05.03.13

Schifffahrt

Klimawandel könnte Nordpol-Route möglich machen

Die Eisschmelze erleichtert nicht nur den Zugang zu den bislang ungenutzten Erdgas- und Ölvorkommen am Nordpol, die Schmelze legt auch neue Schifffahrtsrouten zwischen Europa, Asien und Amerika frei.

Foto: UCLA

Forscher zeigen mögliche neue Schiffsrouten in der Arktis auf: In wenigen Jahrzehnten könnte eine gerade Route direkt über den Nordpol führen. Die rot markierten Routen können von Schiffen der Polarklasse 6 (Eisdicke bis zu einem Meter) befahren werden. Die blau markierten Routen können von allen hochseetüchtigen Schiffen befahren werden
Forscher zeigen mögliche neue Schiffsrouten in der Arktis auf: Ab 2040 könnte eine gerade Route direkt über den Nordpol führen. Die rot markierten Routen können von Schiffen der Polarklasse 6 (Eisdicke bis zu einem Meter) befahren werden. Die blau markierten Routen können von allen hochseetüchtigen Schiffen befahren werden

Die schmelzenden Eismassen infolge der Erderwärmung könnten bis zur Mitte des Jahrhunderts neue Schiffsrouten durch die Arktis ermöglichen. Das zeigt eine neue Analyse, die US-Forscher in den "Proceedings" der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften ("PNAS") vorstellen. Experten warnen jedoch vor drohenden Gefahren.

Für ihre Untersuchung kombinierten Laurence Smith und Scott Stephenson von der University of California (Los Angeles) die Ergebnisse von sieben anerkannten globalen Klimamodellen. Mithilfe der Daten simulierten sie ein Modell des Arktischen Ozeans und ließen ein Navigationsprogramm mögliche neue Routen für verschiedene Schiffstypen berechnen.

Ihre Berechnungen beschränkten sie dabei auf September, den Monat mit der geringsten Eisdichte in der Arktis. Insgesamt werde die Schiffbarkeit in der Region bis Mitte des Jahrhunderts deutlich zunehmen, berichten die Forscher.

Vom Pazifik über den Nordpol zum Atlantik

Die Forscher gehen davon aus, dass Hochseeschiffe bis Mitte des Jahrhunderts immer häufiger über die Nordostpassage vor der Küste Sibiriens gelangen können. Eisfeste kommerzielle Schiffe der Polarklasse PC6 könnten dann vom Pazifik bis zum Atlantik sogar in einer geraden Route über den Nordpol hinweg fahren. Die Polarklasse bezeichnet die Einstufung der Eisfestigkeit von Schiffen, die für eisbedeckte Gewässer gebaut wurden und eine spezielle Eisverstärkung besitzen.

"Bislang hat noch niemand über die Schifffahrt direkt über den Nordpol hinweg gesprochen", sagte Smith. Die Route sei um 20 Prozent kürzer als die heutige am stärksten befahrene entlang der Küste Russlands.

Derzeit sei zudem die Nordwest-Passage entlang Kanada und Alaska nur in einem von sieben Jahren befahrbar und damit unberechenbar für die kommerzielle Schifffahrt. Doch bei der voranschreitenden Eisschmelze könnte die Durchfahrt Mitte September in jedem zweiten Jahr für solche Schiffe möglich sein.

Die Forscher betonen jedoch, dass die Studie ausschließlich eine geophysikalische Perspektive einnimmt. Andere Sichtweisen, beispielsweise aus ökonomischer, ökologischer oder politischer Perspektive, werden darin nicht berücksichtigt.

Flüssiggastanker hat Nordostpassage bereits passiert

Bereits im Vergangenem Jahr sorgte die Meldung für Aufsehen, dass erstmals im November ein norwegischer Tanker mit Flüssiggas die Nordostpassage vor der sibirischen Küste passiert habe.

Anfang November hatte die "Ob River", beladen mit 134.738 Kubikmeter flüssigem Gas (LNG), die Leinen im nordnorwegischen Hammerfest losgemacht. Statt wie bisher via Suezkanal stand vor der Besatzung jetzt eine um 20 Tage verkürzte Reise längs der Küste vor Sibirien und durch die Beringstraße Richtung Japan.

Die Reederei Dynagas hatte diesen ersten Gastransport durch die früher im November eigentlich nicht passierbare Nordostpassage ein Jahr lang vorbereitet. Als Test war das Schiff vorher ohne Ladung in umgekehrter Richtung in westlicher Richtung gefahren.

Dass dieses Pilotprojekt, das auch zur auch Sammlung von neuen Daten für die kommerzielle Schifffahrt diente, so erfolgreich war, freute die Verkäufer von norwegischem Gas aus den arktischen Vorkommen vor Hammerfest. Können sie doch ihr Produkt künftig mit dem viel kürzeren Transportweg statt nur bis nach Europa und Nordamerika auch zahlungswilligen Kunden in Asien bis zur Haustür bringen.

Kritiker warnen vor Umweltkatastrophen

Experten beobachten diese Entwicklung mit Sorge: "Ich fürchte, jetzt wird der Schiffsverkehr durch die Nordostpassage sehr schnell und drastisch zunehmen, ohne dass für ausreichend Sicherheit gesorgt ist", sagte Thomas Nilsen vom Online-Magazin "Barents Observer" zum Fall des Tankers.

Es gebe doch praktisch keine Katastrophen-Bereitschaft, moniert er und verwies auf die riesigen Entfernungen, die im Fall einer Havarie in dem ökologisch hochempfindlichen Polarmeer zu überbrücken wären. "Alle sollten sich an die Katastrophe mit der "Exxon Valdez" vor Alaska erinnern. So etwas hätte auch hier dramatische Konsequenzen."

Richtig Riskant kann es laut Nilsen werden, wenn Schiffe sich bei weiter zurückgehendem Eis noch weiter nördlich außerhalb des russischen Seegebietes bewegen. Jetzt gebe es wenigstens noch die nationalen Vorschriften, wie etwa für die Bauweise der Schiffe und ihre obligatorische Begleitung durch Eisbrecher.

Ansturm auf fossile Brennstoffe befürchtet

Andere Experten warnen vor einer Zerstörung des Ökosystems durch die Ausbeutung von Rohstoffen. Das zurückweichende Eis erleichtere deutlich den Zugang zu bislang ungenutzten Erdgas- und Ölvorkommen, schreibt das Umweltprogramms der Vereinten Nationen (Unep) im Jahresreport 2013.

Die arktische Sommereisdecke sei 2012 auf ein Rekordtief von 3,4 Millionen Quadratkilometern geschrumpft. "Das Schmelzen des Eises verursacht einen Ansturm auf genau die fossilen Brennstoffe, die das Schmelzen überhaupt erst angetrieben haben", kritisierte Unep-Chef Achim Steiner bei der Präsentation des Reports Mitte Februar.

Nach Einschätzung von Wissenschaftlern wird sich der Abbau von Rohstoffen in der Arktis künftig kaum verhindern lassen. Geologen schätzen, dass sich 30 Prozent der unentdeckten Erdgasvorkommen und 13 Prozent der unentdeckten Erdölvorräte sowie Gold, Silber, Eisen, seltene Erden und Kohle in der Nordpolarregion befinden.

Klima- und Polarforscher registrieren bereits ein wachsendes Interesse von Kollegen aus anderen Disziplinen an der Arktis: Auch Wirtschaftswissenschaftler, Fischereibiologen und andere hätten Interesse an Studien, die zeigen, wie sich das Meereis verändert.

Quelle: OC mit dpa
Foto: Florian Schulz/visionsofthewild.com/National Geographic

Über mehrere Jahre war Florian Schulz immer wieder in der Arktis unterwegs - von Norwegen über Grönland bis nach Alaska ist er etliche tausend Kilometer durch das ewige Eis gereist. Bei seiner Expedition sind dem Naturfotografen Motive gelungen, die problemlos auf Postkarten gedruckt werden könnten – wenn es denn in der Arktis mehr Verkaufsstellen für die Grüße aus dem Urlaub geben würde. Das aber scheint nur eine Frage der Zeit: Zum Leidweisen von Wissenschaftlern zieht es zunehmend Touristen in die Abgeschiedenheit der Arktis, vor allem nach Norwegen. Die Fotografien von Florian Schulz sind im Bildband „Ein Jahr durch die Arktis“ (Verlag National Geographic) erschienen.

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