05.03.13

Kinofilm "No"

Wie ein unpolitischer Werbemann Pinochet besiegte

Ein Werber besiegt den chilenischen Diktator Augusto Pinochet: Der Film "No" erzählt diese David-gegen-Goliath-Geschichte mit grobkörnigen Retro-Bildern. Ein großer Spaß mit bitterem Beigeschmack.

Von Lisa Goldmann

Der Film "No" des Chilenen Pablo Larraín scheint ganz wunderbar in unsere Zeit zu passen. Und das nicht obwohl, sondern, weil er eine 25 Jahre alte Geschichte erzählt. Vergangenheitsbewältigungskino ist derzeit angesagt, fast die Hälfte der Filme, die dieses Jahr für den Oscar nominiert waren, thematisieren nationale Schlüsselereignisse. Doch anders als der Oscar-Gewinner "Argo", der sich mit dem Unterhaltungswert einer CIA-Rettungsaktion im Iran 1979 zufrieden gibt, erzählt "No" eine Geschichte, die über ihren zeitlichen Kontext hinaus weist.

Es geht um das Ende der Diktatur in Chile. 1988 ließ Diktator Augusto Pinochet, seit 15 Jahren an der Macht, ein Referendum durchführen. Das chilenische Volk konnte für "Si" und damit für Pinochet, oder mit "No" gegen ihn stimmen. Pinochet hatte sich dieses Referendum nach Druck aus dem Ausland selbst auferlegt, im sicheren Glauben, es zu gewinnen, das Land befand sich im wirtschaftlichen Aufschwung. Der völlig zersplitterten Opposition räumte Pinochet in den Wochen vor der Abstimmung jeden Tag 15 Minuten Sendezeit im staatlichen Fernsehen ein.

Politik nach einfachen Marketing-Regeln

"No" ist die Geschichte der Fernsehkampagne gegen Pinochet. Im Mittelpunkt steht der kreative Berater der Kampagne, René Saarveda, gespielt vom Mexikaner Gael García Bernal. Er ist ein unpolitischer Werbemann, die Kampagne interessiert ihn nicht aus politischer Überzeugung, sondern aus beruflichem Ehrgeiz.

Als ihm die Opposition ihre ersten Kampagnen-Entwürfe zeigt, abschreckende Bilder vom Terror Pinochets, von prügelnden Polizisten und toten Demonstranten, sagt René ganz lapidar: "Das verkauft sich nicht". Er wendet die einfachste Marketing-Regel an: Assoziiere dein Produkt mit positiven Gefühlen.

Die Kampagne, die René daraufhin entwickelt, sieht dementsprechend aus und wirkt angesichts des Terrors, den Pinochet verbreitet, nahezu absurd: lachende Menschen beim Picknick, Tänzer mit Walkman im Park, dazu ein buntes Regenbogen-Logo und ein fröhlicher Song. Die politischen Inhalte rücken völlig in den Hintergrund. Geschickt mischt Regisseur Larraín Fakt und Fiktion.

Ein Drittel des Films ist Archivmaterial, immer wieder werden die Kampagnenspots von damals gezeigt und in die Handlung integriert. Diese Bilder sind manchmal aberwitzig absurd, viele aber entfalten noch heute ihre Wirkung: Sie berühren emotional, der Song ist ein richtiger Ohrwurm.

Damit die 25 alten Fernsehspots nicht wie Fremdkörper aussehen, hat Larraín den ganzen Film auf U-matic gedreht, einem alten, grobkörnigen Videoformat. In Zeiten von HD eine mutige, aber brillante Entscheidung. Der Retro-Look passt stilistisch zu Renés Karottenhosen, die Archivbilder blenden sich nahtlos ein.

Es macht fast diebischen Spaß zu sehen, wie die Kampagne entsteht und wie sie langsam ihre Wirkung entfaltet. Das Pro-Pinochet-Lager weiß gar nicht, wie ihm geschieht, ihm bleibt nichts anderes übrig, als unbeholfen auf die Clips zu reagieren. Aus dem politischen Kampf wird ein Duell um das bewegendste Bild.

Kritische Reflexion an der Macht der Werbung

Doch der Spaß hinterlässt einen bitteren Beigeschmack. Regisseur Larraín und dem Drehbuchauto Pedro Peirano geht es nicht nur darum, eine spannende David-gegen-Goliath-Geschichte zu erzählen, ihr Film ist auch eine kritische Reflexion über die Macht der Werbung und die Kommerzialisierung der Politik.

Dafür nehmen sie sich erzählerische Freiheiten: Einen René Saarveda hat es in Echt nie gegeben, die Figur basiert lose auf den beiden realen Leitern der No-Kampagne, die jedoch Teil der politischen Opposition waren. Die Figur des Werbemanns René wird zur Metapher für ein marktliberales System, für das auch Pinochet steht. Der Diktator hat nach dem Sturz des Sozialisten Salvador Allende ein kapitalistisches System in Chile etabliert.

Mit Hilfe Renés schlägt die Opposition Pinochet mit seinen eigenen Waffen. Doch der Sieg, so der Film, ist teuer erkauft. Der Tyrann Pinochet hat seine Macht verloren, das neoliberale Wirtschaftssystem ist bis heute erhalten geblieben.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Multimedia

Chile nach Pinochets Tod

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Liebes-Nachhilfe Flirten wie ein Silberrücken
William und Kate Hip-Hop-Crashkurs für die Royals
Xbox-One vs PS4 Microsoft muss knappe Niederlage hinnehmen
Champions-League Guardiola will "überragende Leistung"
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Reisetipps

Zehn spannende Events weltweit im Mai

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote