Cristina Fernández de Kirchner
Die Argentinier lieben ihre schwarze Witwe
Seit dem Tod ihres Mannes inszeniert sich die argentinische Präsidentin als trauernde, aber kämpferische Witwe. Nun ist sie im Amt bestätigt worden.
Von Tobias Käufer
Der schwarze Fächer wirkt wie ein Schutzschild: Mit entrücktem Blick versucht Cristina Fernández de Kirchner sich ein wenig Kühlung zu verschaffen. Es ist eines der wohl bekanntesten Fotos der "Presidenta" aus den vergangenen Monaten. Das Bild der trauernden Witwe ziert seit fast einem Jahr die Titelseiten der argentinischen Zeitungen und verfehlt seine Wirkung nicht. "Cristina", wie die Argentinier sagen, schwimmt auf einer Welle der Sympathie, die vor allem aus der Anteilnahme der Bevölkerung gespeist ist. Denn die politische Bilanz ihrer ersten Amtszeit fällt bescheiden aus.
Taxi-Fahrer Andres Rodriguez tut sich schwer mit der Landesmutter: "Heut sagt sie so und morgen so. Es ist als ob wir es mit zwei Persönlichkeiten in einem Menschen zu tun haben", sagt der 43 Jahre alte Familienvater. "Aber ich werde sie trotzdem wählen, die anderen können es ja auch nicht besser."
Damit liegt der Taxista voll im Trend: Bis zu 57 Prozent der Stimmen trauten ihr die jüngsten Umfragen vor der Wahl am Sonntag zu. Die chancenlose Konkurrenz sieht dagegen schwarz. Und das liegt vor allem daran, dass Kirchner ihre Rolle als trauernde Witwe nahezu perfekt zelebriert.
Sie kultiviert ihre Traurigkeit
Néstor Kirchner, der Begründer der linksgerichteten "K-Dynastie", wie die Argentinier die Ära Kirchner nennen, starb am 27. Oktober 2010 an einem Herzinfarkt . Néstor war Cristinas Mentor, Motor und wichtigster Ratgeber. Plötzlich stand sie allein da. Viele Kirchner-Anhänger hatten Zweifel, ob die zierliche Frau, die so großen Wert auf Äußerlichkeiten legt, den Intrigen der argentinischen Politik wird Stand halten könnte. Sie konnte.
Am Tag nach Nestors Tod betrat Kirchner die Kathedrale mit einer dunklen Sonnenbrille. Ihren Schmerz, so hatte die Präsidentin entschieden, sollte das ganze Land sehen. Tausende Augenpaare in der Kirche und Millionen an den Bildschirmen fixierten die Frau in Schwarz. Jede noch so kleine emotionale Regung sogen Menschen und Medien auf. Ein Drahtseilakt zwischen eiskalter Politikerin und trauender Witwe begann.
Kirchner präsentiert sich seitdem als starke, trauernde Witwe und Mutter. Nicht sie ist es, die Hilfe bedarf, sie selbst präsentiert sich als Stütze der Leidenden. Ein weiterer Tiefschlag verstärkte das kollektive Mitgefühl mit der Landesfürstin: "Unser Sohn Maximo wird Papa. Ich werde ein Enkelkind bekommen", jubelte die Präsidentin im August via Twitter und schien damit die Trauer erstmals durchbrechen zu können.
Doch die Verlobte Maximos erlitt eine Fehlgeburt. Kirchner sagte alle Termine ab und zog sich wieder zurück in ihre Welt der Traurigkeit. Kirchner leidet und mit ihr Argentinien – ein ganzes Jahr lang. Trauer und Melancholie gehören zur argentinischen Kultur, Kirchner kultiviert diese Traurigkeit mit einer fast schon beängstigenden Perfektion.
Sie macht aus ihrem verstorbenen Mann einen Nationalhelden
Wenn Kirchner auf Wahlkampfveranstaltungen vom "Modell" oder "Projekt" der Kirchners spricht, dann versagt immer wieder ihre Stimme. Sie schluckt, manchmal rollt auch eine Träne über ihre Wangen. Die Argentinier – vor allem die aus den Armenvierteln – glauben nicht an eine inszenierte politische Telenovela. Sie halten Kirchner für authentisch: "Cristina ist keine Schauspielerin, sie ist eine Kämpferin. Lasst sie endlich in Ruhe", sagt die 18-jährige Wahlkampfhelferin Fernanda Levazzi.
