05.03.13

Nordafrika

Schmutzige Facebook-Jagd auf Marokkanerinnen

Auf marokkanischen Facebook-Seiten werden junge Mädchen als Huren verunglimpft – weil sie sich vermeintlich westlich geben. Die Bilder sind aus den Profilen der Mädchen geklaut.

Foto: Screenshot Die Welt

Mobbing im Netz: So werden junge Frauen bei Scoop Marrakech verhöhnt
Mobbing im Netz: So werden junge Frauen bei "scoop Marrakesch" verhöhnt

Zwei halbnackte junge Frauen, dazwischen ein Totenkopf – das ist das vielsagende Profilbild einer Facebook-Seite namens Scoop Marrakech. Es ist ein virtueller Pranger, um junge Marokkanerinnen zu terrorisieren, die sich "unzüchtig" kleiden oder zumindest neckisch in sozialen Medien darstellen.

Es gibt viele Versionen der Seite. Auf einer heißt es, es gehe darum, "Huren die Maske vom Gesicht zu reißen". Auf einer anderen gibt sich der Betreiber als Moralisierer aus, der "alle kritisiert, die sich schlecht benehmen".

Inzwischen existieren Dutzende solcher Facebook-Seiten, die alle Scoop Marrakech heißen, und dazu andere, die andere Städte im Titel tragen: Scoop Agadir, Scoop Casablanca. Oder gleich das ganze Land: Scoop maroc. Der Erfolg – denn die Seiten werden sehr häufig angesteuert – findet viele Nachahmer.

Fotos junger Frauen geklaut

Zu sehen sind darauf Fotos junger Frauen, oft aus deren eigener Selbstdarstellung auf Facebook oder Twitter geklaut. Dazu kommen herabwürdigende Kommentare, meistens im arabischen Chat-Alphabet verfasst, mit lateinischen Buchstaben, weswegen die Übersetzungsfunktion von Facebook die Texte nicht übersetzen kann – und die Facebook-Betreiber sie nicht als Hetze erkennen können. Dafür können alle Betrachter den Klarnamen der Mädchen sehen, sofern es sich um Facebook-Nutzerinnen handelt, und zuweilen wird sogar die Adresse ihrer Wohnung genannt.

Die Bloßstellung hat schon das Leben so manchen betroffenen Mädchens erschüttert, manche trauen sich nicht mehr in die Schule oder zur Arbeit, die Mutter eines Opfers soll einen Selbstmordversuch begangen haben. Manche löschen ihren Facebook-Account.

Die Mutigeren gingen zur Polizei. Der Betreiber der ursprünglichen Seite schien sich keine großen Sorgen zu machen, er postete sogar die Drohung einer Jurastudentin, gegen ihn vorzugehen, als Screenshot auf seiner Facebook-Chronik. Ein Leserkommentar dazu: "Hau ab, dreckige Hure".

Wenig später saß er aber doch hinter Gittern. Die marokkanische Polizei fasste ihn Ende Januar, verhörte ihn und gab bekannt: Es handele sich um einen 21-jährigen Arbeitslosen, sein Name wurde nur mit den Anfangsbuchstaben M-A-Z angedeutet. Er sei computersüchtig, aber nicht besonders frauenfeindlich.

Wieso die Hatz auf die Frauen?

Wieso dann die erbarmungslose Hatz auf die jungen Frauen? Es sei "ein Jux" gewesen, sagt die Polizei, der dann außer Kontrolle geraten sei, weil die Reaktion so gewaltig ausfiel. Das sei MAZ zu Kopf gestiegen, und er habe sich den fiesen Ton der härteren Kommentatoren zu eigen gemacht, um seinem Publikum zu gefallen.

Es klingt alles etwas merkwürdig, und bei genauerem Hinsehen hat die Geschichte einen ernsteren Hintergrund. Die Lockerung der Sitten, die aus dem Westen per Internet kam, hat sich auch in der muslimischen Welt verbreitet – aber weil es weitgehend tabu ist, öffentlich zu flirten, nutzen viele junge Leute in Ländern wie Marokko soziale Medien, um Partner zu finden. Dafür zeigen sich sich auf Fotos von sich selbst oft in offenherzigen Posen.

Das ist das eine. Das andere aber ist die Tatsache, dass in Marokko verdeckte Prostitution ein tatsächliches Problem ist – in Medienberichten ist davon die Rede, dass Marrakesch das neue Bangkok ist, allein in dieser Stadt dienten "5000 Privathäuser" als heimliche Treffs für Kunden und Prostituierte. Und diese "privaten Häuser" machen offenbar ebenfalls in den sozialen Medien auf sich aufmerksam.

Scoop-Seiten als Symptom eines Kulturschocks

Insgesamt ist die Scoop-Epidemie wohl Symptom eines Kulturschocks – eine Reaktion auf Sextourismus und eine allgemeine Auflösung islamischer Wertvorstellungen bei jungen Frauen. Vor einigen Jahren war es übrigens kein Marokkaner, sondern ein Belgier, der in Marokko zum Verbrecher wurde. Anfang der 2000er-Jahre verführte er mehr als 80 Frauen unter Vorspiegelung einer späteren Heirat zum Sex, filmte und fotografierte sie dabei heimlich und stellte das Ganze ins Internet. Einige der Frauen wurden damals von marokkanischen Gerichten verurteilt, der Täter aber – Philippe Servaty – freigelassen. Erst ein belgisches Gericht verurteilte ihn später zu zwei Jahren Haft.

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