28.02.13

Papst-Abschied

Benedikts letzter Flug mit dem "Papakopter"

Der scheidende Papst hat den Vatikan per Hubschrauber verlassen. Auf dem Petersplatz in Rom nahmen Tausende Abschied. Viele waren fassungslos – doch heiterer konnte der Tag dennoch nicht sein.

Von Paul Badde
Quelle: Reuters
28.02.13 1:56 min.
In der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo richtete Papst Benedikt XVI. emotionale Abschiedsworte an seine Gläubigen. Zuvor hatte der Heilige Vater den Vatikan per Helikopter verlassen.

Und dann ist er weg: Verfolgt von den Blicken zahlreicher Anhänger entschwindet Papst Benedikt XVI. in seinem Diensthubschrauber, dem "Papakopter", in Richtung des päpstlichen Sommersitzes Castel Gandolfo. Es ist kurz nach 17 Uhr an diesem Donnerstag, keine drei Stunden mehr wird das Pontifikat des deutschen Papstes währen.

Auffällig ist an diesem historischen Tag allerdings, dass die Landsleute Benedikts auf dem Petersplatz eine winzige Minderheit sind. Doch wer sonst ist heute, an diesem historischen Tag, in Rom versammelt?

Natürlich die Polen. Dass die Papst waren, das weiß die ganze Welt. Als Karol Woityla die Augen schloss, gab es schon über zehn Jahre die Sowjetunion nicht mehr. Benedikt XVI. war Papst. Wir leider nie. Unsere schönste Schlagzeile ging nicht in Erfüllung und das springt auch am letzten Arbeitstag des Oberhirten aus Marktl am Inn auf dem Petersplatz in Augen und Ohren.

"Moje gratulacje! Herzlichen Glückwunsch!" sagen die polnischen Pilger hier noch einmal. "Complimenti!" die Italiener, "Respect!" die Amerikaner, viele mit Tränen in den Augen, als sie hören, dass wir Landsleute Benedikts sind, der sich vom Gipfel der Weltkirche ins Schweigen verabschiedet. Manche verbeugen sich, andere greifen nach der Hand. Franzosen, Spanier, Chinesen stehen immer noch fassungslos unter dem berühmtesten Fenster der Welt, in dem schon die Vorhänge zugezogen sind.

Ein Jahrhundertereignis auf dem Petersplatz

Dennoch: Heiterer als jetzt kann ein Tag kaum sein. Diesmal scheint der Frühling wirklich schon im Februar anzufangen. Vor den Sicherheitsschleusen stauen sich die Besucherschlangen wie üblich vor dem Petersdom. Die vatikanischen Ordnungsdienste bauen die Holzeinzäunungen wieder ab, mit denen am Mittwoch die Massen noch verteilt und gelenkt wurden.

Die Stühle werden gestapelt von kleinen Traktoren abgeschleppt. Merkwürdige Aufregung hat viele Besucher überfallen, die noch etwas zu suchen scheinen, was nicht mehr da und nicht mehr festzuhalten ist.

Die hohen Dächer vor dem Petersplatz sind an Sender aus der ganzen Welt verkauft, bis hinauf zum Gianicolo-Hügel, wo gleißend helle Scheinwerfer aus den Übertragungszelten am helllichten Tag die Aufregung verstärken, die sich um das Jahrhundertereignis schmiegt: Ein Papst zieht sich vom Gipfel der katholischen Kirche auf einen Hügel des Gebets zurück.

Kardinäle können Bestürzung nicht verbergen

Vor der Gitterabsperrung zum Petersplatz stehen Carabinieri mit Degen, in roten Paradeuniformen, obwohl Italien von dem friedlichen Umsturz gar nicht betroffen ist. Kameraleute laufen hin und her. Kaum ein Tourist ist vor einem der vielen Mikrofone sicher, mit denen Stimmen zur Lage und dem Zustand der katholischen Kirche eingefangen werden.

Viele Kardinäle können ihre Bestürzung immer noch nicht verbergen, doch sie schweigen beharrlich. Einige stehen bis jetzt unter Schock. Doch jetzt kommen – wie zum Sterben Johannes' Paul II. – plötzlich Jugendliche aller Nationen und setzen sich um den Obelisken zum Gebet des Rosenkranzes auf das Pflaster.

Unter dem Fenster des Papstes sind große Teile der Kolonnaden seit Wochen eingerüstet und zu Reinigungsarbeiten verdeckt. In diesen Tagen ist kein Bild sprechender: Baustelle Vatikan.

Heute kann Gänswein wieder lachen

Erzbischof Georg Gänswein, der Sekretär des Papstes, hat am Abend zuvor seine letzten Sachen gepackt, ging noch einmal zum Gebet vor den Tabernakel in die Kapelle und löschte danach das Licht.