Der Personenkult der Präsidentenfamilie Kirchner unterstützt die Legendenbildung: Die trauernde Witwe weihte einen Néstor-Kirchner-Flughafen ein, Néstor-Kirchner-Sozialzentren, Verkehrsprojekte, Plätze, Schulen, Hospitäler. Sogar ein Museum ist ihrem Mann gewidmet. Sie macht aus ihrem verstorbenen Ehemann einen Nationalhelden. Aus Trauer und aus Kalkül: Der posthum inszenierte Ruhm des toten Gatten strahlt auch auf sie selbst ab.
"Er war ein Visionär", versucht Kirchner den Zuhörern auf fast jeder Wahlkampfveranstaltung ihrer peronistischen "Front für den Sieg" einzutrichtern. Mit ihr als Präsidentin könne dieser Weg fortgesetzt werden: "Nur so ist ein anderes Argentinien möglich, dass wir alle wollen", sagt Kirchner – und meint damit wohl vor allem ein Argentinien nach ihrem Geschmack.
Herausforderer mutieren zu zahnlosen Tigern
Ihre Herausforderer, allesamt Männer, waren hilflos. Verzweifelt versuchten sie jeden Eindruck zu vermeiden, eine trauernde Frau zu attackieren. Doch so mutierten sie zu zahnlosen Tigern. Hermes Binner, Gouverneur der Provinz Santa Fe, hatte noch die besten Chancen auf ein achtbares Ergebnis. Für den Rest wird es wohl nicht einmal zu zehn Prozent reichen.
Dabei hätte die Opposition durchaus schlagkräftige Argumente gehabt, Kirchners Politik frontal anzugreifen. Vor allem die gewaltige Inflation von bis zu 25 Prozent in den vergangenen Monaten verbreitet Angst und Schrecken. In den immer noch riesigen Armenvierteln der Hauptstadt haben in den vergangenen Jahren Armut, Gewalt und Drogenhandel zugenommen. Auch Kirchners Dauerfehde mit den konservativen Medienhäusern wäre ein Angriffspunkt.
Selbst der argentinische Fußball, die Ersatzreligion des Landes, liegt am Boden. Kirchner war im Juli klug genug, der Südamerikameisterschaft im eigenen Land die kalte Schulter zu zeigen. Gastgeber Argentinien versagte als Organisator und Gastgeber. Mit Verlierern zeigt sich die Landesmutter nicht gern.
Auch der jährlich rasant wachsende Reichtum der Kirchner-Familie wäre ein Ansatzpunkt gewesen – doch das Bild der trauernden Witwe erschlägt alle sachlichen Argumente. Kirchner bastelt an Verfassungsänderungen und an einer politischen Architektur ganz nach ihrem Geschmack: einer Präsidentschaft für die Ewigkeit.
Im Amt bestätigt
Der ist Cristina Fernández de Kirchner nun näher gerückt: Nach ersten Trendmeldungen wurde sie klar wiedergewählt. Auf sie entfielen nach den Angaben argentinischer Fernsehsender um die 55 Prozent der Stimmen. Den zweiten Platz erreichte demnach der Sozialist Hermes Binner, ohne jedoch eine Stichwahl erzwingen zu können. Den Prognosen zufolge erhielt keiner ihrer Konkurrenten mehr als 13 Prozent. Damit wird der Wahlsieg der 58-Jährigen wohl der höchste seit der Wiedereinführung der Demokratie in Argentinien vor drei Jahrzehnten.
Für den Sieg in der ersten Runde reichen 45 Prozent der gültigen Stimmen – oder 40 Prozent, wenn der Vorsprung vor dem Zweitplatzierten mindestens 10 Prozentpunkte beträgt. Mit offiziellen Hochrechnungen wurde erst für Montagfrüh (MESZ) gerechnet.
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