicht wiederverwendbar!". Im März 2012 wird Putin bei den Präsidentenwahlen kandidieren und hat nach den Umfragen immer noch gute Chancen, erneut gewählt zu werden.
Für die Menschen, die sich bei Minustemperaturen auf der Kundgebung versammelt haben, würde das weitere fünf Jahre der Korruption, Betrug und Zensur in den Medien bedeuten. Rentner und Studenten, Mittelschicht und weniger wohlhabende Moskauer kamen auf die Straße, um ihren Protest auszudrücken. Trotz aller Unterschiede fühlten sie sich vereinigt.
"Das war die größte und die beste Demonstration bis jetzt in meinem Leben", sagte der Blogger Alexei Nawalny dem Fernsehsender "TV Rain". In seiner Rede von der Bühne, nannte er die heutigen Machthaber in Russland nicht legitim. "Hier haben sich genug Leute versammelt, um den Kreml zu stürmen”, erklärte er. "Das werden wir jetzt nicht tun. Doch wenn Gauner und Diebe weiter stehlen und betrügen werden, übernehmen wir die Macht".
Protestaktionen werden wieder und wieder stattfinden, bis es faire Neuwahlen gibt, zu denen alle Parteien zugelassen werden, sagt Nawalny. Er ist sicher, dass eine Million Menschen auf die Straße gehen können. Unter den Gegnern des Kremls gilt der Rechtsanwalt, der sich in seinem Blog gegen Korruption einsetzt als der populärste Politiker, der die Opposition vereinigen kann.
Nicht alle Redner waren mit der gleichen Begeisterung wie Nawalny empfangen worden. Alexei Kudrin, der ehemaliger Finanzminister in Putins Regierung, der vor einer Woche sagte, er könne sich vorstellen, bei der Gründung einer neuen liberalen Partei mitzumachen, wurde ausgebuht.
Obwohl er seiner Ansprachen auch die Neuwahlen und der Rücktritt des Wahlleiters Tschurow forderte, rief ihm die Menschenmenge "Schande" entgegen. Genauso unwillkommen waren Nationalisten, die in einer großen Kolonne zur Demonstration erschienen waren.
Journalisten, Musiker und Schriftsteller, die bei der Organisation der Kundgebung geholfen hatten und jetzt auf der Bühne stehen, finden dagegen mehr Gehör. "Es ist vor allem ein moralischer Protest", sagt Journalist und Satiriker Wiktor Schenderowitsch.
"Menschen mögen es nicht, wenn ihnen ins Gesicht gespuckt wird. Doch wie kann die moralische Energie in eine politische Energie umgewandelt werden? Keine Partei ist im Moment dazu fähig. Vielleicht wird sich eine Koalition bilden, die auf einem friedlichen Weg Putin absetzen kann".
"Wir glauben Medwedjew nicht"
Noch-Präsident Dimitri Medwedew reagierte bereits letzte Woche mit ersten Zugeständnissen. In seiner Rede vor dem Parlament kündigte er Reformen an. Neuwahlen wird es nicht geben, doch in Zukunft können die Gouverneure wieder gewählt werden. Auch die Registrierung von Partei und Präsidentenkandidaten soll vereinfacht werden.
Doch diese Versprechen wurden in der Gesellschaft mit einer großen Skepsis wahrgenommen. "Wir glauben Medwedjew nicht", sagte der Oppositionspolitiker Boris Nemtsow. "Er hat uns bereits Modernisierung versprochen".
Medwedjew sei ein populärer Blogger, doch zu einem richtigen Präsidenten sei er nicht geworden. In der Tat ist Medwedjew durch seine Aktivität bei Facebook und Twitter bekannt. Damit versuchte er Sympathien junger Russen zu gewinnen, doch erntete häufig hämische Kommentare.
Demonstranten wollen demonstrieren, bis sich etwas ändert
Die Demonstranten sind entschlossen, so lange zu protestieren, bis die Macht nicht nur mit bloßen Versprechen, sondern mit konkreten Schritten auf ihre Forderungen reagiert. In einer Abschlussresolution verlangen sie die Freilassung aller politischen Häftlinge, die Annullierung der Ergebnisse der jüngsten Parlamentswahlen, die Durchführung neuer Wahlen, eine Änderung der Wahlgesetzgebung und die Registrierung aller Parteien.
Es wird immer wieder betont, dass die Proteste ohne Gewalt verlaufen sollen. "Die Rettung unseren Landes hängt davon ab, ob wir friedlich das Regime von Putin ablösen können", sagt von der Bühne Schachspieler Garri Kasparow. Die Menschenmenge stimmt zu.
Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
- Nach Betrugsvorwürfen: Europa-Parlament fordert Neuwahlen in Russland
- Präsidentschaftswahl: Russischer Multimilliardär will Putin stoppen
- 100.000 Menschen: Großdemo ermuntert Russen zum Widerstand
- Demo in Berlin: Berlins Russen unterstützen Freunde zu Hause
- 100.000 Demonstranten: Größte Demo unter Putin - Russland bäumt sich auf
- Aufstand in Russland: "Für andere, nicht für diese Schweinehunde gestimmt"
-
18:09Tarifrunden 2012 : Bei den Löhnen wird wieder kräftig zugelangt
-
17:59Britz: Dreiste Schmuckdiebe tarnen sich als Touristen
-
17:54Missbrauchskandal: Parkeisenbahn-Chef tritt nach Vorwürfen zurück
- 1. Live-Ticker Herthas Raffael hatte Tränen in den Augen
- 2. Drogeriekette Berggruen macht Schlecker-Mitarbeitern Hoffnung
- 3. Bauexperten Zweifel am neuen Eröffnungstermin für BER wachsen
- 4. "Ein Scherz" Flugsicherung prüft juristische Schritte gegen RBB
- 5. Entscheidungslösung Der Bundestag beschließt Organspende-Reform














