01.03.13

Abgeschottetes Land

Wie es zum ersten Tweet aus Nordkorea kam

Den meisten Nordkoreanern ist das "internationale Internet" verboten. Nun dürfen Ausländer mit dem Smartphone ins Netz. Den ersten Tweet in der Geschichte des Landes versandte eine Reporterin.

Von Jean H. Lee
Foto: AP/dpa

Twittern und Fotos hochladen - das ist das Normalste von der Welt in den sozialen Netzwerken. In Nordkorea ist es eine kleine Revolution. Ausländer, die Nordkorea besuchen, dürfen das jetzt. Hier sieht man ein Banner in Pjöngjang, das sich auf den umstrittenen Atomtest im Februar 2013 bezieht.

5 Bilder

"Hello world from comms center in #Pyongyang." Mit diesem am Montag verschickten Tweet brach ein neues Zeitalter an. Es war vermutlich der erste Eintrag bei dem Kurznachrichtendienst, der per Handy aus Nordkorea kam. Versandt wurde er über den neuen Mobilfunkdienst des Landes.

Später machte ich mit meinem iPhone noch ein Foto von einem neuen Plakat zum Atomtest, mit dem Nordkorea am 12. Februar die Welt empörte. AP-Fotograf David Guttenfelder knipste einen Pendler, der in der Dämmerung unter einer Brücke hindurch ging. Wir luden diese Bilder mit der Ortsmarke "Pjöngjang" bei Instagram hoch.

Vergleichbares geschieht in den sozialen Medien Tag für Tag unzählige Male. Für nordkoreanische Verhältnisse dagegen war es revolutionär, steuert Pjöngjang doch normalerweise mit unzähligen Regeln und Vorschriften, welche Bilder und Informationen ins Land und hinaus gelangen.

Wie eine Zeitreise in die analoge Welt

Bislang mussten sich Besucher in Nordkorea strengen Auflagen unterwerfen. Als ich 2008 eine Busreise durch die entmilitarisierte Zone zur Grenzstadt Kaesong antrat, wurde uns im Vorfeld gesagt: "Keine Mobiltelefone, keine Teleobjektive, keine Fotos ohne Erlaubnis." Hinter geschlossenen Vorhängen fuhr unser Bus durchs Land, Soldaten wachten darüber, dass ja kein Objektiv nach draußen gerichtet wurde. Bei der Ausreise aus dem Land kontrollierten Grenzbeamte unsere Kameras und sahen sich alle Fotos an, auf dass wir keine fragwürdigen Bilder außer Landes nähmen.

2009 bot ich bei der Einreise mein iPhone nicht an, aber vergebens, der Grenzbeamte fand es beim Durchstöbern meines Gepäcks und schloss das Smartphone weg. Kein Telefon, kein Adressbuch, keine Musik – es war wie eine Zeitreise zurück in die analoge Welt.

Im Januar 2013 endlich zeichnete sich ein Wandel ab. "Bringen Sie das nächste Mal Ihr eigenes Telefon mit", sagte mir eine Vertreterin vom ägyptisch-nordkoreanischen Mobilfunkunternehmen Koryolink damals bei der Ausreise. Am nächsten Tag fiel die Vorschrift, dass Ausländer ihre Mobiltelefone abzugeben haben.

Ägypter und Nordkoreaner feiern Start des Angebots

Aber noch bot Koryolink kein Internet via Handy an. "Bald", sagten die nach Nordkorea abkommandierten Ägypter auf unsere Fragen immer. Vergangene Woche war es soweit: Internet via 3G-Mobilfunk würde in den nächsten Tagen möglich sein, hieß es, aber nur für Ausländer. Bei der Einreise im Februar mussten wir nur unsere Pässe vorzeigen, uns registrieren, die Identifikationsnummer unseres Handys angeben und unsere SIM-Karte von Koryolink einlegen – ein kostspieliges Vergnügen, denn SIM-Karten kosten in Nordkorea 50 Euro. Und während ein Anruf in die Schweiz unerklärlicherweise nur 38 Euro-Cent pro Minute kostet, schlägt ein Anruf in die USA mit über 6 Euro pro Minute zu Buche.

Am Montag gehörten wir zu den ersten, die den neuen Dienst in Anspruch nahmen. Nachdem wir unsere 75 Euro Gebühr für die Aktivierung berappt hatten, war kurz darauf schon der erste Tweet gesandt – während im Koryolink-Büro Ägypter und Nordkoreaner den Start des Angebots feierten.

Auch Dennis Rodman twittert aus Nordkorea

Koreaner, egal ob aus dem Süden oder dem Norden, lieben elektronische Geräte. Entsprechend sorgte unsere Vorführung, wie man per Handy im Internet surfen kann, bei unseren Kollegen für große Augen. Handys sind in Nordkorea noch nicht an der Tagesordnung und selbst wer eines hat, kann damit nicht auf das "internationale" Internet zugreifen, wie es dort heißt. Das World Wide Web ist für den Großteil der Nordkoreaner verbotene Zone.

Die Universitäten verfügen über ein recht modernes Intranet, in dem allerdings eine strenge Zensur erfolgt und viel Propaganda veröffentlicht wird. Seit Kim Jong Un Forschung und Wissenschaft stärkere Priorität eingeräumt hat, tauchen auch vermehrt Laptops in nordkoreanischen Büros auf.

Wie nützlich die neuen Möglichkeiten sind, zeigte sich schon am Montag, als wir darüber sprachen, wie über die Ankunft von Dennis Rodman zu berichten sei. Der ehemalige Basketball-Superstar warb in Nordkorea für seinen Sport. Um über seine Vielzahl von Tätowierungen und Nasenpiercings zu recherchieren, taten wir, was bislang unmöglich gewesen wäre: in einem nordkoreanischen Restaurant sitzend googelten wir Rodman.

24 Stunden später wandte sich Rodman selbst per Tweet aus Nordkorea an die Welt. "Ich komme in Frieden", bestellte er den Bürgern des Landes. "Ich liebe das nordkoreanische Volk!"

Quelle: AP
Foto: AP/dpa

Zwei, die sich offensichtlich gut verstehen: Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un und Ex-NBA-Star Dennis Rodman verfolgen auf der Ehrenloge ein Basketballspiel

5 Bilder
© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Multimedia
Diktatur

"Alle eingehüllt in Flammen" – Nordkorea übt Krieg

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Belästigungsvideo "Ich betreibe Kampfsport und habe trotzdem…
Vorsicht Kamera! Hochzeit aus der Sicht einer Whiskey-Flasche
Nach Pokalsieg Pep Guardiola denkt nur noch an Borussia Dortmund
Israel Radikaler Rabbiner überlebt Attentat
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Kleine Horror-Show

Halloween, das Fest des Gruselns

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote