05.03.13

Odilo Scherer

Brasilianer mit deutschen Wurzeln der nächste Papst?

Angeblich wünschen sich mächtige Kardinäle den Brasilianer Odilo Scherer als nächsten Papst. Der Theologe versteht sich bestens darauf, den Kontakt zu den Gläubigen zu pflegen – auch im Internet.

Foto: picture alliance / dpa

Kardinal Odilo Scherer aus Brasilien hat mächtige Fürsprecher im Vatikan
Kardinal Odilo Scherer aus Brasilien hat mächtige Fürsprecher im Vatikan

In keinem Land Lateinamerikas leben so viele deutschstämmige Menschen wie in Brasilien. Die Schätzungen schwanken zwischen fünf bis sieben Millionen. Anders als in Chile, wohin Mitte des 19. Jahrhunderts Deutsche aus meist protestantischen Gegenden immigrierten, suchten in Brasilien vor allem ungezählte deutsche Katholiken ihr Glück. So auch eine Familie Scherer, die Ende des 19. Jahrhunderts aus dem nordsaarländischen Flecken Theley nach Südamerika auswanderte.

Dort kam in Cerro Largo, im südlichsten Bundesstaat Rio Grande do Sul, am 21. September 1949 Otto Scherer auf die Welt, eines von elf Kindern des Ehepaares Edwino Scherer und seiner Frau Francisca, geborene Steffens.

Nach Studien der katholischen Theologie und Philosophie am katholischen Priesterseminar in Curitiba, der Hauptstadt des Bundesstaates Paraná, wurde Otto Scherer Ende 1976 zum Priester geweiht. Er nannte sich seit seinen frühen Jugendjahren "Odilo", was die weiche brasilianische Sprache viel leichter aussprechen kann als das harte deutsche "Otto".

Bischofsweihe durch deutschstämmigen Kardinal

Später folgten Studienjahre an der päpstlichen Universität "Gregoriana" in Rom, wo er 1991 zum Doktor der Theologie promoniert wurde. Scherer war in den 80er-Jahren auch als Seelsorger tätig. Übrigens nicht nur in Brasilien, sondern auch in Deutschland – genauer im hessischen Bad Vilbel.

Dort machte er Urlaubsvertretungen und fiel auf durch sein etwas altertümliches Deutsch, das stark durch den moselfränkischen Dialekt seiner Vorfahren geprägt ist. So erinnern sich etwa ältere Menschen in Bad Vilbel noch gut daran, wie Scherer als junger Priester – bescheiden, aber engagiert – mit den Sternsingern im kalten Winter durch die vereisten Straßen des Städtchens zog.

Aber zum Mittelpunkt seines Wirkens wurde dann doch das Lehren an den verschiedenen katholischen Priesterseminaren und Hochschulen Brasiliens. Ende November 2001 wurde Odilo Scherer von Papst Johannes Paul II. zum Weihbischof von Sao Paulo ernannt.

In Anlehnung an die Wandlungsformel bei der Kommunion in der Heiligen Messe suchte er sich für sein Kardinalswappen den Wahlspruch aus: "In meam commemorationem" – zu meinem Gedächtnis. Die Bischofsweihe nahm der inzwischen emeritierte brasilianische Kurienkardinal Cláudio Hummes vor, ebenfalls ein Sohn deutscher Einwanderer, aber diesmal aus dem Hunsrück.

Ein grundsolider Theologe

Im Jahr darauf wurde Weihbischof Scherer Generalsekretär der brasilianischen Bischofskonferenz, ein Amt, das er bis 2007 innehatte. In jenem Jahr betreute er auch als Generalsekretär die fünfte Generalkonferenz des lateinamerikanischen und karibischen Episkopats, eine der wichtigsten Plattformen für den Dialog zwischen den unterschiedlichen katholischen Kirchen Lateinamerikas.

