06.05.11

Libyen

Gaddafis Gegner bauen Waffen in Garagen

In Libyen sorgen die Rebellen in Hinterhofwerkstätten selbst für Waffennachschub. Doch mit improvisierten Granaten setzen sie auch ihr Leben aufs Spiel.

Von C.J. Chivers
Foto: picture alliance / dpa/EPA
Libya unrest
Libysche Rebellen posieren vor der Kamera. Sie sind stolz auf ihre Erfolge und versuchen sich nun selbst mit Waffen zu versorgen

Als die blutige Belagerung der umzingelten Stadt begann, verfügten die Rebellen, die gegen Muammar al-Gaddafis konventionelle Armee kämpfen, über keine Gewehre. Die meisten verließen sich auf ihre bloßen Hände, auf Messer und Steine.

Mittlerweile patrouillieren sie die Straßen als paramilitärischer Block, der mit hastig umgebauten Pick-up-Trucks ausgerüstet ist. Darauf montiert haben sie Maschinengewehre, die sie im Kampf erbeuteten.

Betriebe sind Geheimnis der Rebellen

Diese Wende, die mit einer Offensive im vergangenen Monat gegen Gaddafis Truppen eingeläutet wurde und jene aus dem Zentrum an den Stadtrand vertrieb, hat einen Hintergrund, der im Verborgenen liegt: ein heimliches Netzwerk aus Werkstätten, in denen die behelfsmäßigen Waffen entworfen und zusammengebaut werden.

Offiziell sind die Betriebe ein Geheimnis der Rebellen. Dem Autor wurde eine Ausnahme gewährt, er durfte sich für drei Tage in zwei dieser Werkstätten umsehen – unter der Voraussetzung, dass ihr genauer Ort unbekannt bleibt und keine Fotos von ihren Eingängen gezeigt werden.

Widerstand gegen konventionelle Armee

Das Innere offenbarte sowohl die Logistik als auch die Mentalität dieses Kampfes um die drittgrößte Stadt Libyens, der nun schon seit Wochen hin- und herwiegt. In Misrata ist es einem zusammengewürfelten Haufen aus Zivilisten gelungen, Widerstand zu leisten gegen eine konventionelle Armee, die über all jene Waffen verfügt, die man mit Öl kaufen kann.

In den Werkstätten arbeitet ein junger Industriezweig für eine Bewegung, die sich als demokratischer Aufstand begreift. Die Stimmung erinnert an Fabriken aus der Sowjetzeit, in denen aus Luft- und Panzerwaffen Geschütze für den manuellen Gebrauch gefertigt werden. Aus viertürigen Pick-up-Lastwagen werden hier unheimliche, mit Stahlplatten verstärkte Fahrzeuge.

Trotz dieser Bemühungen bleiben die Rebellen schlecht ausgerüstet und ihrem Gegner vom Material her unterlegen. Ihre Produkte sind von zweifelhaftem Wert. Man ist sich hier jedoch einig, dass jedes Mittel recht ist, um Gaddafis Truppen zurückzudrängen.

Es steht dennoch außer Frage, dass die Schlagkraft der Rebellen zugenommen hat. Bei den Belagerten hat sich mittlerweile die Erkenntnis durchgesetzt, dass man sich nicht nur mit Gewehren gegen Gaddafis Truppen verteidigen kann – zur Not tun es auch Hammer, Schleifstein oder Fräsen.

Auf dem Weg zur Kampfmaschine

"Wenn wir genügend Waffen hätten, dann wäre ich nicht hier", sagt der Schweißer Ahmed Shirksy, der gerade eine Metallplatte an den Boden eines Pick-ups anbringt. Während er das sagt, fallen in unmittelbarer Nachbarschaft Bomben. "Dann wäre ich an der Front und würde dort gemeinsam mit meinen beiden Söhnen kämpfen", sagt Shirksy.

Um ihn herum ist sein Tagwerk geparkt: Vier ganz normale Wagen, die sich in unterschiedlichem Stadium auf dem Weg zu Kampfmaschinen befinden. Daneben stehen eine Werkbank und Sägeböcke, mit deren Hilfe Ahmed und seine Kollegen die schweren Waffen in handliche verwandeln.