An diesem Morgen aber – während fast so viele Journalisten wie Touristen und Pilger über den Petersplatz irren – ist Gänswein lachend wie immer dabei, als sich der Papst von den schon nach Rom angereisten Kardinälen und anderen Klerikern der Kurie verabschiedet, die sich auf den lachsrosa bezogenen Samtstühlen in der Sala Clementina versammelt haben. Der barocke Prachtsaal ist eine Drehscheibe historischer Ereignisse, jetzt ist er ein Ort der Wehmut.

Bevor der Papst das Wort ergreift, bedankt sich der Kardinaldekan Angelo Sodano im Namen aller beim Pontifex und ruft Worte aus der Apokalypse zum Ende aller Geschichte und der Ankunft eines "neuen Himmels und einer neuen Erde" in Erinnerung.

An Benedikts Seite hätten sie in den letzten acht Jahren die Erfahrung der Jünger von Emmaus wiederholt, die auf dem Rückweg nach Jerusalem riefen: "Brannte nicht das Herz in uns, als er unterwegs mit uns redete und die Schrift auslegte?" Dann legt der nüchterne Piemontese das Blatt weg und bedankt sich bei Benedikt XVI. nur noch mit einem deutschen "Vergelt's Gott!".

Papst: "Die Kirche ist lebendige Realität"

Es ist 12.07 Uhr und ab jetzt könnte man die Uhr ticken hören bis zum Ende des Pontifikats in weniger als acht Stunden. Der Papst hat wieder die purpurrote Mozetta angelegt, ein letztes Mal, noch trägt er die Stola und den Fischerring. Er hat dem Kardinaldekan gelauscht, bedankt sich und greift das Wort der erregten Jünger von Emmaus nach den Tagen der Kreuzigung und Auferstehung Christi auf den Straßen vor Jerusalem noch einmal auf.

Ja, so sei es auch ihm gegangen in diesen letzten acht Jahren, in "wunderschönen und lichten Momenten der Kirche" und in "Momenten, in denen sich einige Wolken am Himmel zeigten".

Jetzt aber sei vor allem die Zeit des Dankes gekommen, in der er allen ein Wort Romano Guardinis hinterlassen wolle, das ihm besonders teuer sei. "Die Kirche ist keine erfundene Institution, die am Tisch erschaffen wurde, sondern eine lebendige Realität. Sie lebt entlang dem Lauf der Zeit auf die Zukunft gerichtet, wie jedes Lebewesen, und verändert sich. Und doch bleibt sie immer dieselbe. Ihr Herz ist Christus."

Und wäre dies nicht eine Erfahrung, die am Mittwoch mit ihm alle zusammen auf dem Petersplatz gemacht hätten: dass die Kirche in der Welt sei, aber nicht von der Welt! Dann kommt er zum Schluss, bittet um das Gebet für den Heiligen Geist im Konklave, verspricht dem "neuen Papst" vor diesen Zeugen wie ein Mönch schon jetzt "bedingungslose Ehrerbietung und bedingungslosen Gehorsam" und segnet alle ein letztes Mal.

Die Kardinale kennt er alle

Zum letzten Mal bekommt er von den Kardinälen, die sich von ihren Stühlen erhoben haben, Applaus, bevor alle einzeln vor ihn treten und sich von ihm verabschieden, in einer Prozession, aus aller Welt. Er umfängt die Hände mit beiden Händen, lächelt, umarmt.

Louis Antonio Tagle, der junge Kardinal von Manila, flüstert ihm etwas ins Ohr und lacht laut auf, andere fangen Minidebatten an, Kardinal Sardi lächelt ihn zu einigen letzten Erklärungen an und er lächelt zurück, Kardinal Schönborn bringt ihm zwei Bücher mit. Er kennt sie alle wie kein anderer, die ihn verabschieden: Silvestrini, Scherer, Ranjith, Dolan, Pell.

Noch ein letztes Foto mit seinen Mitarbeitern, dann reicht Georg Gänswein ihm den Stock, mit dem er um 12.07 die Sala Clementina verlässt. Die Türen schließen sich. Der Hubschrauber, der den Papst etwa fünf Stunden später nach Castel Gandolfo bringen wird, steht vollgetankt im Garten. Auf dem Petersplatz haben sich die Betenden dramatisch vermehrt.

Zu einem letzten Atemholen für ein letztes Adieu – bevor der "einfache Arbeiter", als der sich Benedikt XVI. hier vor acht Jahren vorstellte, nun noch höher in den Weinberg steigt.

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