28.02.13

Tarcisio Bertone

Der Camerlengo veranlasst Vernichtung des Fischerrings

Bertone übernimmt als Camerlengo nach Benedikts Rücktritt am Abend die Interims-Leitung im Vatikan. Bis zur Papst-Wahl ist noch viel zu tun: Die Sixtinische Kapelle braucht einen neuen mobilen Ofen.

Von Gernot Facius
Foto: AP/dpa

Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone (l.) lässt den Ring des Papstes zerstören
Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone (l.) lässt den Ring des Papstes zerstören

Wenn der Papst in die Sommerresidenz Castel Gandolfo abgereist und der Stuhl Petri verwaist ist, beginnt die Arbeit der Zurückgebliebenen in Rom. Der Camerlengo (Kardinalkämmerer), in diesem Fall der bisherige Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, 78, wird, so will es das Kirchenrecht, die Vernichtung des Fischerrings veranlassen.

Das Schmuckstück verdankt seinen Namen einer Abbildung des Apostelfürsten Petrus, der ein Netz mit Fischen in ein Boot zieht. Ein Ring dieser Art wird jeweils einem neu gewählten Papst während der Amtseinführung vom Kardinaldekan, dem ranghöchsten Kardinal, zusammen mit einer weißen Wollstola, dem Pallium, übergeben.

Kardinaldekan ist Angelo Sodano, 85, Vorgänger von Bertone im Amt des Kardinalstaatssekretärs. Offiziell wird die Kirche während der Sedisvakanz ("leerer Stuhl Petri") vom gesamten Kardinalskollegium geleitet. Zusammen mit drei weiteren Purpurträgern, die per Los bestimmt werden und alle drei Tage wechseln, bildet Bertone allerdings den Kern einer Interims-Leitung. Sie bestimmt auch, wann die sogenannte Generalkongregation zusammentritt, um die Papstwahl vorzubereiten.

Dekan führt Kardinäle in Sixtinische Kapelle

Dieses Gremium wird von Kardinaldekan Sodano geleitet. Er ist zu alt, um am Konklave teilnehmen zu können. Aber Sodano ist gut vernetzt, er hat noch immer Einfluss. Er wird vor seinen Mitbrüdern die feierliche Messe "Pro Eligendo Romano Pontifice" zelebrieren und die Kardinäle dann zum Wahlort führen. Noch ist offen, wann das "Vorkonklave" beginnt, und erst recht, wann die derzeit 115 wahlberechtigten Kardinäle in Chorkleidung, den alten Pfingsthymnus "Veni Creator Spiritus" (Komm, Schöpfergeist") singend, in die Sixtinische Kapelle, das prächtigste Wahllokal der Welt, mit den weltberühmten Deckenfresken von Michelangelo, ("Das Jüngste Gericht"), zum Konklave einziehen.

"Cum clave" bedeutet "mit Schlüssel": Die Purpurträger, von denen keiner am Tag der Sedisvakanz das Alter von 80 Jahren erreicht haben darf, schließen sich ein, um frei wählen zu können - abgeschottet von Einflüssen von außen. Sie dürfen weder Zeitung lesen, Radio hören, fernsehen oder im Internet surfen. Telefonieren und Twittern ist ebenfalls untersagt. Techniker werden vor Konklave-Eröffnung prüfen, ob eventuell Abhörgeräte versteckt sind.

Die Kardinäle schwören, die Regeln genau einzuhalten. Mit seinem am Montag herausgegebenen Erlass hat Benedikt XVI. sämtlichen beteiligten Purpurträgern verboten, sich über die Papstwahl oder die Vorbereitungen zu äußern, andernfalls droht die Exkommunikation. Mit dem Ruf "Extra omnes" ("alle hinaus") werden alle nicht Stimmberechtigten aufgefordert, die Sixtina zu verlassen.

Der dritte Wahlhelfer verliest den Namen

Tarcisio Bertone übernimmt die Leitung. Nacheinander bringen die Kardinäle ihre Stimmzettel zum Altar, knien nieder und rufen Christus zum Zeugen an, dass sie denjenigen wählen, von dem glauben, dass er "nach Gottes Willen gewählt werden muss". Dann lassen sie den Zettel in die Wahlurne gleiten. Jeder Stimmzettel wird nacheinander von jedem der drei Wahlhelfer gelesen, der dritte verliest den Namen laut.

Pro Tag gibt es bis zu vier Wahlgänge, so lange, bis mit Zweidrittelmehrheit ein neuer Papst feststeht. Bis 2007 galt die Regelung, wonach nur bis zum 33. Wahlgang eine Zweidrittelmehrheit erforderlich war. Später legte Benedikt fest, dass es nach dem 33. Wahlgang so viele Stichwahlen zwischen den beiden stärksten Kandidaten geben muss, bis mit der Zweidrittelmehrheit ein neuer Papst gefunden ist.