Der 30-jährige Omar al-Saghier brütet gerade über einem Maschinengewehr ohne Abzug. Nach dem Gewehrtyp gefragt, erlaubt Omar sich ein kurzes Schmunzeln und antwortet auf Englisch: "So genau weiß ich das auch nicht." Aber letztlich ist das nicht so wichtig, entscheidender ist: Omar hat herausgefunden, wie er das Maschinengewehr wieder zum Funktionieren bringt.

Mit Werkzeug stellt er gerade einen maßgeschneiderten Auslöser her, sodass sich die Waffe später vom Gefechtsstand auf einem Pick-up abfeuern lässt. Neben Omar macht sich ein weiteres Team daran, einen schwenkbaren Untersatz für das Maschinengewehr zu bauen.

Und eine weitere Mannschaft feilt an Metallplatten für den Unterboden. Auf diese Weise entsteht im Akkord eine Erweiterung der Rebellenflotte, die am Ende des Tages fertig sein wird.

Gefährt soll keine Aufmerksamkeit erregen

Derart aufgerüstete Pick-up-Trucks sind das Markenzeichen der Rebellen geworden. Für gewöhnlich sind sie schwarz angestrichen, die Scheinwerfer wurden dabei entweder entfernt oder übermalt, damit das Gefährt keine unnötige Aufmerksamkeit erregt. Wie viele genau es davon gibt, das wisse niemand, sagt Baschir al-Zargani, der den Werkstätten vorsteht.

"Wir sind einfach zu beschäftigt, um sie zu zählen", sagt er. Doch allein die Zahl an Gefährten, die täglich durch die Stadt rasen, legt nahe, dass es weit über 100 sind – vielleicht sogar mehr als doppelt so viele.

Fahrbahn mit Metallsplittern gespickt

Die Trucks sind allerdings nur eines der Produkte, die in den Werkstätten hergestellt werden. Entlang der Tripolisstraße, um die sich die Rebellen und die Soldaten wochenlange Gefechte geliefert hatten, ist die Fahrbahn gespickt mit Metallsplittern. Jeder einzelne entspricht ungefähr dem Umfang eines kleinen Salatkopfs.

Die Rebellen haben einen eigenen Namen für die Splitter gefunden, sie nennen sie "henzab". Dabei handelt es sich um ein Wort des lokalen arabischen Dialekts, mit dem die Einheimischen den stacheligen Keimling eines Unkrauts bezeichnen. Tatsächlich sind die Splitter selbst gemachte Krähenfüße, dafür gedacht, die Stiefel von Infanteristen zu durchbohren oder die Reifen von Fahrzeugen zu zerstechen.

In den Schweißerwerkstätten stellen die Männer diese Splitter eimerweise her.

Große Menge an PG-7V-Sprengköpfen

In einem anderen Geheimbetrieb schwitzen Maschinenbauer über Sprengköpfen für Granaten. Die Rebellen haben eine große Menge solcher PG-7V-Sprengköpfe gesammelt, die sogar Panzerungen durchschlagen können. Weil sich in Misrata viele Gaddafi-treue Soldaten in Gebäuden verschanzen, wollen die Rebellen Waffen, die auch Wände zerschlagen.

Um diesen Wunsch kümmert sich Ali Ramadan Algaraby, der eine Patronenhülse aus Aluminium entwickelt hat, die in den Kopf der PG-7V-Granate passt. "Pro Tag kann ich 30 bis 40 solcher Granaten liefern", sagt er. Genauso wie die anderen Tüftler hat auch Algaraby keinerlei vorherige Erfahrung mit Waffen oder Munition vorzuweisen.

Ahnungslose Rebellen

Die Genauigkeit solcher raketengesteuerter Waffen, deren Gewicht und Länge verändert wurden, ist bescheiden und im Grunde genommen sogar gefährlich. Ein US-Waffenexperte, der sich die improvisierten Granaten später auf Bildern anschaut, sagt ihnen eine spitze, kurze Flugkurve voraus.

Und er rät dringend von einem Besuch in solch einer Werkstatt ab. Die meisten Waffenschmiede in Misrata geben unumwunden zu, dass sie keine Ahnung von ihrer Tätigkeit haben. Eine Alternative allerdings haben sie nicht, jeden Tag flattern neue Bestellungen von der Front auf die Werkbank.

Übersetzt aus dem Amerikanischen von Silke Mülherr

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