Im März 2007 wurde Scherer von Papst Benedikt XVI. zum Erzbischof von Sao Paulo ernannt. Im November jenes Jahres nahm man ihn ins Kardinalskollegium auf. Warum fiel die Wahl gerade auf ihn?

Das dürfte verschiedene Gründe gehabt haben. Zum einen verfügt Scherer über eine grundsolide theologische Ausbildung, was gerade in der katholischen Kirche – immer noch – eine wichtige Rolle spielt. Zum anderen ist er ein überzeugender Seelsorger, der es schafft, die Anliegen der Kirche mit den Wünschen und Anliegen der Gläubigen in Einklang zu bringen.

Immer Distanz zur "Befreiungstheologie"

Außerdem hatte Scherer schon als junger Priester Distanz gehalten zu den gerade in Brasilien starken Repräsentanten der sogenannten "Befreiungstheologie".

Einer seiner deutschstämmigen Vorgänger im Amte des Erzbischofs von Sao Paulo, Paulo Evaristo Arns, war hingegen einer der prominentesten Vertreter dieser – in Zeiten des Kalten Krieges – am Marxismus orientierten Linie.

Sie konnte nur deshalb so stark werden, weil sie aus den reichen Diözesen Europas, vor allem auch den deutschen, massive wirtschaftliche, aber auch ideologische Unterstützung bekamen. Schließlich war die katholische Kirche in Deutschland schon damals zwar sehr reich, aber auch sehr glaubensarm – wenngleich noch nicht in dem Ausmaße wie heute.

Angeblich hat er mächtige Kardinale hinter sich

Aber die Kämpfe, die die katholische Kirche Lateinamerikas lange Zeit tief gespalten haben, sind längst vorbei: Die soziale Frage ist überall in die Pastorale integriert. Heute geht es in Brasilien viel mehr um die Stärkung des Profils der katholischen Kirche im Angesicht von immer schneller und stärker wachsenden evangelikalen Sekten. Aber das findet man in anderen Weltgegenden.

Mit diesen Erfahrungen und diesem Hintergrund wäre Odilo Scherer durchaus ein spannender Kandidat für die Papstnachfolge. Es heißt, äußerst einflussreiche italienische Kardinäle wie Angelo Sodano und Giovanni Batista Re, seien angeblich für Scherer.

Allerdings weiß man nicht, ob das unbedingt einen positiven Einfluss haben wird, schließlich sinkt die Akzeptanz der italienischen Kardinäle im Kardinalskollegium rapide. Sodano wirft man außerdem vor, den Fall des Gründers des mexikanischen Laienordens "Legionäre Christi" viel zu lange vertuscht zu haben.

Auch mit sozialen Netzwerken kennt Scherer sich aus

Für Deutschland wäre es ein unglaubliches Geschenk, sollte Kardinal Odilo Scherer Papst werden. Er kennt da Land seiner Vorfahren gut, spricht unsere Sprache und ist der Bundesrepublik auf vielfache Weise verbunden. Dazu gehört auch, dass er über enge Kontakte zu den verschiedenen Hilfswerken der katholischen Kirche in Deutschland verfügt, so etwa Adveniat in Essen, wo er häufig war.

Odilo Scherer hängt auch nicht so sehr an alten, klassischen Formen der Kommunikation, sondern ist längst über Twitter und Facebook mit seinen – häufig jüngeren – Gläubigen verbunden. Das passt ins Profil einer Nation, die wie kaum ein anderes Land in Lateinamerika die modernen Wege des Informationsaustausches nutzt.

Scherer, ein sehr stattlicher Mann mit zurückhaltend gewinnendem Wesen, ist ein durchaus aufgeschlossener und moderner Mensch. Er steht aber auch für die traditionellen Werte der katholischen Kirche, wie die Förderung der Familie und deren Erhalt als Urzelle der christlichen Gemeinschaft sowie das Bekenntnis zur Verankerung der katholischen Kirche in der ganzen Welt.

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