Nach drei Tagen ohne Entscheidung legen die Kardinäle eine eintägige Gebetspause ein. Jeweils nach den Wahlgängen werden die Stimmzettel verbrannt. Weißer Rauch signalisiert eine erfolgreiche Wahl. Schwarzer Rauch: Es gibt noch keine Einigung. Bei der Wahl von Joseph Ratzinger im April 2005 waren nur vier Wahlgänge notwendig.

Der Gewählte geht in den Raum der Tränen

Auch die Wahlen im 20. Jahrhundert dauerten nie länger als vier Tage. Ganz im Gegensatz zum Mittelalter: Ein Konklave konnte sich über mehrere Jahre hinziehen. Um die Entscheidungsfindung zu beschleunigen, wurden die Wahlmänner eingeschlossen.

Haben sich die Kardinäle entschieden, wird der Gewählte vom Kardinaldiakon gefragt, ob er die Wahl annimmt. Der neue Papst geht dann in den sogenannten Raum der Tränen, er kleidet sich in eine weiße Soutane, legt darüber eine mit Goldbrokat bestickte Stola und nimmt das Gehorsamsversprechen der Kardinäle entgegen. Die Zeremonie endet mit dem Hymnus "Großer Gott, wir loben dich".

Normalerweise - nach dem Tod eines Pontifex - beginnt das Konklave 15 bis 20 Tage nach Beginn der Sedisvakanz. Den Kardinälen soll ausreichend Zeit gegeben werden, nach Rom zu reisen. Diesmal, nach der Demission von Benedikt XVI., ist es möglicherweise anders. Noch kurz vor seinem Abschied hat Benedikt festgelegt, dass das Kardinalskollegium entscheiden darf, ob es die Wahl vorzieht. Damit wurde zwar eine Rechtsunsicherheit beseitigt, die zu einigen Spekulationen geführt hatte. Aber eine Garantie für einen baldigen Zusammentritt der Versammlung, eventuell noch vor dem 15. März, ist damit nicht gegeben.

Neuer Fußboden, neue Stühle, neuer Fußboden

Und bevor die Wahlmänner, auf den Heiligen Geist vertrauend, in Klausur gehen, müssen höchst irdische Aufgaben erledigt werden. Die Sixtinische Kapelle braucht einen neuen Fußboden und Tischreihen samt gepolsterten Stühlen, dazu - im hinteren Bereich - einen neuen mobilen Ofen mit Schornstein auf dem Dach, damit der weiße oder schwarze Rauch aufsteigen kann.

Die erfolgreiche Wahl wird zusätzlich durch Glockengeläut kundgetan. Auf der Loggia des Petersdoms verkündet dann der dienstälteste Kardinaldiakon "Habemus Papam" ("Wir haben einen Papst"), und der Pontifex erteilt den Gläubigen den Segen "Urbi et Orbi" ("Der Stadt und dem Erdkreis"). Mit der Übernahme des Pontifikats entscheidet sich der Gewählte für einen neuen Namen. Am häufigsten wurden bisher die Namen Johannes (23 Mal), Gregor (16 Mal), Benedikt (16 Mal), Klemens (14 Mal), Innozenz und Leo (jeweils 13 Mal) gewählt.

Auch bei diesem Konklave stellt Europa die meisten Wahlmänner, obwohl die Kirche vor allem in Übersee wächst. Der "alte Kontinent" schickt 60 Kardinäle, darunter sechs Deutsche: Paul Josef Cordes (78), Walter Kasper (79), Karl Lehmann (76), Reinhard Marx (59), Joachim Meisner (79) und Rainer Maria Woelki (56). Aus Lateinamerika kommen 19 und aus Nordamerika 14 Kardinäle. Afrika ist mit elf und Asien mit zehn Purpurträgern vertreten.

Kritische Stimmen aus Australien

Aus Australien kommt ein Wahlmann, George Pell, 71, Erzbischof von Sydney. Pell erregte Aufsehen durch kritische Anmerkungen zum Papst-Rücktritt. Er sprach von einem besorgniserregenden Präzedenzfall: "Leute, die etwa mit dem künftigen Papst nicht einer Meinung sein werden, könnten eine Kampagne starten, um ihn zum Rücktritt zu bewegen." Pell entwarf auch gleich ein Wunschprofil für den Benedikt-Nachfolger: "Er muss seine Theologie kennen, aber ich denke, ich bevorzuge jemanden, der die Kirche führen und zusammenhalten kann." Eine weitere versteckte Kritik an dem Papst aus Deutschland, der die Kirche fast acht Jahre regierte.

Mit dem Rückzug von Benedikt XVI. verlieren automatisch die Leiter der vatikanischen Kongregationen ihre Ämter. Das gilt auch für den Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, 65. Benedikt hatte ihn erst im Juli 2012 aus Regensburg nach Rom geholt, offenkundig als sein Vermächtnis. Müller, in Mainz geboren, ist der Nachnachfolger des Altbayern Joseph Ratzinger im Amt des oberster Glaubenswächters. Der emeritierte Papst leitete die Glaubenskongregation von 1981 bis April 2005.

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